Osnabrück Was uns der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum heute geben kann
Die Welt scheint immer mehr in Richtung totalitärer Systeme zu driften. Für freiheitsliebende Menschen biete die Kunst Auswege und Wege zum Widerstand, sagt Francesco Parise – insbesondere Felix Nussbaum.
Seit 2012 ist Francesco Parise Museumsvermittler. Er führt Menschen durch das Felix-Nussbaum-Haus oder erklärt Besuchern die Stadtgeschichte Osnabrücks. Eigentlich war er in die Hasestadt gekommen, um Jurist zu werden. Doch die Universität wurde zweitrangig, als vor 13 Jahren jemand gesucht wurde, der fremdsprachige Führungen machen kann. Francesco Parise hatte neben seinem Jura-Studium Fremdsprachen-Zertifikate erworben. Und so übernahm er die Aufgabe, Interessierten die Geschichte Felix Nussbaums nahebringen – auf Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch.
Francesco Parise wurde vor 47 Jahren als Sohn italienischer Einwanderer in Salzgitter geboren. Sein Vater arbeitete damals bei VW. Felix Nussbaum kannte er damals noch nicht. „Der erste prominente Osnabrücker, den ich kannte, war Erich Maria Remarque.“ Der Schriftsteller wurde durch seinen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt. Der jüdische Maler Felix Nussbaum floh vor den Nazis aus Deutschland und starb in Auschwitz.
„Das Beispiel Felix Nussbaums zeigt uns, dass totalitäre Systeme nicht sofort die Macht übernehmen“, so Francesco Parise. Es sei so, als würde man in einem Raum nach und nach immer mehr Licht löschen, sagt er weiter. „Und plötzlich steht man im Dunkeln.“ Die Machtaneignung der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren weise Parallelen auf zu der Entwicklung in den USA, wo die Justiz immer weiter entmachtet werde und die Polizei immer mehr Macht bekomme und willkürlicher handele.
Felix Nussbaum wurde 1904 in Osnabrück geboren. Schon 1933 verließ er Deutschland. 1940 wurde er in Brüssel gefangen genommen und vier Jahre später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Seine Frau, seine Eltern und sein Bruder wurden ebenfalls von den Nazis getötet. Das 1998 von dem Star-Architekten Daniel Libeskind entworfene Museum erinnert an den Maler und sein Schicksal. Es weist mehrere Bezüge zum Holocaust auf.
Im Felix-Nussbaum-Haus und in der angrenzenden Villa Schlikker, dem ehemaligen Sitz der NSDAP in Osnabrück, finden einige Veranstaltungen wie Demokratie-Workshops zur Erinnerungskultur statt. Unter anderem wird dort die Frage diskutiert, wie man totalitären Tendenzen begegnen kann. „Felix Nussbaum hat die Kunst als Mittel genommen, um Widerstand zu leisten“, sagt Francesco Parise und führt als Beispiel das „Selbstbildnis mit Judenpass“ an. Die Kunst sei sein Ausdrucksmittel gewesen, um seine Wut zu kanalisieren, sagt er. „Das macht seine Kunst zu etwas Kostbarem. Und das sage ich nicht nur, weil ich hier arbeite, sondern dafür brenne.“
Nicht jeder Mensch sei ein Partisan, sagt Francesco Parise weiter. Aber Nussbaum sei ein Vorbild für Zivilcourage und für Widerstand gegen Totalitarismus. Das erinnere an den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der bei seiner Verhaftung ein Selfie von sich machte und es in die sozialen Medien stellte. In diesem Foto sieht Paresi eine Analogie zu Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“. Öffentlichkeit sei wichtig, sagt Paresi.
Wegen der Weltlage habe er keine Angst, aber er mache sich Sorgen, sagt der Deutsch-Italiener. „Die weltpolitischen Verhältnisse verschieben sich. Man weiß nicht, ob die Sicherheit von heute Morgen noch gegeben ist.“ Kunst könne bei dieser Unsicherheit ein Refugium sein, meint Francesco Paresi. „Es ist ein Mittel, um abzuschalten.“ Deswegen gehe er auch gerne in andere Museen, wie das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum oder das Museum Industriekultur in Osnabrück oder das Tuchmacher- oder das Varusschlacht-Museum in Bramsche.