Osnabrück Tesche vs. Billen: Das Wettrennen um den Rekord als ältester Spieler des VfL Osnabrück
Es schien, als hätte sich ein Musterprofi aufgeschwungen zum ältesten Spieler in der Geschichte des VfL Osnabrück. Doch dann wurde eine VfL-Legende über Nacht ein Jahr älter. Das kuriose Wettrennen zwischen Robert Tesche und „Mattes“ Billen um die Ehre des Alterspräsidenten.
Nur ein Spieler war bei seinem letzten Liga-Einsatz für den VfL Osnabrück älter als Robert Tesche, der aktuell der Senior im Kader der Lila-Weißen ist. Bis vor wenigen Tagen sah es so aus, als hätte der Musterprofi mit seinem zweiten Saisonspiel beim 3:0 in Aachen den bisherigen Senior überholt. Doch dann wurde eine Osnabrücker Fußball-Legende über Nacht ein Jahr älter.
„Mattes“ Billen hätte sich über diese Geschichte köstlich amüsiert. Denn der erste A-Nationalspieler des VfL feierte und lachte gern; seine Späße auf den Mannschaftsfahrten sollen manchmal recht derb ausgefallen sein, trugen aber immer zur allgemeinen Heiterkeit bei.
Als der Angriffslenker (so ein damals gebräuchliches Wort für Spielmacher) im Sommer 1936 in die Garnisonsstadt Osnabrück eingezogen wurde und von seinem Heimatverein Hamborn 07 zum VfL kam, war das ein Wechsel, den man heute einen Top-Transfer nennen würde. Er verstärkte die Mannschaft von Trainer Walter Hollstein auf Anhieb und war eins der Asse der Gartlager Elf, die 1938/39 mit dem Gewinn der Niedersachsenmeisterschaft und der zweimaligen Teilnahme an der Endrunde unvergessliche Erfolge errang.
Billen war 36, als er nach dem Krieg zurückkehrte und mit anpackte – bei den Aufräumarbeiten im Stadion und auf dem Platz in der Mannschaft. Der populäre „Mattes“, der Matthias hieß, aber von niemandem so genannt wurde, war 1947 einer der Männer der ersten Stunde, als die Oberliga Nord startete. Sein letztes Spiel absolvierte er in der Saison 1948/49; am 26. September 1948 erlitt er beim 3:4 bei Werder Bremen eine Verletzung, die seine Karriere beendete.
38 Jahre, fünf Monate und 25 Tage war er offenbar bei seinem letzten Liga-Einsatz alt, denn nahezu alle Quellen führen den 29. März 1910 als sein Geburtsdatum - vom Kicker-Almanach bis zu Wikipedia. Doch bei der Recherche für diesen Text fand die noz in ihrem Archiv eine Laudatio auf Billen, dem noz-Reporter Winfried Beckmann bei seinem Besuch im Hause Billen bei der Schilderung vom großen Sieg gegen den deutschen Meister Hannover 96 diesen inzwischen berühmten Satz entlockte: „Der Flotho hat gehalten wie ein Herrgott, und abends gab es in Osnabrück kein Bier mehr“. Festgehalten wurde auch sein Fußball-Credo: „Der Weg vom Kopf zum Fuß darf nicht zu lange dauern. Fußballer müssen schnelle Ideen haben…“
Es wurde ein schöner Text zum 70. Geburtstag – doch er erschien am 29. März 1979. Was nicht zum seit Jahren fast überall genannten Geburtsjahr 1910 passt. Bei den weiteren Nachforschungen half nun das Niedersächsische Landesarchiv und fand die offizielle Sterbeurkunde sowie ein weiteres behördliches Dokument, die beweisen: Matthias Billen wurde am 29. März 1909 geboren.
Damit muss sich Robert Tesche mit dem zweiten Platz in der Rangliste der ältesten Spieler des VfL begnügen – vorerst, denn wenn der Musterprofi seinen Vertrag verlängert und in der Saison 2026/27 nach dem 14. Spieltag am 20./21. November 2026 mindestens einen Ligaeinsatz bekommt, löst er Billen doch noch ab.
Bei der Gelegenheit wurde nach weiteren Senioren gesucht; maßgeblich war das Datum des letzten Einsatzes in einem Ligaspiel (inklusive End- und Aufstiegsrunden, Relegations- und Entscheidungsspielen). So entstand eine bunte Liste aus vergessenen und unvergessenen VfLern mit einigen Überraschungen; In der Liste tauchen hinter Billen und Tesche drei auf, die als 37-Jährige noch in der ersten Mannschaft spielten ; zwei waren 36, als ihre Karriere endete. Und acht hatten über 35 Lebensjahre auf dem Buckel, als sie abtraten.
Die Nummer 3 im Ranking trug schon recht früh den Spitznamen „Opa“: Doch Willy Thiele stammte aus Berlin und konnte darüber lachen. Er spielte nur zwei Jahre – von 1950 bis 1952 – für den VfL. Bevor er in seine Heimatstadt zurückkehrte, trainierte er die Jugend des VfL und den TuS Haste.
Ihm folgt auf Platz 4 der Stürmer, der zwei Mannschaften als Kapitän in die 2. Bundesliga führte: Marc Heider feierte am 27. Mai 2023 – knapp drei Wochen nach seinem 37. Geburtstag – im letzten Spiel für den VfL den Aufstieg in die 2. Bundesliga; 90+6 ist das Stichwort.
Erwin Kostedde war bereits 36, als er im Sommer vom VfL verpflichtet wurde. Der Ex-Nationalspieler, einer besten Bundesligastürmer der siebziger Jahre, wollte nach seinem Engagement bei Werder Bremen eigentlich in den Ruhestand. Doch Manager Helmut Kalthoff, der wie Kostedde aus Münster stammt, überzeugte den eleganten, schuss- und kopfballstarken Mittelstürmer davon, noch ein Jahr dranzuhängen. „Old Erwin“ war einer von mehreren namhaften und teuren Profis, mit denen der VfL die Bundesliga anstrebte - und der einzige, der sein Soll erfüllte: 12 Tore in 30 Spielen war ein gute Schlussbilanz seiner Karriere.
Standesgemäß und angemessen waren die finalen Auftritte der beiden Spieler, die mit über 36 Jahren ihre letzte Saison bestritten. Erich Gleixner hatte sich die vorletzte Partie 1955/56 als Abschiedsspiel ausgesucht: 20.000 Zuschauer drängten sich an der Bremer Brücke, als „Spitze“ gegen den Meister Hamburger SV sein brillantes Können noch einmal in einem Heimspiel zeigte und nach dem 3:3 mit Applaus überschüttet wurde.
Ein echtes Abschiedsspiel bekam Joe Enochs, doch sein letztes Ligaspiel war eins seiner wichtigsten: Am 18. Mai 2008 musste der VfL das Saisonfinale gegen Kickers Offenbach gewinnen, um den Klassenerhalt zu sichern. Es gelang – und im Alter von 36 Jahren, acht Monaten und 18 Tagen trug der Rekordspieler seinen Teil zum 3:0 bei.
Wir sind bei den 35-ern: Wahrscheinlich hätte Uwe Brunn mit seinem Kumpel Joe noch gerungen um die Alterspräsidentschaft, doch am 19. April 2003 endete seine Karriere urplötzlich und auf bitterste Weise: Bei einem bösen Foul des Dresdners Abdelaziz Ahanfouf erlitt Brunn eine komplexe Knieverletzung – der Kampf ums Comeback blieb vergeblich.
Addi Vetter, der seit 1938 für den VfL gespielt hatte, zog sich 1954 zurück – er ist bis heute der erfolgreichste Torjäger und einer der beliebtesten Spieler der Klubgeschichte. Mit ihm gehörte Karl-Heinz Gehmlich zu den herausragenden Konstanten der ersten Nachkriegsjahre; für ihn war 1956 nach 223 Spielen Schluss.
Länger als man Stürmern nachsagt, währten die Karrieren zweier Torjäger der jüngeren Zeit: Thomas Reichenberger und Christian Claaßen verabschiedeten sich mit 35 aus der aktiven Laufbahn. Karsten Surmann, der vor seinem Wechsel zum VfL schon die Fußball-Rente eingereicht hatte, hängte in Osnabrück noch zwei Jahre an.
Ein besonderes Kapitel schrieb Walter Bulik. Der drahtige Verteidiger war 13 Jahre ein Stammspieler und verabschiedete sich nach der Saison der Superlative (1968/69): Den Aufbruch seines VfL in die Goldenen Jahre erlebte er mit über 35 Jahren noch mit und blieb Rekordspieler, bis ihn Uwe Brunn ablöste. Auf der Plattform „transfermarkt“ wird Bulik als ältester Spieler geführt - fälschlicherweise.
Fehlt noch einer aus dem Klub 35plus, und Herbert Widmayer liefert die passende Abschlusspointe: Der gebürtige Kieler war von 1948 bis 1950 Trainer des VfL – und stellte sich am 20. Oktober 1949 selbst auf. Das 3:1 gegen Bremerhaven 93 gab ihm recht, aber der spätere DFB-Trainer sah mit seinen fast 36 Jahren von einer Wiederholung ab.
Anmerkung: In der ersten Version des Texte fehlte Erwin Kostedde, der nun in der Liste und im Text aufgeführt ist.