Praxis geschlossen Aurich hat vorerst keine Rheumatologin mehr
Die einzige rheumatologische Praxis in Aurich hat auf unbestimmte Zeit geschlossen. Warum das so ist und welche Handlungsmöglichkeiten Patienten nun bleiben.
Aurich - Wer derzeit versucht, bei der Rheuma-Praxis an der Auricher Kirchstraße einen Termin zu bekommen oder gar einen wahrzunehmen, wird enttäuscht. Auf der automatischen Telefonansage ertönt lediglich die Nachricht „Die gewählte Rufnummer ist zurzeit nicht erreichbar“. An der Eingangstür trifft man auf einen Aushang: „Wegen Krankheit ist die Praxis bis auf weiteres geschlossen“.
Hieß es im vergangenen Dezember noch seitens einer Leserin, dass es sich nur um einen zweiwöchigen Ausfall handele, hat sich dieser offenbar auf unbestimmte Zeit verlängert. Das bestätigte die Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) auf Nachfrage, nachdem diese Redaktion vergeblich versucht hat, die Praxis zu erreichen. Ärztin Elke Rewerts sei „längerfristig erkrankt“, ihre Rückkehr derzeit nicht abzusehen. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts vertritt die KVN die Interessen der rund 17.000 in Niedersachsen niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten gegenüber Politik, Krankenkassen und Öffentlichkeit.
Patienten machen ihrem Ärger Luft
Die Unzufriedenheit der Patienten über die Situation in Aurich spiegelt sich insbesondere in den aktuellen Google-Bewertungen der Praxis wider. War dort in den vergangenen Jahren immer wieder von einer „engagierten“ und „kompetenten“ Ärztin sowie „sehr freundlichen“ Mitarbeiterinnen die Rede, schwenken die Rezensionen nun überwiegend ins Negative um. Grund dafür ist eine offenbar misslungene Kommunikation seitens der Praxis. So schrieb eine Nutzerin Ende Januar: „Man hat einen Termin und die Praxis ist dunkel. Das ist eine Frechheit.“ Das Problem besteht anscheinend schon länger, denn bereits im vergangenen November verlieh ein Nutzer seinem Unmut Ausdruck: „Ich habe viel Hoffnung in diesen Termin gesetzt und was war? Die Ärztin hat es nicht einmal für nötig gehalten, in die Praxis zu kommen, geschweige denn meinen Termin abzusagen.“
Ein anderer Rezensent hatte laut eigener Aussage ein ähnliches Problem. Er habe erst vor Ort von einem Zettel zu erfahren, dass die Auricher Praxis geschlossen ist. Es müsse doch möglich gewesen sein, Termine abzusagen, sodass sich Minusstunden, vergeudete Urlaubstage und Fahrtkosten hätten vermeiden lassen können. Zwei weitere Nutzer werfen die Fragen in den (digitalen) Raum, wie sie nun an ihre Unterlagen beziehungsweise an Medikamente kommen sollen.
Nur vier Praxen in Ostfriesland
Der Wegfall der Praxis in Aurich hat demnach unmittelbare Auswirkungen auf die Rheuma-Patienten in der Region. Denn nach Angaben der KVN gibt es in Ostfriesland ohnehin nur vier Fachpraxen: in Aurich, Emden, Wittmund und auf Norderney. Damit sei der Bedarf an Sitzen, wie ihn die gesetzlich vorgegebene Bedarfsplanung vorsieht, in der Region gedeckt. Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder bildet die Basis für einen bundesweiten Verteilungsschlüssel, der die Arztdichte reguliert. Damit soll eine flächendeckende Versorgung sichergestellt werden. „Gerade in der Rheumatologie ist die Situation in vielen Bereichen Niedersachsens jedoch sehr angespannt“, räumt KVN-Pressesprecher Detlef Haffke ein. „Immer wieder beschweren sich Patienten darüber, dass es lange Wartezeiten für Termine gibt.“ Auch über die TerminServiceStelle (TSS) der KVN, besser bekannt als die 116117, würden zu wenig freie Terminplätze gemeldet.
Was ist eigentlich Rheuma?
Mit Rheuma werden in der Umgangssprache Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat bezeichnet. Rheuma ist dabei kein einheitliches Krankheitsbild, sondern lediglich ein Oberbegriff für über 100 verschiedene Erkrankungen. Sie äußern sich oft durch chronische Schmerzen und Funktionseinschränkungen an Gelenken, Muskeln, Sehnen oder Knochen.
Und das, obwohl die Nachfrage nach Rheumatologen stetig steigt. 1,5 Millionen Menschen mit rheumatischen Erkrankungen stehen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie derzeit nur etwa 800 Rheumatologen gegenüber. In Niedersachsen gibt es landesweit sogar nur 55 Fachärzte. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht, denn jedes Jahr schließen nur 40 bis 45 Ärzte in Deutschland ihre Facharztweiterbildung für Rheumatologie ab. Warum sich so wenige junge Ärzte dafür interessieren? Detlef Haffke hat dafür folgende Erklärung: „Es gibt kaum Professoren für Rheumatologie an den medizinischen Hochschulen. Daher können Medizinstudierende kein Interesse für das Fach entwickeln und schlagen den Weiterbildungsweg gar nicht erst ein. Die Weiterbildung ist aber Voraussetzung dafür, um später eine Facharztpraxis zu eröffnen.“
Was sollen Patienten nun tun?
Die erste Anlaufstelle für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen bleiben jedoch erst einmal die Hausärzte, stellt Detlef Haffke klar. „Über die Telefonnummer 116117 können sie sich mit einer dringlichen Überweisung eine Rheumatologen-Termin vermitteln lassen“, führt der Pressesprecher weiter aus. Angesichts der raren Terminplätze lautet Haffkes Tipp: nicht lockerlassen und die TSS regelmäßig kontaktieren. Bis dahin können Patienten auf eine Reihe von ergänzenden Behandlungen zurückgreifen. Dazu gehören neben den Allgemeinmedizinern auch Physiotherapeuten, Osteopathen und Heilpraktiker sowie Yoga und Wärmetherapien. Sie helfen dabei, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und Entzündungen zu reduzieren. Dennoch: Diese Maßnahmen können eine notwendige Basistherapie nicht ersetzen.
Um diese weiterhin anbieten zu können, hat sie KVN-Bezirksstelle Aurich nach eigenen Aussagen an sämtliche Hausärzte der Stadt eine Mail verschickt, wie sie sich in der aktuellen Situation zu verhalten hätten. Bei Akutfällen solle direkt an die KVN vermittelt werden, die dann versucht, eine Lösung zu finden. Pressesprecher Detlef Haffke ergänzt in diesem Zusammenhang, dass man für den Standort Aurich bereits beschlossen hätte, die Neueröffnung einer Rheuma-Praxis zu fördern. Wie lange Auricher mit Rheuma also wieder in ihrer Stadt behandelt werden können, bleibt erst einmal abzuwarten.