Hamburg Bundeswehr: Wieso jeden Tag zwei Soldaten die Truppe vorzeitig verlassen müssen
Verfassungsfeindliches Verhalten, Sexismus, Drogenmissbrauch – was Fallschirmjägern in Zweibrücken vorgeworfen wird, sind keine Einzelfälle. Jedes Jahr werden Hunderte Soldaten aus der Truppe geschmissen. Aus diesen Gründen.
Der Imageschaden für die Bundeswehr hätte zum Start 2026 wohl kaum größer sein können. In jenem Jahr, in dem wieder 18-Jährige zur verpflichtenden Musterung gerufen werden und sich bestenfalls freiwillig zum Wehrdienst locken lassen, machen Fallschirmjäger im rheinland-pfälzischen Zweibrücken Negativschlagzeilen: Rechtsextremismus, Antisemitismus, Vergewaltigungsandrohungen, Nazi-Partys und der Konsum harter Drogen; mehr als 200 einzelne Delikte werden 55 Soldaten vorgeworfen. In 19 strafrechtlich relevanten Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft und erste Soldaten wurden bereits aus dem Dienst entlassen.
Während Verteidigungspolitiker fast aller Parteien umfangreiche Aufklärung fordern und sich Verantwortliche in Verteidigungsministerium und Bundeswehr „erschüttert“ (Minister Boris Pistorius) zeigen, folgt schon der nächste Skandal: An der Bundeswehruniversität in Hamburg soll es nicht nur diverse Drogenverstöße, sondern womöglich entwürdigende Aufnahmerituale gegeben haben. Das teilte die Bundeswehr nach internen Ermittlungen mit.
Unklar ist, wie viele solcher Fälle es in der Truppe tatsächlich gibt. Der Wehrbeauftragte Henning Otte drängt wie schon seine Vorgängerin Eva Högl mit Blick auf das Fehlverhalten gegenüber weiblichen Soldaten auf die Erstellung einer Dunkelfeldstudie.
Doch schon das „Hellfeld“ zeigt: Die Soldaten in Zweibrücken sind nicht allein. Jedes Jahr entlässt die Truppe Hunderte Soldaten aus dienstrechtlichen Gründen, wie das Personalamt der Bundeswehr auf Anfrage unserer Redaktion mitteilt. Mehr als 2000 waren es in den vergangenen drei Jahren. Unter dienstrechtliche Gründe fallen auch Dienstunfähigkeit und Entlassung auf eigenen Antrag.
Doch als allerersten der häufigsten Entlassungsgründe nennt die Bundeswehr „Gefährdung der militärischen Sicherheit“. Also schwerwiegendes Fehlverhalten, Spionage oder andere Tätigkeiten, die dem Ansehen der Bundeswehr schaden können. So schreibt es das Soldatengesetz vor.
Christian Freuding, Inspekteur des Heeres und damit Chef des größten Verbandes innerhalb der Bundeswehr, formuliert es so: 2025 habe es eine „außergewöhnlich hohe Anzahl an Verstößen gegen Grundsätze der Inneren Führung, darunter teils schwerwiegende Dienstvergehen und Wehrstraftaten“ gegeben. Vor allem aus den Bereichen „sexualisiertes Fehlverhalten“, „Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz“ sowie „extremistische Verhaltensweisen“.
Offiziell zeigen die Zahlen: 195 Soldaten, pro Woche mehr als einer, wurden in den vergangenen drei Jahren wegen verfassungsfeindlichen Verhaltens aus der Bundeswehr geworfen, wie das Personalamt mitteilt. Und bei 58 weiteren Soldaten wird sexistisches oder frauenfeindliches Verhalten als Grund für die Entlassung angegeben.
Gemessen an der Gesamtzahl von mittlerweile 184.000 Soldaten in der Bundeswehr sind diese Zahlen marginal. „Aber es sind ja auch wirklich nur die, die sich haben erwischen lassen und bei denen Konsequenzen gezogen wurden“, wie ein Soldat mit Bitte um Bewahrung seiner Anonymität der Redaktion sagt.
Selbst vertraulich wollen nur wenige Soldaten etwas zu Entlassungsgründen sagen. Jene, die sich doch äußern, meinen zusammengefasst etwa: Die Auswüchse von Zweibrücken sind nicht typisch für die Truppe, gewissermaßen dann schon ein krasser, seltener Fall. Vor allem den Vorwurf, Soldaten seien anfällig für Rechtsextremismus, wollen viele nicht gelten lassen.
Die eigene Forschung der Bundeswehr scheint das zu bestätigen. Bei einer Befragung von 4300 Soldaten durch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr kam heraus, dass gerade mal 0,4 Prozent ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild haben.
Und Drogenmissbrauch als Entlassungsgrund? Für manchen Beobachter der Bundeswehr sollen Drogen ohnehin das viel größere Problem unter Soldaten sein. Das Personalamt der Bundeswehr listet den Besitz von Betäubungsmitteln als Grund für Entlassungen durchaus auf, doch trotz der Vorfälle in Zweibrücken und an der Universität in Hamburg sind diese statistisch selten – obwohl selbst Cannabis für Soldaten weiterhin tabu ist. 2024 hatte es insgesamt gerade mal 16 Entlassungen wegen des Besitzes von Cannabis gegeben.
Der bislang jüngste Wehrbericht für 2024 listet zudem 151 interne Meldungen auf, die in die Kategorie „Straftaten und Ordnungswidrigkeiten nach dem Betäubungsmittelgesetz und Fund von Betäubungsmitteln“ fallen.
Die Bundeswehr selbst dringt offiziell dennoch darauf, solchen Ausfällen weiter Einhalt zu gebieten. „Wir akzeptieren in der Bundeswehr weder sexualisierte Gewalt oder Extremismus noch Drogenmissbrauch oder Diskriminierung. Soldaten, die so etwas dulden, können in unserer Bundeswehr nicht als Vorgesetzte eingesetzt werden“, ließ Generalinspekteur Carsten Breuer den Verteidigungsausschuss wissen.
Im Heer ist nun ein „Aktionsplan“ in Kraft getreten. Er soll die Melde-Strukturen bei Verstößen verbessern und die Führungskultur stärken. Dazu heißt es beschwörend: „Sexualisiertes Fehlverhalten, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, extremistische Verhaltensweisen sowie eine in Teilen toxische militärische Gemeinschaft haben keinen Platz in der Bundeswehr.“