Osnabrück Ernährungs-Doc Matthias Riedl im Clasen-Talk: „Wir essen uns depressiv und ängstlich“
Deutschland hat ein teures Gesundheitssystem, doch die Lebenserwartung sinkt. Ernährungsmediziner Matthias Riedl warnt im Clasen-Talk vor einer „ernährungsfeindlichen Umgebung“, die Körper und Psyche systematisch ruiniert.
Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, doch bei der Lebenserwartung ist das Land weit von der Weltspitze entfernt. Während Spanier im Schnitt drei Jahre länger leben, hat sich die Bundesrepublik mühsam auf die hinteren Plätze der westlichen Industrienationen „vorgearbeitet“.
Im aktuellen Clasen-Talk zum Thema „Isst Deutschland sich krank?“ findet der renommierte Ernährungsmediziner Matthias Riedl deutliche Worte für diese Diskrepanz: Die Ursache sei eindeutig die Ernährung, die hierzulande immer schlechter werde. Er schätzt: Rund 90 Prozent aller Arztbesuche in Deutschland seien heute auf Krankheiten zurückzuführen, die durch falsches Verhalten, primär eine fehlerhafte Ernährung, entstanden sind.
Die Statistik, die Matthias Riedl im Talk präsentiert, zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Volksgesundheit. Laut offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind über 50 Prozent der Deutschen übergewichtig oder adipös, etwa jeder dritte Erwachsene leidet an einer Fettleber, und die Zahl der Diabetiker steigt rasant.
Doch für den bekannten Ernährungs-Doc ist das kein individuelles Versagen der Bürger, sondern das Ergebnis einer systematischen Fehlsteuerung durch Politik und Industrie. „Wir essen uns krank, um uns dann vollkaskomäßig in der Praxis wieder gesund werden zu lassen“, sagt der Direktor des medicum Hamburg.
Er weist wiederholt auch den oft unterschätzten Zusammenhang zwischen dem, was auf dem Teller landet, und dem geistigen Wohlbefinden hin. Laut Riedl ist mittlerweile jeder dritte Deutsche psychisch krank. Während vor allem bei jungen Menschen, die sozialen Medien verantwortlich gemacht werden, sieht der Mediziner die Ursache tiefer – im Darm.
Die psychischen Folgen einer schlechten Ernährung sind laut Riedl dramatisch: „Wir essen uns nicht nur krank, wir essen uns auch depressiv und ängstlich“. Er macht dafür vor allem die „Astronautenkost“ verantwortlich – hochverarbeitete Lebensmittel, von denen sich der Durchschnittsdeutsche inzwischen zu 50 Prozent ernährt.
Diese Produkte führten zu einem massiven Nährstoffmangel: 30 Prozent der Bevölkerung leiden laut der Nationalen Verzehrstudie unter Magnesiummangel. Auch Omega-3-Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe kommen zu kurz.
Die Folgen seien fatal: Die Kognition sinkt, die Ängstlichkeit steigt. Riedl untermauert dies mit einer beeindruckenden Zahl: Bei einer nachweislich guten Ernährung verbessert sich die Schulleistung von Kindern um bis zu 50 Prozent im Vergleich zu schlecht ernährten Schülern.
Besonders alarmierend sei die Lage bei der jüngsten Generation. Riedl berichtet von einer jährlichen Steigerungsrate von fünf Prozent bei Typ-2-Diabetes-Erkrankungen unter Kindern. Eine Diagnose, die es vor 30 Jahren in dieser Altersgruppe praktisch nicht gab.
Inzwischen gelten 15 Prozent der Kinder in Deutschland als übergewichtig oder adipös. Riedl erinnert sich an seine eigene Schulzeit: Während früher fast alle Kinder mager waren und ein leicht kräftigeres Kind die absolute Ausnahme darstellte, gehört Übergewicht heute zum Alltag. Die Folgen sind fatal: Je früher Kinder dick werden, desto massiver sinkt ihre Lebenserwartung.
Die Ursache sieht er in der frühen Prägung durch die Industrie. Wer Kindern unter zwei Jahren bereits Zucker präsentiert, erhöht deren lebenslanges Risiko für Diabetes massiv. Dass Produkte wie „Quetschis“ oder Kinderkekse oft als „gesund“ oder „ohne Zuckerzusatz“ beworben werden, hält er für eine gefährliche Kundentäuschung.
Angesichts der Mangelerscheinungen boomt der Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Doch der Ernährungs-Doc warnt eindringlich vor dem „Marketing der Industrie“. Er rät dringend von einer pauschalen Einnahme ab: Supplemente sollten niemals ohne vorherige ärztliche Messung eingenommen werden. Eine unkontrollierte Überdosierung kann sogar gefährlich sein – zu viel Fischöl beispielsweise erhöht die Blutungsneigung und kann Herzrhythmusstörungen begünstigen.
Statt teurer Pillen empfiehlt der Experte eine gezielte Analyse der Ernährung, um Mängel über natürliche Lebensmittel auszugleichen.
Der schärfste Vorwurf richtete sich gegen die Lebensmittelhersteller. Rund 80 Prozent der Produkte im Supermarkt seien laut Riedl nicht für den dauerhaften Verzehr geeignet. Auch Labels wie „ohne Zuckerzusatz“ seien oft eine Kundentäuschung, da die Produkte von Natur aus bereits 20 Prozent Zucker enthalten können.
Diese Tricks wenden Lebensmittelhersteller laut Riedl an:
Besonders drastisch schildert Riedl das Beispiel der „Quetschis“. Diese seien kein Obstersatz, sondern reine „Diabetes- und Übergewichtstreiber“.
Trotz der düsteren Prognosen sieht Riedl einen pragmatischen Ausweg im „20-80-Prinzip“: Statt sich mit radikalen Diäten zu quälen, die langfristig ohnehin zum Scheitern verurteilt sind, gelte es, lediglich jene 20 Prozent der persönlichen Ernährungsfehler zu identifizieren, die für 80 Prozent der gesundheitlichen Probleme verantwortlich sind. Wer kleine Korrekturen im Alltag vornimmt, etwa beim Zuckerkonsum oder dem Snack-Verhalten, bewahrt seine Lebensqualität und erzielt dennoch messbare Erfolge.