Hamburg WM-Boykott des DFB? Warum das nur eine leere Floskel ist
Nach den Weltmeisterschaften in Russland und Katar war die Vorfreude bei Fußballfans groß, dass das große Sportspektakel endlich wieder in einem „normalen“ demokratischen Land stattfinden wird. Doch auch die Ausrichtung der WM 2026 unter Co-Gastgeber USA wirft Fragen auf. Einen Boykott wird es aber sicherlich nicht geben.
Keine Restriktionen, Einhaltung der Menschenrechte und vor allem kein Alkoholverbot – die WM in den USA, Kanada und Mexiko sollte ein großes, fröhliches „Happening“ werden. Weit gefehlt. Diesmal ist der Stein des Anstoßes keine „Wüstenautokratie“ wie Katar, sondern die Trump-Administration, deren Drohgebärden (Stichwort: Grönland) nun sogar die Sportwelt erschüttern. Die Diskussionen um einen WM-Boykott 2026, angestoßen durch FC St. Pauli-Präsident und DFB-Vize Oke Göttlich wirken wie ein Déjà-vu aus 2022. Doch die Vorzeichen haben sich geändert.
Man kann es Joshua Kimmich und seinen Mitspielern kaum verdenken, dass sie sich in Schweigen hüllen. Das „Mund-zu“-Trauma von Doha sitzt tief. Vor vier Jahren versuchte der DFB, sportlichen Erfolg mit politischem Aktivismus zu verknüpfen und scheiterte an beiden Fronten. Die Lehre daraus scheint nun eine radikale Abkehr zu sein: „Ich nehme nicht mehr teil an der politischen Diskussion“, so das klare Statement des Kapitäns. Es ist ein Rückzug ins Private, ins Sportliche – verständlich, aber auch naiv in einer Welt, in der Sportpolitik zum Instrument globaler Machtansprüche geworden ist.
Auf der anderen Seite steht Oke Göttlich, der den Finger in die Wunde legt: Warum war Katar „zu politisch“, während man nun bei drohenden völkerrechtlichen Eskalationen durch den Gastgeber USA völlig „apolitisch“ agieren will? Er hat recht, wenn er fordert, dass Organisationen nicht verlernen dürfen, Tabus und Grenzen zu setzen. Wenn ein Sportereignis zum Friedensfest stilisiert wird, während der Gastgeber gleichzeitig Partnern droht oder Bündnisse spaltet, verkommt das Turnier zur reinen Fassade.
Doch so ehrlich Göttlichs Vorstoß ist, so schwierig ist das Instrument des Boykotts. Die Geschichte zeigt: Sportliche Alleingänge schaden meist nur den Athleten selbst, während die Adressaten – in diesem Fall eine unberechenbare US-Regierung – davon kaum beeindruckt sind. Ein Boykott müsste europäisch, wenn nicht sogar global sein, um echtes Gewicht zu entfalten.
Die Wahrheit ist: Deutschland wird die WM nicht boykottieren. Dafür ist die Sehnsucht nach sportlichem Erfolg und die wirtschaftliche Verflechtung zu groß. Aber wir sollten uns die nächste moralische Maskerade sparen. Wenn wir hinfahren, dann als Sportler, die die Realität des Gastgebers anerkennen, ohne sie gutzuheißen. Ein „Boykott light“ mit Symbolen auf dem Trikot, der am Ende niemanden bewegt außer die deutsche Empörungswelt, wäre die schlechteste aller Lösungen. Einfach nur Fußball spielen.