Osnabrück Vom Aktmodell zum Schlagerstar: Ben Zucker über einfache Jobs, seine Alkoholsucht und Helene Fischer
Wenn er da ist, ist die Halle meist voll, kaum eine Schlagershow kommt ohne ihn aus. Dabei war er in seiner Karriere ein echter Spätzünder. Ben Zucker erklärt, warum es trotz Teilnahme bei Let’s Dance nur für die Dorfdisco reicht und was ihn in Deutschland gewaltig stört.
Mit der Alkoholbeichte in seiner Autobiografie „Kämpferherz“ sorgte Ben Zucker im vergangenen Herbst für Aufsehen. Im Gespräch gibt der 42-Jährige Einblicke in die Anfänge seiner Alkoholsucht und spricht über die Sorgen seiner Freunde. Zucker, der sich vom Tellerwäscher und Aktmodell hocharbeitete und seinen Traum von der großen Bühne nie aufgab, wirkt auch nach neun Jahren im Showgeschäft voller Elan. Außerdem spricht Zucker darüber, was ihn mit Schlagerlegende Jürgen Drews verbindet und was er an Helene Fischer bewundert.
Frage: Ben, Ihr Künstlername „Zucker“ geht auf eine Figur Ihres Lieblingsschauspielers Henry Hübchen zurück, der einen Überlebenskünstler gespielt hat. Warum sehen Sie sich als Überlebenskünstler?
Antwort: Ich habe einfach viel Zeit gebraucht. Meine Karriere als professioneller Künstler ging erst mit 34 oder 35 los. Davor habe ich über 20 Jahre für meinen Traum gekämpft und gearbeitet. Ich habe in vergleichsweise „einfachen“ Jobs gearbeitet, die ich aber dennoch ehrenwert und großartig finde. Ich war Tellerwäscher, Aktmodell und Kellner. Trotzdem würde ich diese Zeit als eine Art Überlebensmodus bezeichnen.
Frage: Sie haben als Aktmodell an einer Berliner Kunstuniversität Gitarre gespielt. Muss man dabei denn nicht stillhalten?
Antwort: Stimmt. Ich habe in dem Job spontan ausgeholfen und die Situation war für alle etwas ungewohnt. Die Stimmung wollte ich auflockern. Dann habe ich mich einfach hingesetzt und angefangen, Gitarre zu spielen, zu singen, und dabei verschiedene Haltungen eingenommen. Das fanden alle Kursteilnehmer cool, weil der Prozess des klassischen Aktmalens an einer Kunstuniversität dadurch in der Konvention durchbrochen wurde und dynamische Zeichnungen entstanden sind.
Frage: Wie ist es zu dem Job genau gekommen – ging es da wirklich nur um Kunst?
Antwort: Mit meiner damaligen Grunge-Rock-Band sind wir einfach aus einer Trinklaune heraus mal in die Kunstgalerie gegangen und haben einen auf intellektuell gemacht. Dann sind wir ins Gespräch gekommen. Der Besitzer der Galerie fand mich cool, ich ihn auch, und ab dem Zeitpunkt durften wir immer proben, sobald die Aktzeichenkurse vorbei waren. Eines Tages waren wir schon in der Galerie und haben gewartet, aber dem Kurs fehlte das Aktmodell. Meine erste Reaktion war „Neee, lasst mal“, danach habe ich gesagt: „Ach, scheiß drauf. Ich mach’ das jetzt.“ Aber ja, es war sehr professionell.
Frage: Warum der Wechsel zum deutschen Schlager?
Antwort: In Deutschland ist Grunge oder Rockmusik nicht so manifestiert, und es gibt kaum noch Bands, abgesehen von Rammstein, den Toten Hosen und vielleicht den Ärzten. Mit Schlagermusik kann ich Emotionen und Gefühle über die Musik besser ausdrücken und sie eignet sich auch besser, ein großes Publikum anzusprechen.
Frage: Ihre Laufbahn begann im Vorprogramm von Helene Fischer. Gibt es etwas, das Sie sich bei ihr abgeschaut haben, und wenn ja: was genau?
Antwort: Eine Sache gibt es tatsächlich: Trotz ihres Erfolges ist sie weiter so zurückhaltend und bescheiden, das fand ich direkt sehr beeindruckend. Es gab einen speziellen Moment in einem Stadion, als ein jüngerer und neuer Crew-Mitarbeiter sie fragte, wo die Toiletten sind. Sie antwortete ihm ganz selbstverständlich und ohne Allüren. Diese Bodenständigkeit fand ich cool.
Frage: Wenn Sie an die Momente zurückdenken, in denen Sie nach Auftritten anderer Künstler gefegt haben und dann mit Ihrer Gitarre selbst auf die Bühne gegangen sind: Ist es jetzt so, wie Sie es sich vorgestellt haben, ein Schlagerstar zu sein?
Antwort: (überlegt lange) Ja, schon. Aber es ist nicht so geil, wie ich dachte. In meinen Vorstellungen war es leichter und unbeschwerter.
Frage: Können Sie das genauer erklären?
Antwort: Die Arbeit auf der Bühne sieht locker und flockig aus, ist aber verdammt hart. Ich muss das sogenannte Staging beachten und es ist extrem viel an Informationsfluss auf dem Ohr. Es gibt laufend Anweisungen, wie zum Beispiel: „Benni, nach links, nach rechts. Hier, stopp, runter.“ Es wird daran erinnert, wenn Feuer angeht, oder es heißt: „Gleich geht das Pyro an, du musst ein Stück zurück.“ Es passiert extrem viel, was der Besucher eines Konzertes gar nicht so mitbekommt. Es ist nicht immer die leichte Party und nur Spaß, sondern alles ist sehr durchdacht.
Frage: Künstler leben ja von ihren Fans, die mitunter skurrile Geschichten liefern …
Antwort: Es gibt eine Frau, die gehört quasi zur Zucker-Familie. Ich habe ihr mein erstes oder zweites Autogramm überhaupt gegeben und bis heute begleitet sie mich seit dem allerersten Konzert. Sie gibt mir Feedback, ist wirklich eine gute Kritikerin und hat auch meine Nummer. Das ist etwas sehr Besonderes und auch Schönes. Sie erlebt meine gesamte Entwicklung mit und das schätze ich.
Frage: Wie kommen Sie mit dem Star-Trubel zurecht?
Antwort: Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich voll da und habe richtig Bock. Da bin ich zwei oder drei Stunden für alle da. Danach bin ich aber auch gerne für mich. Wenn man mich in der Stadt sieht, kann man mich aber gerne für ein Foto ansprechen, das gehört zum Business. Das sind meine Fans und darauf freue ich mich. Ich will ja auch erkannt werden. Ein bisschen eitel ist man als Künstler dann schon, das ist ja auch eine Form von Bestätigung.
Frage: Ein wesentlich schwierigeres Thema ist Ihre Alkoholsucht, die im Herbst durch Ihre Autobiografie „Kämpferherz“ bekannt wurde. Aus einem lockeren Wodka gegen die Nervosität wurde während Corona bis zu eine Flasche …
Antwort: Ich dachte immer, Wodka wär ein Shot, den man kurz runterkippt und fertig. Dann wurde mir der Wodka mal in einem schönen Tumbler-Glas mit Eiswürfeln kredenzt und so ging es los. Aber eine Sache stört mich in Deutschland …
Frage: Was genau?
Antwort: Viele in Deutschland sind dem Alkohol zugewandt. Wenn du als Mann nicht trinkst, heißt es, man hätte den Führerschein verloren. Trinken Frauen nicht, kommt schnell das Gerücht auf, dass sie schwanger sind. Es wirkt, als müsste man das Nicht-Trinken verteidigen oder erklären.
Antwort: Für mich war es in dem Augenblick der Bekanntmachung auf jeden Fall wichtig, offen darüber zu sprechen, dass man sein Leben im Griff haben und cool führen kann, auch wenn man gleichzeitig ein Alkoholproblem hat. Die Menschen denken, jemand, der ein Alkoholproblem hat, müsste morgens vorm Discounter stehen und sich in die Hosen machen. Aber das ist nicht so. Ich stehe nicht morgens zitternd vorm Spiegel und denke: „Scheiße, was mache ich jetzt?“ Es ist mehr Gewohnheitstrinken.
Frage: Okay …
Antwort: … von den fast neun Jahren meiner Karriere habe ich ja auch vier Jahre nicht getrunken. Ich brauche die „Challenge“ und habe immer Phasen, wo ich durchziehe und sage: „Jetzt nicht“.
Frage: Ihre Freunde haben gesagt, bis 15 Uhr muss man mit Ihnen gesprochen haben, „sonst lallt der Benny“. Gab es nie mal jemanden, der Sie ernsthaft beiseite genommen und gesagt hat: „Ich mache mir Sorgen, pass mal auf!“?
Antwort: Na klar gab es das. Aber ich bin jemand, der offen damit umgeht, wodurch ich alle mundtot gemacht habe. Ich konnte die Situation selbst reflektieren, somit gab es kein Argument mehr für andere, die Sorge auszusprechen. Die habe ich quasi ausgehebelt.
Frage: Mein persönlicher TV-Moment mit Ihnen ist die Abschiedsshow von Jürgen Drews im Januar 2023, bei der Sie das „Bett im Kornfeld“ umgetextet haben, das nun leer stehe. Wie kam es dazu?
Antwort: Das war wirklich eine ganz spontane Aktion über Nacht bis vier Uhr morgens. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich das Lied in der Show singen durfte. Es war echt emotional. Wir sind alle mit Jürgen großgeworden, diesen Moment habe ich sehr gefühlt, oder anders gesagt: Das hat echt gesessen. Der Mann hat einfach alles erreicht.
Frage: Jürgen Drews ist ja bekennender Nicht-Trinker. War Alkoholkonsum mal ein Thema zwischen Ihnen und ihm?
Antwort: Nein. In der Branche ist das gar nicht so das Thema. Es war aber auch keiner verwundert bei der Veröffentlichung meiner Autobiografie, als das Thema dann öffentlich wurde. Zu Promozwecken wird so was dann auch gerne dramatisiert, nach dem Motto: „Oh, der hat ganz schlimme Probleme, der Benny.“ Das ist natürlich alles Quatsch.
Frage: Drews’ Bühne war in weiten Teilen seiner Karriere der Ballermann. Die dortigen Lokale öffnen sich gerade für andere Musikrichtungen. Rapper-Veteran Sido ist ebenso schon aufgetreten wie Schlager-Legende Heino. Auch Pop-Schlager wurde dort zuletzt ausprobiert. Können Sie sich ein Engagement dort vorstellen?
Antwort: Tatsächlich gab es bereits Anfragen. Ich finde alle Kollegen cool, die dort abreißen und für eine geile Party sorgen, von Isi Glück bis zu Ikke Hüftgold. Das muss man erst einmal jeden Abend so durchziehen. Für mich kann ich es mir derzeit aber nicht vorstellen, ohne es für immer ausschließen zu wollen. Zeitlich wäre es aber auch schwierig. In diesem Jahr ist der Terminkalender mit der Arena-Tour, vielen Open-Airs und den Schlagernächten schon sehr voll. 2027 habe ich mein zehnjähriges Jubiläum.
Frage: Sie haben bei „Let’s Dance“ teilgenommen. Wie war die Erfahrung für Sie?
Antwort: Es war eine schöne Erfahrung. Das ist eine tolle Produktion. Wenn man da dabei sein darf, sollte man nicht vergessen, dass man die Chance hat, mit großartigen Tänzern zusammenzuarbeiten. Mehr geht ja weltweit kaum an erfahrenen Menschen, die einem das Tanzen beibringen. Das ist Champions League und schon krass. Die – ich nenne sie mal so –„Dance Bubble“ ist echt eine eigene Welt und vor allem sehr groß. Da kommentieren laufend Leute, bewerten und beschimpfen dich auch, wo ich mir dachte: „Entschuldigung, ich habe mich doch angestrengt.“
Frage: Eine gute Atmosphäre klingt anders …
Antwort: Doch, doch. Unter uns Teilnehmern war es eine schöne Stimmung, das hat echt Bock gemacht. Ich konnte ja wirklich nicht tanzen, überhaupt nicht. Das ist doch das Spannende, zu sehen, was kriegt jemand Unerfahrenes wie ich in drei Tagen aufs Parkett. Insgesamt ist es aber eine Welt, die weiter nicht meine werden wird. Ich hab’ drei, vier Schritte drauf, die ich in der Dorfdisco auf jeden Fall anbringen kann, und dann sagen alle, glaube ich, dass der Zucker ein bisschen tanzen kann.
Frage: Können Sie ein TV-Format nennen, bei dem Sie gerne noch teilnehmen würden?
Antwort: Es gibt einige Anfragen, aber da kann ich noch nichts Konkretes zu sagen. Die Show gefällt mir. Wobei ich ja großer Trash-TV-Fan bin.
Frage: Echt?
Antwort: Ja, riesengroßer sogar. Ich bin da voll drin. Das ist für mich gut zum Ablenken und Gehirn ausschalten.
Frage: Ihre Tour heißt ebenso wie Ihr Buch „Kämpferherz“. Wofür wollen Sie in Zukunft kämpfen?
Antwort: (Lacht).) Ich will einfach weiter für mich einstehen, meine Hausaufgaben machen und für meine Fans da sein. Sehr nahbar zu sein, ist mir wichtig und so soll es bleiben.