Osnabrück „In Deutschland ist das Internet langsamer“: Was ukrainische Schüler in Osnabrück erleben
Seit fast vier Jahren herrscht Krieg in der Ukraine. Wie sieht der Alltag von Jugendlichen aus? Osnabrücker Schüler erfahren es aus erster Hand: Die Angelaschule hat als erste der Friedensstadt eine Partnerschaft mit einer Schule in der Ukraine geschlossen.
Manchmal gibt es Luftalarm, dann müssen sie in den Schutzraum im Keller ihrer Schule gehen. So erzählen es Schüler des katholischen Basilius-Gymnasiums in der westukrainischen Stadt Ivano-Frankivsk ihren Altersgenossen in Osnabrück. Die ukrainischen Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren waren zum ersten Mal zu Besuch in Osnabrück.
Ein erstes Kennenlernen hatte es bereits im August 2025 gegeben. Im polnischen Lublin trafen Delegationen der beiden Gymnasien zusammen. Den Kontakt zu einer Schule in Deutschland hatte die ukrainische Seite gesucht, berichtet Politik-Lehrerin Anne Middendorf von der Angelaschule. Nun wurde die Partnerschaft mit einer Reise in die Friedensstadt besiegelt.
Das Leben in Ivano-Frankivsk unterscheide sich sehr von dem in Osnabrück, sagt die 13-jährige Gulia. In ihrer 238.000 Einwohner zählenden Heimatstadt gebe es wenig Freizeitmöglichkeiten für Teenager. Deswegen habe es sie gefreut, dass sie einen Nachmittag im Nettebad verbrachten.
Viel Zeit für Hobbys haben die ukrainischen Schüler aber ohnehin nicht: Bis 16 Uhr haben sie Schule, berichtet die 15-jährige Polina. Auch im Schulalltag gibt es Unterschiede: Die ukrainischen Jugendlichen tragen Schuluniformen, und auf dem Lehrplan des Basilius-Gymnasiums finden sich in Deutschland unbekannte Unterrichtsfächer wie Choreografie.
Die Stadt Ivano-Frankivsk liegt im Westen der Ukraine und ist vom Kriegsgeschehen nicht so stark betroffen wie etwa die Hauptstadt Kiew. Doch auch in Ivano-Frankivsk gebe es bisweilen Luftalarm in der Nacht. Die Schüler haben Apps, auf denen sie den Weg von russischen Raketen und Drohnen verfolgen können und zu welchen Zeiten der Strom ausfällt.
Während die Schüler vom Krieg relativ unberührt sind und auch ihre Familienmitglieder nicht gegen die russischen Invasoren kämpfen, sieht die Sache bei Klassenlehrerin Lesya Litsovka anders aus. Ihr Sohn ist an der Front in der Donezk-Region. Dort hat er zunächst in der Drohnenabwehr gedient, jetzt fährt er Soldaten, erzählt sie.
Lesya Litsovka sagt, sie stehe in regelmäßigem Kontakt mit ihrem Sohn. So weiß sie, dass es ihm gut geht. Er habe sie dazu ermutigt, nach Deutschland zu fahren – um eine Auszeit zu bekommen. Jeden Tag schreibe er ihr und frage, ob es ihr gut gehe.
Seit dem Kennenlernen in Polen im vergangenen Sommer haben die ukrainischen und deutschen Schüler per Whatsapp oder Instagram Kontakt gehalten. Beim Besuch in Osnabrück fiel den Gästen aus der Ukraine sofort ein Unterschied auf: Das Internet sei in Deutschland wesentlich langsamer als bei ihnen zu Hause.
Aber in Osnabrück gab es nun ja die Gelegenheit, etwas gemeinsam zu unternehmen: Die Jugendlichen chillten zusammen und gingen gemeinsam zum Bowling. Und auch offizielle Termine wie die Besichtigung der Amazone-Werke in Hasbergen-Gaste und ein Empfang bei Oberbürgermeisterin Katharina Pötter im Rathaus standen auf dem Programm. Der Austausch sei ein Zeichen der Solidarität, habe Pötter gesagt, erzählen die Jugendlichen.
Damit weitere regelmäßige Besuche stattfinden können, haben beide Schulen nun einen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet. Der nächste Besuch aber soll wieder in Lublin stattfinden. Dann muss die ukrainische Klasse nicht so weit fahren – auf der Fahrt nach Osnabrück war die Gruppe 28 Stunden unterwegs gewesen.