Berlin  „Perverse“ Tiere? Wie eine deutsche Kinderbuchautorin in die US-Zensur geriet

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 29.01.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Diese Löwen sind zu anstößig, um beim US-Sender Fox News gezeigt zu werden. Abbildung aus dem Buch „Liebesleben der Tiere“ von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl. Foto: Anke Kuhl /Klett Kinderbuch Verlag
Diese Löwen sind zu anstößig, um beim US-Sender Fox News gezeigt zu werden. Abbildung aus dem Buch „Liebesleben der Tiere“ von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl. Foto: Anke Kuhl /Klett Kinderbuch Verlag
Artikel teilen:

Aus der Arbeit mit Grundschülern entwickelt die Sexualpädagogin Katharina von der Gathen Aufklärungsbücher für Kinder. In den USA sind einige davon aus Schulbüchereien entfernt worden.

„Es ist pervers. Es ist unangemessen.“ In einem Beitrag des US-Senders Fox News empört sich Alicia Farrar, Mitglied des Schulvorstands im Orange County (Florida), über ein Buch mit offenbar unzumutbaren Bildern. Auf die Doppelseite, die sie in die Kamera hält, legt der Beitrag einen Unschärfefilter. Zu Motiven wie diesen sollten Kinder ohne Wissen der Eltern keinen Zugang haben, sagt die Frau und fordert, das Kinderbuch aus den Schulbüchereien zu entfernen.

Der Band, von dem die Rede ist, kommt aus Deutschland. „Do Animals Fall in Love?“, heißt er, oder im deutschen Original: „Das Liebesleben der Tiere“. In Kurztexten schildert die Sexualpädagogin Katharina von der Gathen darin, wie Tiere sich fortpflanzen, von der Seepocke bis zur Giraffe. Die Zeichnungen stammen von der preisgekrönten Illustratorin Anke Kuhl.

Auf der Seite, die Fox News unkenntlich gemacht hat, sieht man zwei Löwen bei der Paarung, das Männchen mit schwer erschöpftem Blick. „Hilfe – ich brauch ’ne Pause“, steht darüber. Wenn Löwinnen in Hitze geraten, erklärt das Buch, sind die Männchen alle zehn bis fünfzehn Minuten gefragt. Tagelang. Das ist so kraftraubend, dass „ein Löwe seine Position als Chefbesamer im Rudel nicht lange halten kann.“ Zu viel Information für die Frau aus dem Schulvorstand.

Was die Autorin zu alledem sagt, hat in der Behörde erst mal keinen interessiert. „Auf die Diskussion um unser Buch sind wir erst aufmerksam geworden, als Fox News sich gemeldet hat“, sagt von der Gathen. „Die Kommunikation haben wir unserem US-Verlag überlassen. Und es ist gut ausgegangen. Am Ende hat der Schulvorstand mit 6:2 dafür gestimmt, dass unser Buch im Regal bleiben darf.“

Mit einem Band über die menschliche Sexualität haben von der Gathen und Kuhl andere Erfahrungen gemacht: „Unser Buch ‚Klär mich auf‘ haben mehrere Bezirke in Florida und Texas auf ihre Bannlisten gesetzt.“ Dass nun auch noch Kuhls Tierbilder Vorbehalte auslösen, hat die Sexualpädagogin überrascht. „Die sind doch wirklich lustig und charmant – und ein guter Gesprächseinstieg, gerade für Kinder!“

Von der Gathen nennt die Zensurversuche einen Ritterschlag. Ein wirtschaftlicher Schaden sei nicht entstanden. Die Aufmerksamkeit nutze dem Buch eher. Aber sie arbeitet auch zu lange mit Kindern, Eltern und Lehrern, um die Aufregung mit Spott abzutun: „Den schnellen Impuls hinter der Zensurdebatte kann ich zunächst sogar nachvollziehen“, sagt sie. „In Zeiten von Social Media ist Pornografie allgegenwärtig und manche Eltern denken dann: Am besten halte ich von meinem Kind einfach alles fern, was mit Sex zu tun hat.“

Ausgerechnet auf pädagogische Bücher zu verzichten, findet die 54-Jährige aber natürlich falsch: „Wenn man sich dem Thema aus Scham nicht stellt, sendet man genau die falsche Botschaft: dass es nämlich Dinge gibt, die zu problematisch oder zu gefährlich sind, um drüber zu reden. Und das ist aus ganz vielen Gründen schwierig.“ Die Fragen bleiben ja, sagt die Autorin. Und wenn Eltern keine Antworten geben, holen Kinder sie sich woanders – im Zweifel auf fragwürdigen Internetseiten.

Vor allem hält die Sexualpädagogin gerade Gespräche für die beste Gefahrenabwehr: „Kinder müssen sich kennenlernen. Sie müssen verstehen, wie kostbar ihr Körper ist, was für Gefühle sie haben und wie sie die ausdrücken können. Worte für den Körper zu haben, ist wichtig. Wenn einem das Wissen fehlt, kann man Bilder aus dem Internet nicht richtig einordnen. Und wer sich nicht ausdrücken kann, hat in schwierigen oder übergriffigen Situationen nicht das Handwerkszeug, um sich zu wehren.“

Was Kinder wissen wollen, weiß von der Gathen. Viele Jahre lang hat sie Workshops in Grundschulen angeboten. Immer mit im Klassenzimmer: ein anonymer Zettelkasten, in den die Jungs und Mädchen all ihre Fragen stecken. Aus dieser Sammlung sind die Bücher entstanden, die in einigen US-Bezirken der Zensur zum Opfer gefallen sind: „Klär mich auf“ und „Klär mich weiter auf“. Pro Seite gibt’s hier eine Expertenantwort auf eine Kinderfrage. Und dazu ein witziges Bild von Anke Kuhl.

Wer die Bücher zur Hand nimmt, liest sich fest. Kinder und Erwachsene erfahren, warum Sex im Porno anders ist als richtiger, warum die Blutung von Hündinnen keine Menstruation ist und wie man einem Jungen sagt, dass man ihn liebt. Als Vater oder Mutter kriegt man einen Sinn für die verzweifelten Sorgen von Grundschülern. („Wenn ein Mädchen seine Tage hat, muss es dann sofort Sex machen?“) Andere Fragen fassen Rätsel in Worte, die man selbst kaum begreift: „Warum ist Sex eklig – aber wenn man ihn hat, schön?“

Von der Gathen arbeitet mit Kindern vor der Pubertät. Herausfordernd findet auch sie das sexuelle Gespräch. Die richtigen Worte treffen, Grenzen wahren, der Scham, aber auch der Neugier gerecht werden – das braucht Übung. „Mein Versprechen ist: Ich antworte auf alles. Das spornt die Kinder an, immer mehr Fragen zu stellen. Die merken: Ich beantworte wirklich alles. Und so kommen wir ins Gespräch.“

Als oberstes Lernziel will sie den Kindern innere Freiheit mitgeben. „Sie lernen zum Beispiel, dass man Penis, Vulva und Sex laut aussprechen kann, ohne dass man gleich in Ohnmacht fallen muss.“ Und im besten Fall wird man damit zu einem Erwachsenen, der ein kopulierendes Löwenpaar für alles Mögliche hält – aber nicht für pervers.

Ähnliche Artikel