Handball-EM Matchball fürs Halbfinale: Besteht Wolff in der roten Hölle?
Deutschlands Handballer sind noch einen Sieg vom Medaillenspiel entfernt. Doch nun wartet eine „der besten Mannschaften der Geschichte“. Ein Gegner, unter dem die DHB-Riege seit zehn Jahren leidet.
Die Handball-Welt verneigte sich noch vor Andreas Wolff, da richtete Deutschlands Nationaltorhüter schon einen eindringlichen Appell an seine Teamkollegen. „Jetzt kommt eine der besten Mannschaften in der Geschichte. Da müssen wir insbesondere im Angriff eine Schippe drauflegen, weil die Dänen werden solche Fehler nicht ungestraft lassen“, erklärte der DHB-Held vor dem Kracher-Duell mit den Skandinaviern und fügte mit kritischem Unterton hinzu: „Wenn wir jetzt noch anfangen, Angriff zu spielen, dann bin ich sehr glücklich“.
Deutschland hat an diesem Montag (20.30 Uhr/ARD/Dyn) sein erstes von zwei Matchball-Spielen. Ein Erfolg gegen Dänemark - es wäre der erste Pflichtspiel-Sieg seit zehn Jahren - und die Auswahl von Bundestrainer Alfred Gislason kämpft definitiv um die erste EM-Medaille seit dem Titel 2016. Klar ist: Eine Weltklasse-Leistung von Wolff allein, wie beim Sieg gegen Norwegen, reicht nicht für den EM-Coup. Dafür braucht es eine kollektive Leistungssteigerung.
Wolff kritisiert „fehlende Cleverness“
Was Wolff neben den zahlreichen Fehlwürfen besonders ärgerte, waren die Abpraller, die reihenweise beim Gegner landeten „Und hier und da fehlende Cleverness – vorn wie hinten“, kritisierte Wolff seine Vorderleute. Fast zeitgleich überboten sich diese in Superlativen, als sie die Leistung ihres Schlussmanns beim 30:28 beschrieben.
Mal streckte Wolff das Bein fast im 180-Grad-Winkel nach oben, ein anderes Mal lenkte er die Harzkugel mit den Fingerspitzen am Tor vorbei. Von „phänomenal“ über „Weltklasse“ bis hin zu „der beste Torhüter der Welt“ war alles zu hören. Rückraumspieler Marko Grgic brachte die 22 Paraden und eine Quote von 44 Prozent abgewehrter Bälle auf den Punkt: „Er hat uns einfach mal wieder den Arsch gerettet“.
Die Ausgangslage: Bleibt Deutschland Gruppenerster?
Der vielversprechende Blick auf die Sechsergruppe lässt die deutschen Fans vom Halbfinale träumen. Schließlich führt die DHB-Riege die Tabelle mit sechs Punkten vor Frankreich und Dänemark (je 4) sowie Portugal und Norwegen (je 2) und Schlusslicht Spanien (0) an. Heißt: Der Olympia-Zweite hat es in eigener Hand und braucht aus den ausstehenden zwei Partien gegen Dänemark und Frankreich noch einen Sieg.
„Die Ausgangslage ist perfekt. Das ist das, was wir wollten. Hätte uns das jemand vor dem Turnier angeboten, hätten wir es genauso genommen“, befand Spielmacher Juri Knorr, der im Gegensatz zu Wolff eine enttäuschende EM spielt. Rückraumspieler Renars Uscins sprach von einem Privileg, noch ein Spiel vergeigen zu können. Und selbst Gislason, dem nach dem Serbien-Debakel schon das Trainer-Aus drohte, musste mit Blick auf die Ausgangslage lachend zugeben: „Hätte schlechter sein können. Das wissen wir doch alle“.
Die rote Wand wird zur Belastungsprobe
In Dänemark wartet der „Über-Favorit“, wie Wolff die erfolgsverwöhnten Titelsammler aus dem Nachbarland bezeichnete. Es wartet außerdem eine gewaltige Kulisse von 15.000 Fans. Im Duell der Topfavoriten mit Frankreich lieferte die rote Wand einen Vorgeschmack, welche Lärmdimensionen möglich sind. Nicht umsonst gilt die Jyske Bank Boxen als „Hölle von Herning“.
„Wir werden sehen, ob die Stimmung in der Halle ein Vorteil oder Nachteil ist für die Dänen“, sagte Wolff mit einem Lächeln. Dänemarks Trainer Nikolaj Jacobsen hatte zuvor betont, dass die Mannschaft den Druck von den Rängen spüre. Uscins befand: „Das gibt mir was. Man genießt diese Stimmung, dieses Pfeifen, diesen Druck“, sagte der Rückraumspieler und erinnerte sich an das deutsche Olympia-Wunder von Lille: „Alle gegen sich zu haben, da habe ich schon in Frankreich ein geiles Spiel gehabt.“
Wann gab’s den letzten Sieg gegen Dänemark?
Der letzte Pflichtspiel-Sieg gegen Dänemark gelang bei der EM 2016. Seitdem gab es nur noch Pleiten, die manchmal demütigend waren. Etwa im Finale der Olympischen Spiele 2024, als Deutschland beim 26:39 komplett zerlegt wurde. Oder bei der WM im Vorjahr, als Dänemark mit 40:30 gewann.
„Das ist die beste Mannschaft der Welt. Sie haben die besten Spieler der Welt“, fasste Grgic die Herkulesaufgabe zusammen. Nach seinen sieben Treffern gegen Norwegen ist Deutschlands Shooting-Star pünktlich zum Dänemark-Highlight in Topform. „Jetzt sind alle im Turnier angekommen“, befand Gislason, nachdem auch Franz Semper und Nils Lichtlein im Rückraum eine gute Leistung zeigten.
Dänemark spielt gegen den EM-Fluch
Co-Trainer Erik Wudtke versuchte, dem Team Mut zu machen. „Wahrscheinlich verliert man neun von zehn Spielen, aber die Dänen wissen nicht, wann das zehnte ist.“ Doch wie bezwingt man eine Mannschaft, die nahezu unschlagbar ist? Das dänische Star-Ensemble um Welthandballer Mathias Gidsel ist Olympiasieger und Weltmeister – und hat dennoch einen Makel: Bei Europameisterschaften tut sich die goldene Generation schwer.
Der letzte Titel liegt bereits 14 Jahre zurück. Und das wurmt den Co-Gastgeber gewaltig. „Das ist ein großes Thema für uns. Wir wollen endlich dieses Turnier gewinnen“, sagte Kapitän Magnus Saugstrup vom SC Magdeburg. Geheimnisse gibt es zwischen Dänemark und Deutschland nicht. Schließlich spielen fast alle Dänen in der Bundesliga. „Wir kennen die deutschen Spieler aus dem Alltag. Es ist ein kleines Finale gegen unsere Freunde“, sagte Gidsel. Zur Primetime am Montag ruht die Freundschaft.