Berlin  Ein persönlicher Nachruf auf Rita Süssmuth: Unverzagt bis zu ihrem Ende

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 01.02.2026 18:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
CDU-Politikerin Rita Süssmuth war zehn Jahre lang Bundestagspräsidentin. Foto: dpa/Christoph Reichwein
CDU-Politikerin Rita Süssmuth war zehn Jahre lang Bundestagspräsidentin. Foto: dpa/Christoph Reichwein
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Rita Süssmuth war vom Zweiten Weltkrieg geprägt und zog daraus Lehren für ihr Leben. Unsere Berlin-Korrespondentin erinnert sich an ein persönliches Treffen mit dieser besonderen Frau.

Bis zuletzt konnte man sie manchmal auf der Besuchertribüne des Bundestages antreffen, ihre Anteilnahme am politischen Geschehen hat sie sich bis ins hohe Alter bewahrt. Sie gehörte quasi zum Inventar der Bundesrepublik. Jetzt ist Rita Süssmuth im Alter von 88 gestorben.

Sie war Ministerin und Bundestagspräsidentin, als Frauen in solchen Ämtern noch die Ausnahme waren. Wer ihr begegnete, konnte von der offenen Freundlichkeit, ihrem Interesse und ihrer unbändigen Tatkraft nur beeindruckt sein. 

Wir trafen sie im ersten Jahr des russischen Angriffs auf die Ukraine in ihrem Haus in Neuss zum Interview, wo sich auf ihrem Esstisch die Notizzettel und aktuellen Bücher zur Zeitgeschichte stapelten. Am Vorabend erst war die damals 85-Jährige von einer Reise aus Budapest zurückgekehrt. Der neue Krieg in Europa versetzte sie spürbar in große Unruhe. „Mein Leben war durch meine Kindheit im Krieg geprägt”, erzählte sie damals. Als Kind hatte sie miterlebt, wie ihre Tante nach einem Bombenangriff im Treppenhaus des Elternhauses verbrannte.

Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegsjahre bezeichnet sie als die Krise, die ihr ganzes Leben geprägt habe. Die „schreckliche Zerstörung” in der Ukraine belastete sie wegen dieser Erinnerungen auf besondere Weise. Mit der Politik der Bundesregierung war sie damals nicht zufrieden. „Wir müssen doch alles Erdenkliche versuchen, um diesen Krieg zu beenden.” 

Mit 85 Jahren fühlte sie sich noch einmal neu herausgefordert. Weniger bekannt als ihr Einsatz für die Aids-Prävention, die sie als Ministerin entgegen den Überzeugungen in ihrer Partei durchsetzte, oder ihren konsequenten Feminismus, mit dem sie vergeblich Parität in den Parlamenten einforderte, ist ihr Engagement der letzten Jahre für die Versöhnung mit den Staaten Osteuropas. Die deutsch-polnische Freundschaft zu pflegen und zu erhalten war ihr ein besonderes Anliegen. Sie sprach darüber mit der Lebenserfahrung einer Frau, die keine Errungenschaft für dauerhaft und selbstverständlich hält. 

Tief geprägt von ihrem christlichen Glauben und der Erfahrung der harten Jahre des Wiederaufbaus nach dem Krieg, erlebte sie das allgemeine Krisengefühl im heutigen Deutschland als Verzagtheit, für die sie kein Verständnis hatte. „Wir reden gerade viel über Überforderung, aber fragen wir doch erstmal, wie viel Energie entstehen kann, wenn sich der Mensch gefordert fühlt. Ich lebe mit dem Gedanken, zu verändern, was ich verändern kann. In aller Demut, aber auch mit einem Selbstbewusstsein darüber, dass wir nicht ohnmächtig sind”. 

Zu sagen, man schaffe das alles sowieso nicht, „kommt für mich nicht infrage”. “Wir müssen uns den Krisen stellen und uns zeigen, welche Kräfte wir haben. Wenn wir als Gesellschaft wieder mehr zusammenhalten, wird sehr viel mehr möglich.” 

Am Ende unseres langen Gesprächs in Neuss wurde Rita Süssmuth ungeduldig. Sie müsse noch die Koffer packen für ihre nächste Reise. Work-Live-Balance, das kannte sie nicht. Für sie war alles das Leben. „Jemand, der begeistert ist, von dem, was er tut, schaut doch nicht auf die Uhr. Er macht weiter, weil es in ihm brennt.” So hielt sie es selbst, solange sie konnte. 

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