Osnabrück Seit 50 Jahren im Osnabrücker Widukindland: Frank Hartlage und sein Friseursalon
Seit fünf Jahrzehnten arbeitet Frank Hartlage in seinem Friseursalon im Osnabrücker Stadtteil Widukindland. Warum der Laden für viele mehr ist als ein Ort zum Haareschneiden.
Am Donnerstagnachmittag ist es ruhig im Osnabrücker Stadtteil Widukindland, einer Siedlung mit vielen Einfamilienhäusern. Auch vor dem kleinen Friseursalon wirkt zunächst alles still. Drinnen jedoch herrscht Leben: Ein Kunde sitzt auf dem Stuhl, seine Frau und ein weiterer Kunde warten. Man unterhält sich, als kenne man sich seit Ewigkeiten – mit dabei: Friseur Frank Hartlage.
Hartlage arbeitet seit Jahrzehnten in dem Salon, am 7. Januar feierte er sein 50-jähriges Betriebsjubiläum. Eine Ehrenurkunde der Handwerkskammer hängt gut sichtbar an der Wand. „Ich habe mit 16 eine Lehre als Friseur gemacht, später die Meisterprüfung abgelegt und mich 1976 selbstständig gemacht – das ist jetzt 50 Jahre her“, sagt er nicht ohne Stolz.
Der Weg in den Beruf war für ihn beinahe selbstverständlich. „Das hat sich so ergeben“, erzählt Hartlage. „Auf der anderen Straßenseite war früher ein Friseur, der die behördlichen Auflagen nicht mehr erfüllen konnte, vor allem was die Räume angeht. Meine Eltern hatten hier ein großes Grundstück, dort hat der Friseur seinen Betrieb neu eröffnet. Und dann habe ich mit 16 angefangen und den Beruf gelernt.“
Diese Beständigkeit prägt auch seinen Arbeitsalltag. Laufkundschaft habe er kaum, sagt Hartlage. „Zu 99, wenn nicht zu 100 Prozent sind das Stammkunden, die immer zu mir gekommen sind.“ Für sie gehe er auch besondere Wege. „Ich mache Hausbesuche für meine Stammkunden, die mich seit vielen Jahren begleiten. Wenn jemand krank wird, einen Schlaganfall hatte oder nicht mehr zu mir kommen kann, dann schneide ich ihm zu Hause die Haare.“
Geöffnet ist der Salon heute von Donnerstag bis Samstag, samstags nur halbtags. Friseure in seinem Alter seien selten noch im Beruf, sagt Hartlage – die meisten hätten längst aufgehört. Ihn hält nicht das Geld, sondern die Freude an der Arbeit. Vor allem aber versteht er seinen Laden als Treffpunkt im Viertel.
„Die Leute kommen nicht nur zum Haareschneiden. Da sitzen vorne vier, fünf Mann zusammen, man redet miteinander: Hast du das schon gehört? Wie geht es dem? Der ist krank geworden, der andere ist gestorben, der nächste heiratet. Hier trifft man sich, tauscht sich aus – das gehört einfach dazu.“ Ein Kunde auf dem Stuhl nickt zustimmend: Er ist ein Schulfreund Hartlages.
Diese Rolle hat der Salon im Lauf der Jahre sogar noch an Bedeutung gewonnen. „Ich bin hier mittlerweile der einzige Laden, der noch da ist“, sagt Hartlage. Früher habe es in der Siedlung deutlich mehr Geschäfte gegeben. „Textil, Fleischerei, Lebensmittel – die sind nach und nach alle verschwunden“, ergänzt seine Frau Frouwa Hartlage.
Das Ehepaar lebt seit Jahrzehnten im Viertel und beobachtet den Wandel genau. „Früher waren die Grundstücke hier sehr groß“, sagt Hartlage. „Die Leute durften nur bauen, wenn sie sich mit Garten und Tieren selbst versorgen konnten – mit Hühnern, Kaninchen, manchmal sogar einem Schwein.“ Heute würden Grundstücke geteilt, es werde in zweiter Reihe gebaut, viele neue Bewohner kämen hinzu. „Die Alten sterben weg, die Jungen ziehen nach.“
An besondere Momente erinnert sich Hartlage dennoch gern. Etwa an Bräute und Bräutigame, die sich vor der Hochzeit noch einmal frisieren ließen. Eine Geschichte ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Kunde habe sich fünf Jahre lang weder Haare noch Bart schneiden lassen, erzählt Hartlage. „Der Mann kam dann an seinem letzten Arbeitstag mit all seinen Kollegen zu mir, dann sind Haare und Bart komplett ab gewesen. Danach haben wir hier noch zusammengefeiert.“ Hartlage lächelt. „Das war schon ein besonderes Erlebnis.“
Sorgen macht Hartlage die Zukunft seines Berufs. Immer weniger junge Menschen entschieden sich für eine Ausbildung im Friseurhandwerk. Für sich selbst aber denkt er nicht ans Aufhören. „Ich habe nie darüber nachgedacht“, sagt er. „Solange ich gesund bin und mir die Arbeit Spaß macht, mache ich weiter. Und wenn irgendwann Krankheit kommt oder es nicht mehr geht, dann erledigt sich das von selber.“