Oldenburg  Die Bahn fährt pünktlich ab – es sei denn, es kommt ein Schiff

Karsten Krogmann
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Von Karsten Krogmann
| 27.01.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nadelöhr im Bahnverkehr: die 72 Jahre Klappbrücke über der Hunte in Oldenburg Foto: Hauke-Christian Dittrich
Nadelöhr im Bahnverkehr: die 72 Jahre Klappbrücke über der Hunte in Oldenburg Foto: Hauke-Christian Dittrich
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Dass die Bahn ein Pünktlichkeitsproblem hat, das weiß mittlerweile jeder. Überraschen kann manchmal aber noch der Grund dafür, zum Beispiel: Schiffsverkehr.

„Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Abfahrt verzögert sich noch um einige Minuten“, diese Durchsage ist den meisten Bahnfahrern wohlbekannt. Weniger gängig ist der zweite Teil der Ansage: „Der Grund dafür ist Schiffsverkehr.“

Die Liste der Bahnverspätungsgründe ist lang, da gibt es Weichenstörungen, Stellwerkprobleme, ausgefallene Signale, defekte Türen, verspätetes Personal aus vorheriger Fahrt, kaputte Toiletten, Personen im Gleis, das Warten auf einen entgegenkommenden Zug und überhaupt Verzögerungen im Betriebsablauf. Die Nordwestbahn RS30, planmäßige Abfahrt Oldenburg-Hauptbahnhof um 8.05 Uhr, muss nun auf ein Schiff warten. Genauer, so viel verrät die Zugchefin: „Die Brücke muss geöffnet und geschlossen werden.“

Wer von Oldenburg aus mit der Bahn Richtung Bremen oder Osnabrück fahren möchte, muss den Fluss Hunte überqueren, und zwar auf einer 72 Jahre alten Eisenbahnklappbrücke, wenige hundert Meter südlich vom Hauptbahnhof. Das geht natürlich nur, wenn die Brücke nicht hochgeklappt ist, um ein Schiff durchzulassen. Wer wann fahren darf, Bahn oder Schiff, das regeln der Bahnfahrplan und feste Brückenöffnungszeiten, die ein Jahr im Voraus festgelegt werden.

Eigentlich.

Ein Schiffsführer, der die Brücke passieren möchte, kann auch über Ultrakurzwelle, Kanal 73, die Brücke anrufen und um außerplanmäßige Öffnung bitten, so schildert es das Wasser- und Schifffahrtsamt Weser-Jade-Nordsee auf Nachfrage. Die Einzelfallentscheidung, ob und wann das Schiff passieren darf und „wer warten muss, die Bahn oder das Schiff“, treffe dann der Brückeneigentümer.

Der Brückeneigentümer, das ist: die Deutsche Bahn.

An diesem Morgen trifft die Bahn die Entscheidung, dass der abfahrbereite Zug auf ein Schiff warten muss. RS30 startet deshalb mit sieben Minuten Verspätung. 27 Minuten dauert die Fahrt von Oldenburg bis Bremen; in Hude, Delmenhorst und Bremen gibt es jeweils eng getaktete Anschlussverbindungen. Um in Bremen die Regionalbahn nach Bremerhaven zu erreichen, bleiben Fahrgästen zum Beispiel planmäßig acht Minuten, zwölf Minuten sind es für den ICE nach München über Osnabrück. Zehn Gleise gibt es im Bremer Hauptbahnhof, zu erreichen sind sie durch den Bahnhofstunnel, Treppe runter, Fußweg, Treppe wieder rauf.

In RS30 setzt Hektik ein, Fahrgäste checken ihre Bahn-Apps, im Bahnhof gibt es Gerenne. Durchschnittlich 300 Passagiere zählt die Nordwestbahn wochentags im Zug, wie ein Sprecher mitteilt.

Und warum entscheidet sich ausgerechnet die ohnehin verspätungsgeplagte Bahn, Schiffen Vorrang vor Zügen einzuräumen? Eine Bahnsprecherin verweist auf „Reparaturarbeiten“ auf der Brücke und erklärt knapp: „Um den Zug- und Schiffsverkehr möglichst reibungslos abzuwickeln, kann es der Situation angepasst zu geänderten Öffnungen der Brücke kommen.“ Nähere Infos zur „Situation“ oder dazu, was für ein Schiff an diesem Morgen denn so dringlich durchgelassen werden musste, mag die Deutsche Bahn nicht geben, ebenso wenig können es die Nordwestbahn oder das Wasser- und Schifffahrtsamt.

Malte Diehl ist Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Landesverband Niedersachsen/Bremen, er sagt: „Fahrgastfreundlich ist das natürlich alles nicht.“ Pro Bahn fordere deshalb, dass Züge an der Huntebrücke auch in Reparaturzeiten grundsätzlich vorrangig behandelt werden. Wenn die Anschlüsse in Hude, Delmenhorst und Bremen nicht klappen, „ist man gleich 60 Minuten länger unterwegs, und das ist unzumutbar“.

Frage an die KI: Warum kommt die Bahn so oft zu spät? Die KI listet eine Reihe Gründe auf, darunter die marode Infrastruktur, Fahrzeugstörungen, Personalmangel und das Wetter. Schiffsverkehr ist nicht dabei und auch nicht dieser Grund: weil die Bahn es manchmal selbst so entscheidet.

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