Osnabrück  Und der Präsident taucht ab: Das DRK Osnabrück ist in der schlimmsten Krise kopflos

Wilfried Hinrichs
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Von Wilfried Hinrichs
| 31.01.2026 06:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ohne Führung? Der Präsident des insolventen DRK-Kreisverbandes Osnabrück-Stadt ist abgetaucht. Welche Rolle spielte er in dem Skandal? Foto: Claudia Sarrazin
Ohne Führung? Der Präsident des insolventen DRK-Kreisverbandes Osnabrück-Stadt ist abgetaucht. Welche Rolle spielte er in dem Skandal? Foto: Claudia Sarrazin
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Das DRK Osnabrück steckt in einer existenziellen Krise. Insolvenzantrag, Betrugsvorwürfe, Ermittlungen – und der Präsident ist abgetaucht. Welche Rolle spielt er im DRK-Skandal? Ist er Opfer oder Mitwisser? Eine Spurensuche.

Der DRK-Kreisverband Osnabrück hatte 2022 ein Problem: Keiner wollte Präsident werden. Plötzlich tauchte aus dem Nichts ein Kandidat auf, den keiner der altgedienten Mitglieder näher kannte: Michael Schneider. Heute, in der mutmaßlich schlimmsten Krise des 160 Jahre alten Kreisverbandes, ist er dort wieder abgetaucht, wo er herkam: im Nichts.

Wir haben versucht, mit Michael Schneider zu sprechen. Das Telefonat hat keine zehn Sekunden gedauert, da legte der amtierende DRK-Präsident auf. Dabei wäre gerade jetzt ein Wort des Präsidenten wichtig, um Mitglieder und Ehrenamtliche bei der Stange zu halten.

Doch der 54-Jährige schweigt. Auch in den Vorstandssitzungen soll er „nie etwas gesagt“ haben, wie ehemalige Vorstandsmitglieder unserer Redaktion berichten. Er habe immer nur zugehört, keine eigenen Akzente gesetzt und alles dem Geschäftsführer Mike Reil überlassen. Sogar die Leitung der Präsidiumssitzung.

Ex-Geschäftsführer Reil steht im Mittelpunkt eines Skandals, der das Ende des DRK-Vereins in der Stadt Osnabrück bedeuten könnte. Seit dem 18. Dezember 2025 läuft ein Insolvenzverfahren. Der Geschäftsführer wurde fristlos entlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Untreue. Der DRK-Verband Melle – wo Reil neben seinem Job als Geschäftsführer in Osnabrück als Buchhalter tätig war – wirft ihm darüber hinaus vor, durch Fälschung von Dienstanweisungen und Datenmanipulation einen Schaden in sechsstelliger Höhe verursacht zu haben.

Reil übernahm die Geschäftsführung des DRK-Stadtverbandes im Sommer 2022. Der Geschäftsführer ist hauptamtlich beschäftigt, der ihn kontrollierende Vorstand ehrenamtlich besetzt. Der Vorstand war zum Zeitpunkt des Einstiegs von Reil überaltert, wie kritische Stimmen heute sagen. Und weil sich niemand aus den eigenen Reihen um die Präsidentschaft bewarb, soll Reil – so schildern es DRK-Mitglieder – seinen früheren Arbeitskollegen Michael Schneider aus dem Hut gezaubert haben.

Schneider und Reil haben mal zusammen bei einem Logistiker in Osnabrück gearbeitet. Sie sind seit knapp zehn Jahren auch geschäftlich verbunden: Reil ist Geschäftsführer einer Immobiliengesellschaft, an der Schneider indirekt als Gesellschafter einer Investmentfirma beteiligt ist.

Reil soll Schneider für den Posten des ehrenamtlichen DRK-Präsidenten vorgeschlagen haben. Schneider lebt in der Grafschaft Bentheim. Zum DRK Osnabrück hatte er bis zum Zeitpunkt seiner Wahl offenbar keine Kontakte. Das berichten zumindest Mitglieder. Als Repräsentant des Verbandes soll er den Berichten zufolge nie öffentlich in Erscheinung getreten sein.

Auch für die Mitarbeiter war er nicht erreichbar. Als im Sommer 2025 der Betrieb der gerade geöffneten DRK-Tagespflege im Wissenschaftspark nicht rund lief, wandten sich Mitarbeiter hilfesuchend an den Präsidenten. Vergebens. Die E-Mails und Anfragen sollen alle beim Geschäftsführer gelandet sein – wo sie offenbar versandeten.

Auch unserer Redaktion gelang es 2025 nicht, Kontakt mit dem Präsidenten aufzunehmen. Hintergrund waren arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen zwischen dem DRK-Geschäftsführer und Mitarbeitern des „Marktes für alle“ in Osnabrück. Die Fragen an den Präsidenten waren an eine allgemeine DRK-Mailadresse zu richten. Sie wurden schriftlich beantwortet und waren unterzeichnet mit: „Das Präsidium“.

Die Präsidiumssitzungen fanden früher monatlich statt, irgendwann stellte der Vorstand auf einen vierteljährlichen Rhythmus um. Als Reil 2022 die Geschäftsführung übernahm, wurden die Vorstandssitzungen noch seltener und wegen der Entfernungen per Videoschalte abgehalten. Eine persönliche Beziehung konnte sich zwischen den Vorstandsmitgliedern so kaum entwickeln.

Auch die Transparenz litt darunter. Auf kritische Nachfragen etwa zur geplanten Tagespflegeeinrichtung bekamen Vorstandsmitglieder nur ausweichende Antworten, wie Insider unserer Redaktion berichten. Die wirtschaftliche Kalkulation, die der Tagespflege zugrunde lag, soll weitgehend im Nebulösen geblieben sein.

Die Tagespflege im Wissenschaftspark an der Sedanstraße war auf 25 Plätze ausgelegt, nur drei Plätze waren im Sommer 2025 belegt. Die Eröffnung hatte sich monatelang verzögert, weil der Umbau nicht vorankam. Neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren dafür eingestellt worden, die in der Wartezeit an anderen Stellen im DRK beschäftigt werden mussten.

Wenige Monate nach der Eröffnung musste die Tagespflege auf Anordnung der Heimaufsicht wieder schließen, weil nur Geschäftsführer Mike Reil die formalen Voraussetzungen für die Heimleitung verfügte. Nach Reils Rauswurf im Dezember gab es auf dem Papier keine Heimleitung mehr.

Zwischen 2022 und Mitte 2024 konnte Geschäftsführer Reil offenbar frei schalten und walten. Eine effiziente Kontrolle durch den Vorstand scheint es nicht gegeben zu haben. Eine weitere Kontrollinstanz gab und gibt es nicht, denn der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt ist ein selbstständig agierender Verein.

Der Landesverband des DRK kann nur Hilfestellung anbieten – etwa durch Prüfung der Geschäftszahlen. Das DRK Osnabrück-Stadt hat nach Angaben des Landesverbandes in den letzten Jahren keine Jahresabschlüsse mehr vorgelegt. Eine Sprecherin des Landesverbandes äußerte auf Anfrage unserer Redaktion die Vermutung, dass vom Stadtverband Osnabrück falsche Daten übermittelt worden sein könnten. Weitere Details könnten sich im Zuge des Insolvenzverfahrens ergeben.

Alle Indizien und alle Aussagen von Insidern deuten darauf hin, dass Geschäftsführer Reil sich mit dem Präsidenten Schneider einen Strohmann ins Haus geholt hatte. Ob das stimmt? Die Einzigen, die die Antwort kennen, sind Mike Reil und Michael Schneider – die mit der noz-Redaktion aber nicht sprechen wollen.

Den Kontakt zu den Medien hält Schatzmeister Paul Schneiderle, der im Sommer 2024 in den DRK-Vorstand gewählt wurde. Schneiderle bemüht sich um größtmögliche Transparenz, hält sich wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens aber mit Stellungnahmen zur Vorstandstätigkeit und zu den Vorwürfen gegen Reil zurück.

Auch andere ehemalige und aktive Vorstandsmitglieder wollen sich öffentlich nicht äußern. Ihre Vorsicht ist nachvollziehbar, denn auch ehrenamtliche Vereinsvorstände haften mit ihrem Privatvermögen für Schäden, wenn ihnen grobe Fahrlässigkeit oder Vorsatz nachgewiesen wird.

Tiefere Einsichten in den DRK-Skandal dürfte das Arbeitsgerichtsverfahren gewähren, das Reil gegen seinen früheren Arbeitgeber angestrengt hat. Er wehrt sich gegen die fristlose Kündigung. Ein erster Termin war für Montag, 26. Januar 2026, angesetzt, fiel aber aus.

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