Osnabrück  Sie spürt die Straße in den Knochen: Osnabrückerin will raus aus der Obdachlosigkeit

Noah Schnarre
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Von Noah Schnarre
| 31.01.2026 16:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ute Kahlmann ist seit vielen Jahren obdachlos. Aktuell lebt sie in Osnabrück auf der Straße. Hier erzählt sie ihre Geschichte. Foto: Imago / ANP
Ute Kahlmann ist seit vielen Jahren obdachlos. Aktuell lebt sie in Osnabrück auf der Straße. Hier erzählt sie ihre Geschichte. Foto: Imago / ANP
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Ute Kahlmanns Tag beginnt, wie bei vielen, mit Kaffee und einem guten Gespräch. Danach geht er anders weiter als bei den meisten. Denn Kahlmann lebt auf der Straße. Erst in Hamburg, dann in Bayern und aktuell in Osnabrück. Das ist ihre Geschichte.

Ihr Tag beginnt in der Regel zwischen fünf und sechs Uhr mit Kaffee von der Tanke. Hier kennt Ute Kahlmann mittlerweile jeden Mitarbeiter – und jeder kennt Ute, die Frau mit der schwarzen Fischermütze. Filterkaffee mit Milch und Zucker. Zum Mitnehmen oder hier trinken? Egal.

Sie muss heute eigentlich nirgendwo mehr hin – auch wenn sie ein wenig so aussieht. Auf dem Rücken der stramm gepackte Rucksack mit Isomatte, Schlafsack und Zeltplane; eingepackt in eine blaue Skijacke, die den eisigen Wind so gut es geht abhält; Augen, die die Müdigkeit niederkämpfen. Die letzte Nacht im Park war kalt, feucht und kurz.

Ute Kahlmann gehört zu Hunderttausenden Frauen in Deutschland, deren Biografie zu schwer geworden ist für das soziale Netz aus Zwängen und Normen, deren vielschichtige Probleme es aufreißen, sodass sie einfach hindurchfallen. Immer tiefer. Kahlmann ist eine von 140 Menschen, die in Osnabrück auf der Straße leben. Ihr richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen. Auch, weil sie gerade dabei sei, ihre Situation grundlegend zu ändern, sagt Kahlmann.

Wo anfangen, wenn das eigene Leben ins Rutschen gekommen ist und man kaum noch eine Möglichkeit findet, es allein wieder einzufangen? Vielleicht an der Bramscher Straße. Die steuert Kahlmann im Winter täglich an. Irgendwie müsse man den Körper bei der Kälte wieder warm bekommen. Was ihr hilft: eine heiße Dusche, ein warmes Getränk und dicke Kleidung.

Was noch wichtiger sei: ein Haltepunkt. „Das bekommen die Sozialarbeiter hier gut hin“, sagt Kahlmann. Sie sitzt im ersten Stock der Tageswohnung des SKM, im Büro von Thomas Kater, dem Leiter der Einrichtung. Die blaue Skijacke lässt sie an, ihren Rucksack nicht aus den Augen. „Hier bekommt alles Beine“, sagt sie. Wie lange sie schon auf der Straße lebt, kann die 56-Jährige gar nicht so genau sagen. „Ich habe es nie lange an einem Ort ausgehalten“, sagt Kahlmann.

Aufgewachsen ist sie in Hamburg. Hier war sie schon früh auf sich allein gestellt. „Ein richtiges Elternhaus hatte ich nicht. Entweder gab es Dresche oder es flog ein neuer Mann ins Haus. Das macht was mit einem. So etwas spiegelt man eines Tages zurück.“

Trotzdem bestand sie ihr Abitur und schloss eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau ab. Danach arbeitete sie einige Jahre in einer Drogerie, ließ sich zur Filialleiterin fortbilden. „Die Unterlagen müssten noch irgendwo in Hamburg liegen. Viel wert sind die heute aber nicht mehr“, glaubt Kahlmann.

Irgendwann wurde ihr das Leben zu eng. Sie schmiss ihren Job, verlor ihre Wohnung, lebte zeitweise auf der Straße. Dann ging sie nach Bayern. Hier arbeitete sie bei verschiedenen Leihfirmen, lebte von Job zu Job, mal in der Wohnung, mal auf der Straße. Ihr Leben: ein Pendel, das mal ins eine, mal ins andere Extrem ausschlägt, ohne dabei zur Ruhe zu kommen. Sie erzählt davon ohne Umschweife, ohne Schuldzuweisungen und mit einer Nüchternheit, als würde sie die Inhaltsstoffe von Handcreme aufzählen.

Von Bayern ging es bald zurück nach Hamburg. Es folgten: eine Privatinsolvenz, mehrere ärztliche Behandlungen, Nächte auf der Straße und 10.000 Kilometer zu Fuß auf einem Pilgerweg. Den ging sie vor drei Jahren. Sie habe manchmal diese Fluchtgedanken, sagt Kahlmann. Dann muss sie raus. Irgendwohin, nur nicht stehenbleiben. Aktuell lebt sie in Osnabrück. Die Stadt gefalle ihr. Nicht so groß, nicht so voll und laut wie Hamburg und gut gelegen. Mit dem Zug komme sie überall gut hin. Meistens schläft sie in Parkanlagen, allein, anders käme sie nicht zur Ruhe – auch im Winter.

„Viele unserer Besucherinnen und Besucher haben vielschichtige Schwierigkeiten, die wir zunächst herausfinden müssen, damit wir ihnen adäquat helfen können“, sagt Thomas Kater vom SKM später, als er durch die Räume der Tageswohnung führt. Es geht durch mehrere Aufenthaltsräume, eine Küche, die gegen zwei Euro eine warme Mahlzeit anbietet, eine Ausgabe für warme Kleidung, Schlafsäcke und Isomatten. Im Souterrain: die Redaktion des Straßenmagazins Abseits und sanitäre Anlagen mit Duschen für Männer und Frauen. In den oberen Stockwerken befindet sich die Fachberatungsstelle für Wohnungslose, in der Sozialarbeiter beraten und persönliche Unterstützung anbieten.

„Von unseren Besucherinnen und Besuchern lebt niemand freiwillig auf der Straße, auch wenn dieses Vorurteil in der Gesellschaft immer noch präsent ist. Die überwiegende Mehrheit will ihre Situation verändern. Dazu benötigen die meisten Unterstützung“, sagt Kater. Die Scham, sich Hilfe zu suchen und damit zuzugeben, es allein nicht zu schaffen, sei für viele Wohnungslose häufig sehr hoch.

Bei Ute Kahlmann hat es fast ein halbes Leben gedauert, bis sie sich eingestand, Hilfe zu benötigen. „Mittlerweile spüre ich die Straße in den Knochen. Auf lange Sicht geht das nicht mehr“, sagt die 56-Jährige. In der Tageswohnung in Osnabrück habe sie nach langer Zeit das Gefühl, wieder Halt gefunden zu haben. Auch dank ihrer Sozialarbeiterin.

Aktuell ist sie auf Wohnungssuche. Danach will sie eine Therapie beginnen und im Anschluss auf Jobsuche gehen. Sie will die Rastlosigkeit aus dem Kopf bekommen, endlich ankommen, um bleiben zu können. Die Zukunft kann sie nicht beeinflussen, sagt Kahlmann. „Aber ich kann das Positive annehmen und das Negative von mir fernhalten.“

Wenn die Tageswohnung an diesem Abend schließt, hilft Kahlmann noch beim Aufräumen. Danach geht sie eine Runde spazieren, um richtig durchatmen zu können. Eingepackt in die blaue Skijacke, auf dem Kopf die schwarze Fischermütze, auf dem Rücken der Rucksack mit Isomatte, Schlafsack und Zeltplane. Danach sucht sie sich einen Schlafplatz. Das Thermometer zeigt 4 Grad. Die heutige Nacht im Park wird milder als die letzte.

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