Osnabrück  81 Jahre danach: Mit diesen Worten gedenkt die Region Osnabrück der Befreiung von Auschwitz

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 27.01.2026 20:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Helle Fassaden in düsterer Weltlage: Das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz auf dem Osnabrücker Marktplatz. Foto: Swaantje Hehmann
Helle Fassaden in düsterer Weltlage: Das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz auf dem Osnabrücker Marktplatz. Foto: Swaantje Hehmann
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Genau 81 Jahre ist es her, dass sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. Osnabrück hat am Dienstag daran erinnert. In die Mahnungen mischt sich die Sorge, dass der Geist von damals erstarkt wie nie zuvor seit 1945.

Welchen Wert hat die Erinnerung an Auschwitz noch in einer Welt, die immer unsicherer erscheint? Diese Frage rückte am Dienstagabend auf dem Osnabrücker Markt gleich doppelt in den Fokus. Aufgeworfen hatte sie zunächst Oberbürgermeisterin Katharina Pötter, dann auch Jonny Böhmer von der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma. Anlass war der 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers. Aus unterschiedlichen Perspektiven kamen beide Redner zu einer ähnlichen Antwort.

Für Böhmer, einen Nachfahren von NS-Verfolgten, sind der Holocaust und das Unrecht des Nationalsozialismus Erfahrungen, die sein Leben bis heute prägen. „Es ist an uns weitergegeben worden“, sagt er.

Das Leid habe die Familien der Verfolgten auf eine Weise geprägt, die bis in die Gegenwart andauere. „Viele von Ihnen können sich aussuchen, ob Sie sich mit Diskriminierung, mit Stigmatisierung und mit Antiziganismus beschäftigen wollen. Wir können es uns nicht aussuchen“, brachte Böhmer auf den Punkt, wie unterschiedlich die Betroffenheiten verteilt sind, die aus der Geschichte kommen.

Damals, vor mehr als neun Jahrzehnten, habe die Ausgrenzung, die Overtüre zum Massenmord, „mit Worten angefangen“. Heute herrsche ein Klima, in dem die Worte von damals wieder salonfähig würden. Für den Sinti-Vertreter eine bittere Erfahrung: Denn die Stigmatisierung der Sinti und der Roma, sie sei in Deutschland nie so recht an ein Ende gekommen, sie dauere an.

Die immer fragilere Weltlage nähre alte Ängste: „Es ist eine Zeit, in der man denkt, alles bricht zusammen. Klar ist, dass wir die Ersten sind, die in so einer Zeit verlieren werden“, sagte Böhmer.

Dem bitteren Befund stellte er allerdings auch Hoffnung entgegen. „Ich hoffe auf die junge Generation.“ Und auf eine Gesellschaft, die ihm, die „den Sinti, den Roma, den jüdischen Leidensgenossen endlich ein Gefühl des Dazugehörens“ ermögliche. „Deutschland ist unser Land, Osnabrück ist unsere Stadt. Wir wollen hier ankommen.“ Die Erinnerung an Auschwitz, sie sei in der Gegenwart trotz allem unverzichtbar, um einen klaren Kurs abzuleiten und eine klare Haltung.

In Osnabrück hatten am Dienstag verschiedene Aktionen das Gedenken an Auschwitz, an den Holocaust und an den Massenmord thematisiert. Schon am Morgen etwa kamen in der St.-Marien-Kirche Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst zusammen.

Sie gedachten der geistig behinderten und psychisch kranken Menschen, die von den Nazis getötet wurden. Schüler der Ursulaschule hatten am Vormittag Flugblätter mit historischen Zitaten und Zeitzeugenberichten verteilt.

Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter stellte am Abend bei der zentralen Gedenkfeier am Markt eine neue Dringlichkeit des Erinnerns fest. Früher sei an Tagen wie jenem der Befreiung von Auschwitz gemahnt und gedacht worden, „ohne Sorge, dass es sich tatsächlich wiederholen könnte“, sagte Pötter. Diese Gewissheit sei dahin in einer Welt, die aus den Fugen gerate.

Pötter erinnerte an Osnabrück als Stadt des Westfälischen Friedens. Der verpflichte zu einer klaren Haltung. „Wir leben zum Glück in einer funktionierenden Demokratie, die die Menschenwürde achtet“, so Pötter. Zugleich zeige die Gegenwart, zeige der Auftrieb der Populisten und Demagogen weltweit, dass das ideologische Gift von damals nicht aus der Welt sei. Es bedürfe der Erinnerung, um Entwicklungen in der Gegenwart richtig zu deuten.

Nach Pötters Rede trugen Schüler und Mitstreiterinnen bei den „Omas gegen Rechts“ abwechselnd die Namen Osnabrücker Holocaustopfer vor. Anschließend erhob Baruch Chauskin, Kantor der jüdischen Gemeinde Osnabrück, seine Stimme zur Totenklage „El male Rachamim“.

An den Gedenktafeln der ermordeten Juden am Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum sowie an der Gedenktafel für die ermordeten Sinti und Roma legten Pötter und Landrätin Anna Kebschull gemeinsam Kränze nieder.

Ein Zeichen für die gemeinsame Erinnerung in Stadt und Landkreis Osnabrück. Verantwortlich für die Gedenkveranstaltung zeichnet traditionell der Landschaftsverband Osnabrücker Land.

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