Hamburg  Hamburger Fernsehturm: Vom innovativen Bauwerk zum Symbol verpasster Chancen

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Von MOPO
| 05.02.2026 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Deutschland, Hamburg, Heinrich-Hertz-Turm, Fernsehturm, Telemichel, Herbst, Herbstlaub, Architektur, Wahrzeichen, Skylin Foto: www.imago-images.de
Deutschland, Hamburg, Heinrich-Hertz-Turm, Fernsehturm, Telemichel, Herbst, Herbstlaub, Architektur, Wahrzeichen, Skylin Foto: www.imago-images.de
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Seit 2001 ist die Aussichtsplattform des Hamburger Fernsehturms geschlossen, doch eine Neueröffnung ist für 2031 geplant. Ein Blick zurück auf die Geschichte des „Telemichels“.

Als der Heinrich-Hertz-Turm am 12. April 1968 erstmals für Besucher öffnet, steht Hamburg Kopf. Schon früh am Morgen bilden sich lange Schlangen an der Feldstraße. Wer Glück hat, gehört zu den ersten 500 Gästen und fährt kostenlos nach oben.

Alle anderen zahlen zwei Mark – und bekommen dafür ein Erlebnis, das damals seinesgleichen sucht: In nur 24 Sekunden schießen die Fahrstühle auf 124 Meter Höhe. Manche Besucher weigern sich zunächst auszusteigen, weil sie nicht glauben können, dass die Fahrt schon vorbei ist. Andere kämpfen beim Weg nach unten mit Ohrendruck und flauem Magen. Die Geschwindigkeit selbst wird zur Attraktion. Der Fernsehturm ist eine Sensation. Bei seiner Eröffnung ist er – nach dem Münchner Olympiaturm – der zweithöchste Turm der Bundesrepublik und bietet einen Rundumblick, wie Hamburg ihn bis dahin nicht kennt.

Dazu kommt der eigentliche Clou: ein Restaurant in schwindelerregender Höhe. Wer hier sitzt, sieht die Sonne untergehen, während sich der Boden fast unmerklich bewegt. Innerhalb einer Stunde dreht sich das Restaurant einmal rundum. 21.500 kleine Glühbirnen verhindern störende Spiegelungen in den Panoramascheiben. Unten wird gekocht, oben nur noch angerichtet: nachmittags Kaffee und Kuchen satt, abends Filetgulasch oder T-Bone-Steak. Hamburg ist stolz auf seinen Turm. Dabei war der Weg dorthin umstritten.

Die Geschichte beginnt Anfang der 1960er-Jahre mit einem Architektenwettbewerb. Der alte Bunker an der Feldstraße, auf dessen Dach bislang die Antennen stehen, reicht nicht mehr aus. Immer mehr Haushalte bekommen Telefon und Fernseher, die Funkwellen brauchen Höhe.

Gewonnen wird der Wettbewerb vom Stuttgarter Architekten Fritz Trautwein. Sein Entwurf polarisiert. Kritiker sprechen von einer „langweiligen Betonröhre“. Noch heftiger wird über das geplante Restaurant gestritten. Braucht Hamburg so etwas wirklich? Oberbaudirektor Werner Hebebrand setzt sich durch. Die Hamburger Bevölkerung, sagt er, hätte kein Verständnis, wenn es kein Lokal gäbe.

1965 beginnen die Bauarbeiten. Errichtet wird der Turm in Gleitschalbauweise – einer damals modernen und höchst anspruchsvollen Technik. Der Stahlbeton wird nicht Etage für Etage gegossen, sondern kontinuierlich nach oben gezogen. Tag und Nacht, über Wochen hinweg. Geplant ist, dass der Schaft Woche für Woche um rund zehn Meter wächst. Für Hamburg ist das Neuland. Noch nie zuvor ist in der Stadt ein Bauwerk dieser Höhe auf diese Weise entstanden. Das Fundament wird tief in den Boden getrieben, der Schaft verjüngt sich, je weiter er nach oben wächst. In 90 Metern beginnt der Turmkopf. Die Plattformen entstehen nicht als fertiger „Korb“ am Boden. Die Teile werden unten vorbereitet, nach oben gehoben und erst dort am Schaft Schritt für Schritt montiert. So bleibt das Gewicht kontrollierbar – und die Statik beherrschbar.

Zwischendurch wird es brenzlig. Bei Schweißarbeiten geraten Holz und Plastikplanen in Brand, dichter Rauch steigt auf. Für einen Moment steht der Bau still. Nach 15 Minuten ist das Feuer gelöscht, der Schaden begrenzt. Es ist einer dieser Vorfälle, an die sich später kaum jemand erinnert – und die doch zeigen, wie riskant das Unternehmen ist.

Besonders anspruchsvoll ist der Einbau der Aufzüge. Sie sollen schneller fahren als alles, was Hamburg bis dahin kennt: sechs Meter pro Sekunde. Die Schächte verlaufen mitten durch den Schaft, die Technik muss zuverlässig und erschütterungsarm sein. Als der Turm 1968 öffnet, funktioniert das System reibungslos. Die Fahrzeit selbst wird zum Gesprächsthema.

Auch das drehbare Restaurant ist eine ingenieurtechnische Besonderheit. Möglich macht es ein massiver stählerner Ring, der den drehbaren Bereich trägt, führt und antreibt. Elektromotoren sorgen dafür, dass sich der Boden langsam, fast unmerklich bewegt – einmal pro Stunde um die eigene Achse. Für die Gäste wirkt es spielerisch. Tatsächlich handelt es sich um eine komplexe Konstruktion, die dauerhaft Gewicht, Bewegung, Versorgungstechnik und Sicherheit miteinander verbinden muss.

Über Jahrzehnte ist der „Telemichel“ ein Publikumsmagnet. Schulklassen, Touristen, Familien – alle wollen nach oben. Doch in den 1990er-Jahren beginnt der schleichende Niedergang. Das Konzept wirkt nicht mehr zeitgemäß, die Besucherzahlen sinken. Und dann kommt das, was niemand erwartet.

2001 werden Restaurant und Aussichtsplattform geschlossen. Vorläufig, heißt es. Der Grund: Asbest. Eine Sanierung sei nötig, so heißt es. Viele glauben an eine kurze Pause. Doch aus Monaten werden Jahre. Die Räume verlieren ihren Bestandsschutz. Neue Brandschutz- und Rettungswegvorschriften greifen. Was 1968 zulässig war, ist Jahrzehnte später nicht mehr erlaubt. Jeder neue Plan wird komplizierter – und teurer.

Immer wieder keimt Hoffnung auf. 2011 sorgt ein spektakulärer Entwurf für Schlagzeilen, der den Turm mit einer Hülle umgeben und als Hotel nutzen will. Es bleibt bei Bildern. Ein anderes Mal verspricht ein Investor die Wiedereröffnung noch vor der Elbphilharmonie. Die Elbphilharmonie eröffnet – der Fernsehturm bleibt geschlossen.

Mit den Jahren wird der Telemichel zum Symbol verpasster Chancen. Ein Bauwerk, das funktioniert, aber nicht genutzt wird. Technisch unverzichtbar – touristisch tot.

Erst Ende 2025 kommt Bewegung in die Sache. Der Senat stimmt den Sanierungsplänen zu. Rund 40 Millionen Euro sollen investiert werden. 2028 sollen die Bauarbeiten beginnen, drei Jahre dauern – und 2031 soll der Turm wieder öffnen.

Doch es wird ein anderer Telemichel sein. Das drehende Restaurant kehrt nicht zurück. Der stählerne Ring, der die Drehbewegung möglich machte, gilt nach heutigen Statikvorgaben als zu schwer. Bei einer Neubewertung des Turms zählt jedes zusätzliche Gewicht, insbesondere hoch oben im Turmkopf. Was in den 1960er-Jahren als Meisterleistung galt, wird heute zum Risiko. Der Ring wird demontiert und entfernt. Stattdessen sind eine moderne Aussichtsplattform im 14. Stock und eine Eventfläche im 13. Stock geplant. Kein rotierender Boden mehr, kein „Kaffee und Kuchen satt“. Aber wieder ein Blick über die Stadt.

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