Osnabrück Osnabrücker Musikerin Shabnam Parvaresh über Sufi-Literatur und brutale Realität im Iran
Bei einem Abend mit der Schauspielerin Neda Rahmanian und der Musikerin und neuen Leiterin des Morgenland Festivals, Shabnam Parvaresh, geht es am Sonntag um persiche Sufi-Literatur aus dem 12. Jahrhundert. Aber die aktuelle Situation im Iran schwingt mit.
Der Abend verspricht höchst poetisch zu werden: Neda Rahmanian rezitiert „Die Konferenz der Vögel“, Shabnam Parvaresh spielt dazu Klarinette. Das klassische Werk der persischen Sufi-Literatur von Farid ud-Din Attar aus dem 12. Jahrhundert und die zeitgenössische Musik wollen die beiden am Sonntag, 25. Januar, um 19.30 Uhr in der Lagerhalle in einer Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde Morgenland Festival zu einer Art literarisch-musikalischem Essay verbinden.
Beide Frauen sind in Teheran geboren; daher rührt der enge Bezug zur persischen Dichtung. Inhaltlich geht es um eine Schar Vögel, die sich auf die Suche nach ihrem König Simorgh macht. Ihre Reise führt durch sieben Täler, die jeweils eine Erkenntnisstufe symbolisieren. Die höchste Stufe erklimmen die Vögel am Ziel – die wird hier aber nicht verraten.
Die Vögel repräsentieren dabei markante Aspekte, Schwächen und Stärken des menschlichen Charakters: Rahmanian und Parvaresh erzählen keine Abenteuerfahrt, sondern eine spirituelle Allegorie.
Entwickelt haben die beiden den Abend gemeinsam: „Neda hat sich mit dem Text beschäftigt und daraus eine einstündige Fassung erstellt“, sagt Parvaresh. Sie selbst hat dazu musikalische Strukturen entwickelt, die viel Raum zur Improvisation lassen. „Es geht mir nicht darum, Vögel zu imitieren“, sagt Parvaresh, „sondern die Atmosphäre zu erfassen.“ Die Atmosphäre der Dichtung, aber auch die im Raum – so wird das Publikum Teil der Aufführung.
Maßgeblicher Teil des literarisch-musikalischen Kunstwerks sind aber naturgemäß die beiden Künstlerinnen. Die verbindet nicht nur eine Freundschaft, sondern auch ihre Herkunft und in Teilen sogar ihr Werdegang: Beide sind in Teheran geboren und irgendwann in Osnabrück gelandet. Für die Schauspielerin Rahmanian war die Stadt, genauer: das Theater Osnabrück eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Karriere als gefragte Darstellerin in Film und Fernsehen. Parvaresh hat in Osnabrück ihre neue Heimat gefunden, eine Beziehung, die ihre neue Aufgabe als Leiterin des Morgenland Festivals vertieft hat.
Beide verfolgen aber mit großem Bangen, wie brutal das Mullah-Regime gegenwärtig die Demonstrationen für Freiheit und Demokratie im Iran niederschlägt. „Offiziell ist die Rede von 20.000 Toten“, sagt Parvaresh, „es können aber auch 50.000 oder 60.000 sein.“ Jedenfalls verantworten die Milizen der Mullahs das größte Massaker in der jüngeren Geschichte des Iran.
Bei Parvaresh erzeugt das ein Gefühl der Hilflosigkeit. „Meine Freunde und Verwandten dort stellen sich auf die Straße“, sagt sie. Sie selbst kann nicht einmal Kontakt mit den Menschen im Iran halten, weil die Regierenden dort alle Informationskanäle gekappt haben. Wobei: Kleine Fenster öffnen sich den Menschen im Iran wieder. „Das Regime verkauft sehr teure Telefonkarten. Damit können die Menschen dann telefonieren – eine Minute.“ Sie weiß das, weil ihr Onkel im Iran mit ihrem Onkel in Paris telefoniert hat.
„Das Land bräuchte freie Wahlen und ein Parlament“, sagt Parvaresh. Doch davon ist der Iran weiter entfernt denn je, und der neue Mitspieler im Poker um die Macht verschärft die Situation noch: Reza Pahlavi, Sohn des 1978 gestürzten Schahs, bringt sich als neuer Machthaber ins Spiel und spaltet die Opposition im Exil. „Ich habe Sorge, dass sich die Geschichte im Iran wiederholt“, sagt Parvaresh. Mit der Monarchie haben die Iraner genauso schlechte Erfahrungen gemacht wie mit den Mullahs.
Ob sich das auf den poetischen Abend in der Lagerhalle auswirkt? Parvaresh sagt, „ich weiß es nicht, aber wir sind Menschen. Emotionen kann man nicht unterdrücken.“ Umso mehr hofft sie auf eine funktionierende Demokratie in ihrem Heimatland. Dann könnte sich nämlich ein tief empfundener Wunsch erfüllen: „Ich würde mir so sehr wünschen, ,Die Konferenz der Vögel‘ in Teheran zu spielen.“