Paris  Experiment im Internet entlarvt, wie viele Männer eine schlafende Frau vergewaltigen würden

Daniel Steinvorth
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Von Daniel Steinvorth
| 24.01.2026 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Namen der Vergewaltiger von Gisèle Pelicot. Wie viele Männer wären tatsächlich bereit, eine solche Straftat zu begehen? Foto: IMAGO/Marc Asensio
Die Namen der Vergewaltiger von Gisèle Pelicot. Wie viele Männer wären tatsächlich bereit, eine solche Straftat zu begehen? Foto: IMAGO/Marc Asensio
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Nach dem Vergewaltigungsprozess um die Französin Gisèle Pelicot wollte ein kanadischer Journalist wissen, ob das Verbrechen wiederholbar wäre. Er schaltete eine Fake-Anzeige – binnen 48 Stunden meldeten sich über hundert Männer.

War das Verbrechen von Mazan ein Einzelfall? Oder könnte die verstörende Serie von Vergewaltigungen, die sich in dem Dorf in Südfrankreich abspielte, auch anderswo möglich sein?

Mit dieser Frage beschäftigte sich ein kanadischer Journalist, den das Schicksal der berühmt gewordenen Rentnerin Gisèle Pelicot nicht losließ. Fast ein Jahrzehnt lang, von 2011 bis 2020, war die 73-jährige Französin von ihrem damaligen Ehemann Dominique Pelicot immer wieder betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten worden.

Im Dezember 2024 endete in Avignon der aufsehenerregende Prozess gegen ihre Peiniger mit 51 Schuldsprüchen: Dominique Pelicot, der Hauptangeklagte, erhielt 20 Jahre Haft, die 50 weiteren Angeklagten überwiegend mehrjährige Freiheitsstrafen. Der Fall machte Gisèle Pelicot weit über Frankreich hinaus zu einer Symbolfigur.

Sie hatte sich bewusst für eine öffentliche Verhandlung entschieden und damit dazu beigetragen, dass eine breite Debatte über sexuelle Gewalt in Gang kam. Auch wurde in der Folge das französische Sexualstrafrecht reformiert, wonach sexuelle Handlungen ohne Zustimmung ausdrücklich als strafbar gelten.

Doch sollten die Debatten über K.-o.-Tropfen, „chemische Unterwerfung“ und Einwilligung auch dazu führen, dass bestimmte Sexfantasien mit wehrlosen Frauen im Internet weniger Resonanz finden? Hugo Meunier, ein Journalist aus Quebec, war sich da nicht so sicher. Er entschied sich im Juni 2025, ein halbes Jahr nach Ende des Mazan-Prozesses, für ein Experiment.

Meunier schaltete auf einer Dating-Plattform in seiner kanadischen Heimat eine Fake-Anzeige, die im Wortlaut jener von Dominique Pelicot ähnelte. Dieser hatte über „coco.gg“, eine mittlerweile gesperrte Website, gezielt nach Männern gesucht, die bereit waren, mit einer sedierten und wehrlosen Frau Sex zu haben.

Auch Meunier stellte ein solches Szenario in Aussicht, und sein Text war an Deutlichkeit kaum zu überbieten: „Ich habe eine ziemlich konkrete Fantasie. . . Komm und fick meine schlafende Frau. Psst, sie darf nicht aufwachen.“ Dazu stellte der Journalist zwei KI-generierte Bilder einer schlafenden Frau online. Sie sollte den Eindruck erwecken, unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln reglos zu sein.

Schon nach zwei Minuten erhielt Meunier die ersten beiden Nachrichten von Männern, die sich zu einem Treffen bereit erklärten. Innerhalb von 48 Stunden meldeten sich 105 Interessierte. Von ihnen erkundigten sich nur drei, ob die Frau denn auch einverstanden sei, und nur einer stellte klar, dass es sich andernfalls um eine Vergewaltigung handeln würde.

Danach trat Meunier mit den Männern, die nach seiner Aussage aus allen Altersgruppen stammten – genau wie die Täter von Mazan –, in den Dialog. Er stellte ihnen dieselben Bedingungen, die Dominique Pelicot seinen „Gästen“ auferlegt hatte: kein Parfum und kein Tabakgeruch, wenn sie in sein Haus kommen würden. Keine kalten Hände und keine lauten Geräusche, um die Frau nicht zu wecken. An diesen Regeln störte sich keiner. „Kein Problem“, schrieb einer. Ein anderer sagte am Telefon: „Ich passe mich ganz dem an, was du magst.“

Meunier machte aus seiner Recherche gemeinsam mit der Regisseurin Cloé Giroux einen Film mit dem Titel „Prêts à coucher avec une femme endormie“. Darin kommt auch Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pelicot, zu Wort. Sie spricht von einer „echten Nachfrage“ nach solchen Praktiken und sagt, der Fall ihrer Mutter sei wahrscheinlich nur der „Baum, der den Wald verdeckt“.

Die Männer, die bereit gewesen wären, eine Frau im Schlaf zu missbrauchen, fordert sie auf, sich vorzustellen, es ginge um die eigene Tochter, Mutter oder Partnerin.

Nach zwei Wochen verschwand Meuniers Fake-Anzeige von der Plattform, sein Profil wurde gesperrt. Ein Nutzer hatte ihn gemeldet, was den Journalisten dann doch beruhigte. Auch teilten ihm die Betreiber der Website später mit, man habe einige der beteiligten Konten blockiert.

Gisèle Pelicot hatte während des Prozesses daran erinnert, dass auch „normale Männer“ zu Vergewaltigern werden könnten, und sie hatte stets gefordert, dass sich nicht die Opfer, sondern die Täter zu schämen hätten. Ihr Ex-Mann Dominique zeigte vor Gericht Reue. Doch gestand er vor allem das, was angesichts der erdrückenden Beweislage ohnehin nicht mehr zu leugnen war. Die Vergewaltigungen waren in zahlreichen Videos festgehalten, die er selbst aufgenommen und archiviert hatte.

In Frankreich kommt zur Empörung über die Taten mittlerweile hinzu, dass die Justiz Dominique Pelicot wohl schon viel früher hätte stoppen können. Ein kürzlich veröffentlichter Untersuchungsbericht des Justizministeriums zeigt, dass der Rentner bereits 2010 ins Visier der Polizei geriet, nachdem er in einem Supermarkt heimlich Frauen gefilmt hatte.

Die Ermittler nahmen damals seine DNA auf und wollten die Akte vertiefen. Doch ein Schreiben an die zuständige Staatsanwaltschaft soll im überlasteten Apparat untergegangen sein.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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