Osnabrück Campus, Nightclub, Pillen – Bremer „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“
Wer ist für den Tod einer Jura-Studentin verantwortlich? Der neue Bremer „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“, wirft einen gesellschaftskritischen Blick auf den Leistungsdruck beim Jura-Studium. Sehenswert, wenn auch streckenweise überfrachtet.
Ein Jurastudium ist kein Zuckerschlecken. Die Anforderungen sind enorm. Der Leistungsdruck sorgt für psychischen Stress. Und die Durchfallquote ist hoch. Wer im ersten und dann auch noch im zweiten Staatsexamen mit einer Drei abschließt, darf sich sehr glücklich schätzen. Nur die Allerwenigsten schaffen eine Eins. Für viele junge Menschen endet das Studium dann mit psychischen und anderen gesundheitlichen Schäden, häufig hervorgerufen durch leistungssteigernde Medikamente und Psychopharmaka.
In Bremen, wo die Durchfallquote besonders hoch ist, kämpft auch die Jurastudentin Annalena „Anni“ Höpken (Annika Gräslund) mit den Folgen der Studienbedingungen und ihres Pillenkonsums. Eigentlich hat sie längst resigniert, ist ausgebrannt und abgebrannt. In der WG droht ihr der Rauswurf. Aber so weit kommt es nicht mehr. Am nächsten Morgen liegt ihre Leiche vor der Treppe des Notausgangs eines bei Studenten beliebten Nachtclubs.
Sie ist nicht gestürzt, sondern wurde in den Tod geschubst, wie Rechtsmedizinerin Edda Bingley (Helen Schneider) noch vor Ort feststellt. Als Tatverdächtiger gerät schnell ein Obdachloser ins Visier der Ermittlerinnen Linda Selb (Luise Wolfram) und Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer). Aber der kann entkommen und verletzt Selb bei der Verfolgung schwer.
Während Selb auch vom Krankenbett aus das Ermitteln nicht sein lassen kann, schnappt sich Moormann kurzerhand den Kollegen „Prince“ Schipper (Tijan Njie) vom KDD und taucht tief ein in die Welt der Studenten zwischen Campus, Leistungsdruck und WG-Leben. Dabei stößt sie auch auf Annis minderjährige Schwester Betty Höpken (Mathilda Smidt), die nicht nur vor ihrer Mutter ein Geheimnis zu haben scheint.
Der neue Bremer „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“ nach dem Drehbuch von Christine Otto und Elisabeth Herrmann ist als Mischung aus Krimi und Gesellschaftsdrama angelegt. Darin geht es neben der Frage, wer die verzweifelte Studentin in den Tod geschubst hat, vor allem auch darum, das Leben der Toten zu beleuchten, die an den Folgen von Leistungsdruck und Erwartungshaltungen in eine Abwärtsspirale geraten ist.
Regisseurin Ziska Riemann gelingen für ihren ersten „Tatort“ dann auch eindrucksvolle Einstellungen und Bilder aus einer leistungsorientierten Welt, die sich vor allen Dingen im Mikrokosmos der Studenten-WG widerspiegelt. Dort prallen nicht nur Gegensätze aufeinander. Dort habe auch „jeder Stress mit jedem“, wie es eine neue Mitbewohnerin treffend zusammenfasst.
Dominiert wird die WG von Hannes Butenbeker (abgrundtief gut: Michael Schweisser), seines Zeichens Soziopath und Sohn reicher Eltern. Die Tote ist seine Ex. Seine Empathie liegt weit unter dem Gefrierpunkt. Und seine Mitbewohner müssen ihm 800 Euro pro Zimmer und Monat bezahlen. Wer nicht zahlen kann, fliegt raus.
So weit, so böse. Aber im Laufe dieses „Tatort“-Krimis werden dann immer mehr Themenkreise angeschnitten und wieder fallen gelassen, was das eigentliche Anliegen verwässert. Zu Leistungsdruck und Medikamentenmissbrauch gesellen sich unter anderem noch ein handfester Plagiatsvorwurf, ein Nachtclub mit Separees, ein Loverboy und dessen Opfer sowie ein Obdachloser, der sich als ehemaliger Mitschüler von Ermittlerin Moormann erweist, die sich ein „Helfersyndrom“ eingesteht.
Das ist dann doch ein wenig zu viel des Guten. Nichtsdestotrotz lohnt das Einschalten. Die Inszenierung entwickelt eine mitreißende Dynamik. Und mit der Auflösung dieses „Tatort“-Krimis öffnet sich, wie so oft in letzter Zeit, ein tragischer Abgrund.
„Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“. Sonntag, 25. Januar, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek.