Osnabrück  Vom Aufnahmelager an die Amtsspitze: Wie Tatjana Alberts Biografie ihren Beruf beeinflusst

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 01.02.2026 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit Januar Chefin der Landesaufnahmebehörde: Tatjana Albert, die zuvor bei der Stadt arbeitete. Foto: Lauren Rote
Seit Januar Chefin der Landesaufnahmebehörde: Tatjana Albert, die zuvor bei der Stadt arbeitete. Foto: Lauren Rote
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Seit Jahresbeginn leitet Tatjana Albert die Landesaufnahmebehörde in Osnabrück. Wie es ist, in einem fremden Land neu anzufangen, weiß die 40-Jährige aus eigener Erfahrung. Ihre Biografie habe sie zur Bewerbung bewogen, sagt sie.

Seit Jahresbeginn hat die Landesaufnahmebehörde (LAB) eine neue Leiterin: Tatjana Albert, zuvor Teamleiterin im Osnabrücker Stadthaus, hat den Posten übernommen. Die neue Aufgabe enthält Anklänge ihrer eigenen Biografie: Albert weiß aus eigenem Erleben, wie es ist, die Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land zu ziehen.

Auf den langen Fluren der Landesaufnahmebehörde am Natruper Holz verliert Albert manchmal noch kurz die Orientierung. Ansonsten scheint die 40-Jährige aber schon gut angekommen in ihrer neuen Aufgabe als Behördenleitung. Gut genug jedenfalls, um einen klaren Befund abzugeben: „Der Standort hier ist sehr gut aufgestellt.“

Für ihre neue Aufgabe leitet sie daraus eine ebenso klare Aufgabe ab: „Das zu erhalten und weiterzuentwickeln, die Netzwerke rund um die LAB zu pflegen und den Bewohnern das Bewusstsein zu vermitteln, dass sie und ihre kulturellen Hintergründe ernst genommen werden“, seien Ziele, die sie sich selbst gesetzt habe.

Insbesondere der letzte Aspekt weist deutliche Bezüge zu ihrer eigenen Biografie auf. Albert ist in Kirgistan geboren. 1994 wanderte ihre Familie nach Deutschland aus. Ihr Weg führte die Spätaussiedler ins damalige Grenzdurchgangslager Bramsche. „Da begann im März 1994 mein Leben in Deutschland“, erinnert sich Tatjana Albert. Die alte Heimat hinter sich zu lassen und in fremder Umgebung eine neue zu finden – diese Erfahrung sei ihr heute noch sehr präsent, sagt sie. „Deswegen habe ich mich auch auf diese Stelle beworben.“

Die Anfänge ihrer Familie in Deutschland seien schwierig gewesen, sagt sie. Gesellschaft und Bürokratie hätten damals wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit Neuankömmlingen gezeigt. Die bevormundende Praxis, Namen einzudeutschen und etwa einem „Wladimir“ den antiquierten Namen „Waldemar“ zu verpassen, sei ein prominentes Beispiel dafür. „Ich glaube, dass wir heute viel besser und offener sind. Die interkulturelle Kompetenz in der Gesellschaft ist heute höher.“

Parallel zu dieser sozialen Entwicklung lief die persönliche von Albert. Sie machte zunächst eine Ausbildung, holte dann das Abitur nach und studierte anschließend an der Hochschule Osnabrück den Studiengang „Öffentliche Verwaltung“. Anschließend arbeitete sie bei der Stadt Osnabrück, wo sie zuletzt Teamleiterin im Fachbereich Bildung, Schule und Sport war. Albert, die auch verheiratet ist und zwei Kinder hat, sagt mit Blick auf ihren Werdegang: „Das war schon harte Arbeit.“ Und die ist noch nicht abgeschlossen: Nebenberuflich studiert sie derzeit im Masterstudiengang „Public Management“.

In ihrer neuen Aufgabe ist Albert nun Chefin von rund 35 Mitarbeitern. Dazu koordiniert sie die Arbeit anderer Dienste und Akteure, die im Betrieb der LAB eine Rolle spielen: etwa Sicherheits- und Sozialdienst, die Zusammenarbeit mit der eigenständigen „Zentralstelle für beschleunigte Fachkräfteverfahren“ und das Netzwerk der zahlreichen Ehrenamtlichen, die an der LAB aktiv sind.

Aktuell leben rund 370 Bewohner aus 34 Ländern in der LAB. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien, der Türkei, Simbabwe, Guinea und Georgien. Die Zahl der Neuankömmlinge sei derzeit relativ niedrig, sagt Albert. Das könne sich aber jederzeit ändern – abhängig von der politischen Lage.

Einstweilen sind Austausch und Interaktion mit den Bewohnern ein weiterer Baustein in Alberts neuer Tätigkeit. Den füllen unter anderem die verschiedenen Möglichkeiten zur Resonanz, die es in der LAB gibt. Die Bewohner können etwa Verbesserungswünsche und Reparaturhinweise rückmelden.

Dazu gibt es einen Bewohnerrat und Bewohnersprechstunden. „Im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen wir, Verbesserungen zu schaffen, auf Wünsche einzugehen und Teilhabe zu schaffen“, sagt Albert. Ein Ansatz, der von den Bewohnern honoriert würde. Bisweilen erhalte die LAB Dankesbriefe – auch von früheren Bewohnern.

Vor Albert leitete Birgit Beylich seit 2018 die LAB in Osnabrück. Beylich ist mittlerweile an die Spitze der eigenständigen Zentralstelle für das beschleunigte Fachkräfteverfahren gewechselt.

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