Berlin  Sexualpädagogin: Diese Fragen stellen Kinder mir zur Sexualität

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 09.02.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Klärt Kinder auf: Sexualpädagogin Katharina von der Gathen. Foto: Peter Nierhoff / Klett Kinderbuch Verlag
Klärt Kinder auf: Sexualpädagogin Katharina von der Gathen. Foto: Peter Nierhoff / Klett Kinderbuch Verlag
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Wie spricht man mit Kindern über Pornos im Internet? Sexualpädagogin Katharina von der Gathen gibt Tipps für das Aufklärungsgespräch.

Um im Internet an Pornos zu gelangen, reicht ein Klick auf den „Ich bin über 18“-Button. Und das auch dann, wenn man in Wahrheit noch jünger ist. Wie spricht man mit Kindern über den Sex im wirklichen Leben, wenn die pornografische Version davon allgegenwärtig ist? Eine Expertin, die genau das seit Jahren tut, ist Katharina von der Gathen.

In Schulworkshops hat die Sexualpädagogin die Fragen unzähliger Kinder beantwortet und mehrere Bücher darüber geschrieben, den Band „Klär mich auf“ zum Beispiel und den Nachfolger „Klär mich weiter auf“ (Klett Kinderbuch Verlag). Im Interview gibt die 54-Jährige Tipps, wie man mit seinen Kindern auch bei diesem Thema im Gespräch bleibt.

Frage: Frau von der Gathen, was war die lustigste Kinderfrage zur Sexualität, die Ihnen gestellt wurde?

Antwort: Auch wenn wir Erwachsenen manchmal darüber schmunzeln müssen oder es „süß“ finden, auf welche Fragen Kinder kommen können: Sie meinen es meist ziemlich ernst! Kinderfragen sind auch immer wieder eine tolle Gelegenheit, einen Einblick in die so ganz andere kindliche Perspektive zu bekommen. Lustig wird es trotzdem oft. Und viele Fragen sind gar nicht so einfach zu beantworten, zum Beispiel: „Wer war der erste Mensch, der Sex gemacht hat?“ oder „Wie oft muss man Sex machen, um zehn Kinder zu kriegen?“ Versuchen Sie es einmal! Die Frage „Kann man unter Wasser Sex machen?“ ist eine meiner Lieblingsfragen.

Frage: Was haben Sie geantwortet?

Antwort: Ja, unter Wasser kann man auch Sex machen. Man muss nur lang genug die Luft anhalten! Eigentlich kann man überall Sex machen: unter dem Esszimmertisch, am Strand, auf dem Garagendach, in der Badewanne, im Auto und zwischen den Kellerregalen. Hauptsache, man fühlt sich mit der richtigen Person am richtigen Ort. Auf jeden Fall sollte man darauf achten, dass man anderen Menschen nicht zu nahe tritt und sie sich nicht belästigt fühlen.

Frage: Die „Bravo“ erscheint mitsamt dem Dr.-Sommer-Team nur noch monatlich und gilt wohl auch nicht mehr als cool. Welche Aufklärungsangebote sollte ich meinem zwölfjährigen Kind stattdessen machen?

Antwort: Die Zeiten, gemeinsam mit seinem Kind ein Buch zum Thema anzuschauen, sind dann wahrscheinlich vorbei. Jetzt gilt es, Angebote und Vorschläge zu machen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich selbst auf die Suche im Netz oder im Buchhandel zu begeben – denn es gibt unzählige gute (und auch unzählige schlechte) mediale Aufbereitungen für Jugendliche. Man selbst kann sich dabei auch noch einmal wunderbar auf den neuesten Stand bringen. Warum nicht gemeinsam in ironischer Distanz z. B. unterschiedliche Websites sichten? Das kann sehr spaßig sein. Wenn das nicht möglich ist – vollstes Verständnis! –, halte ich es für eine gute Idee, geeignet erscheinende Bücher oder Broschüren oder einen Zettel mit guten Internetadressen greifbar herumliegen zu lassen. „Falls es dich interessiert. Kannst du ja mal schauen …“

Frage: Was mache ich, wenn im Browserverlauf meiner Kinder Wörter wie „Sex“, „nackte Vagina“ und „Porno“ auftauchen?

Antwort: Zunächst einmal spricht es dafür, dass Ihre Kinder interessiert sind und mehr wissen wollen. Das könnte der Impuls sein, ein Gespräch zum Thema anzustoßen und vor allem immer und immer wieder zu signalisieren, dass man für Fragen offen ist. Es kann hilfreich sein, sich an den eigenen heimlichen Forschergeist von damals zurückzuerinnern und seinen Kindern davon zu erzählen. Oder auch die Unsicherheit zu thematisieren, die man im Gespräch miteinander bei dieser Thematik spürt. Oder einfach neugierig fragen: „Werden bei euch in der Klasse eigentlich auch Pornos herumgeschickt? Ist das bei euch ein Thema?“

Frage: Was mache ich, wenn mein Kind im Internet wirklich Pornos entdeckt?

Antwort: Auch wenn man die heimischen Computer mit Jugendschutzfiltern gut ausgestattet hat und Pornografie in Deutschland erst ab 18 Jahren erlaubt ist, kann man es kaum vermeiden, dass Kinder oder Jugendliche früher oder später zum ersten Mal einen Porno sehen. Es geht meist um die faszinierende Mischung aus praktischen Fragen zu Sexualität („Wie sieht das aus, wenn Leute Sex haben?“), aus Lust und Verbotenem. Gut, wenn sie schon früh wissen, dass es solche Filme und Bilder gibt, dass diese mit gelebter Sexualität kaum etwas zu tun haben und dass manchmal mulmige oder verstörende Gefühle zurückbleiben. Vor allem, dass es gut ist, über solche Gefühle mit einer vertrauten erwachsenen Person zu sprechen und nicht allein damit zu bleiben.

Frage: Muss man Mädchen früher aufklären als Jungs? Weil sie auch früher in die Pubertät kommen?

Antwort: Auch wenn das seltsam klingt: Aufklärung beginnt schon ab dem ersten Tag nach der Geburt. Ein Baby lernt durch Berührungen und Streicheln, wie sich sein Körper anfühlt. Als kleines Kind lernt es Worte für seine unterschiedlichen Körperteile, es lernt, Grenzen zu spüren, Bedürfnisse zu formulieren, Veränderungen wahrzunehmen. All das ist bereits Aufklärung. Wenn Kinder in ihren Fragen durch das erste Lebensjahrzehnt gut und offen begleitet werden, sind sie für die turbulente Zeit der Pubertät meist gut ausgestattet.

Frage: Es wird viel über Versäumnisse in der Aufklärung von Mädchen gesprochen, von der falschen Benennung von Geschlechtsteilen bis hin zur Beschämung weiblicher Lust. Heißt das im Umkehrschluss, dass bei Jungs alles gut läuft?

Antwort: Sexualität ist über Generationen hinweg so schambehaftet und tabuisiert, dass schon vom Sachwissen her ganz viel Grundsätzliches einfach nicht da ist – bei beiden Geschlechtern. Das betrifft nicht nur die Vulva, die mit der Vagina beziehungsweise der Scheide verwechselt wird. Es wird auch nicht nur die Lust von Mädchen verschwiegen. Erektionen werden genauso tabuisiert. Viele Erwachsene wissen nicht, dass kleine Jungen von Geburt an regelmäßig Erektionen haben. Meine Erfahrung ist: In der Sexualerziehung herrscht eine gleichberechtigte Vernachlässigung vor.

Frage: Wie schaffe ich es, dass mein Kind mit sexuellen Sorgen zu mir kommt, statt sich zu verschließen?

Antwort: Natürlich ist es grundlegend, die Privatsphäre seiner Kinder zu respektieren. Wie jeder weiß, können aber im Großwerden die Sorgen und Fragen um das Aussehen des eigenen Körpers oder um erste sexuelle Erfahrungen unendlich groß werden. Als Erwachsener sollte man deshalb versuchen, Sexualität als Thema offen zu halten. Oft muss man dafür mutig die eigenen Hemmungen überwinden. Ich plädiere dafür, lieber einmal zu viel nachzufragen oder seine Sorgen zu äußern (und sich dafür vielleicht eine harte Abfuhr einzuholen), als eine später nur noch schwer überwindbare Sprachlosigkeit entstehen zu lassen.

Frage: Gibt es eine Kinderfrage, die Sie selbst zum Nachdenken gebracht hat? Bei der Ihnen etwas klargeworden ist oder Sie einen neuen Gedanken hatten?

Antwort: Mich hat einmal eine Zehnjährige gefragt: „Du sagst immer, dass Sex gute Gefühle macht und schön ist. Warum dürfen dann Kinder keinen Sex haben?“ Diese Frage hat mich kalt erwischt. Mir ist dann noch einmal bewusst geworden, wie sensibel ich als Sexualpädagogin mit Worten und Botschaften umgehen muss. Die Antwort, die ich mir daraufhin überlegt habe.

Frage: Die müssen Sie jetzt bitte auch noch mal zitieren!

Antwort: Kinder haben noch keine Lust auf Sex und Geschlechtsverkehr. Erst später, wenn man jugendlich ist oder noch später, wenn man erwachsen ist, bekommt man Lust auf Sex. Aber viele Kinder mögen es, zu kuscheln, sich gegenseitig zu streicheln oder sich unter der Bettdecke zu kitzeln. Es gibt viele verschiedene Arten, zärtlich miteinander zu sein.

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