Osnabrück  Osnabrücker Professorin: Warum die Aufregung um das schriftliche Dividieren übertrieben ist

Marcel Bechtel
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Von Marcel Bechtel
| 18.01.2026 11:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Niedersachsen wird das schriftliche Dividieren aus dem Grundschul-Lehrplan gestrichen. Eine Osnabrücker Professorin versteht die Aufregung darüber nicht. Foto: IMAGO / Jochen Tack
In Niedersachsen wird das schriftliche Dividieren aus dem Grundschul-Lehrplan gestrichen. Eine Osnabrücker Professorin versteht die Aufregung darüber nicht. Foto: IMAGO / Jochen Tack
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Kein schriftliches Dividieren an niedersächsischen Grundschulen mehr: Verblöden die Kinder jetzt? Ist der Untergang des Abendlandes in vollem Gange? So hitzig wird seit der Ankündigung des niedersächsischen Kultusministeriums diskutiert. Eine Mathematikprofessorin aus Osnabrück ruft zur Gelassenheit auf und sieht in dem Ganzen sogar eine Chance.

„Hurra, wir verblöden!“, „Ich fasse es nicht“, „Lächerlich!“ – das sind nur einige der Leserkommentare unter dem Text unserer Redaktion über die Abschaffung des schriftlichen Dividierens an niedersächsischen Grundschulen. Mancher sieht darin den Untergang des deutschen Bildungsstandards.

Eine Frau versteht die Aufregung allerdings nicht. „Ich kann gar nicht nachvollziehen, wie die schriftliche Division – von der ich denke, dass der Großteil der Erwachsenen sie gar nicht mehr aus dem Stegreif kann – zu so einer Diskussion führt“, sagt Prof. Dr. Hedwig Gasteiger. Die Professorin für Didaktik der Mathematik an der Universität Osnabrück hat das niedersächsische Kultusministerium bei der Erarbeitung des neuen Grundschul-Lehrplans wissenschaftlich beraten.

Beim schriftlichen Dividieren – manche kennen es vielleicht auch als Rattenschwanzrechnen – geht es nicht darum, die Kinder zu menschlichen Taschenrechnern zu machen. Die Mathematikprofessorin erklärt, dass die Schüler die Wege hinter der Rechnung verstehen sollen.

Eine schriftliche Division ist ein Beispiel für einen Algorithmus. Das heißt: „Man hat eine Ausgangssituation und dann gibt es eine feste Abfolge von Schritten. Ich mache erst das Erste, dann mache ich das Zweite, dann mache ich das Dritte und dann fange ich wieder mit dem ersten Schritt an – so lange, bis ich ein Ergebnis habe“, erklärt Gasteiger. Das lernen die Schüler auch durch die schriftliche Addition, Subtraktion und Multiplikation – und diese Algorithmen werden den Grundschülern in Niedersachsen auch weiterhin beigebracht.

Kompetenzen gehen hier also nicht verloren. Stattdessen werden sich die Kinder mit dem halbschriftlichen Dividieren beschäftigen – und das hat auch einen Vorteil, sagt Gasteiger: Die Grundschüler zerlegen die großen Zahlen in kleinere Häppchen, mit denen sie besser rechnen können. „Die Kinder lernen, flexibel zu denken, flexibel auf Zahlen zu schauen und das Ganze dann auch im Alltag anwenden zu können.“ Im Alltag reiche es oft, Größen abschätzen zu können, und das ginge mit diesem Rechenweg gut. Für genaue Ergebnisse gibt es immer noch den Taschenrechner – den hat heute nahezu jeder in Form mobiler Endgeräte in der Hosentasche.

Abgesehen davon wird das schriftliche Teilen nicht komplett gestrichen, sondern nur später gelehrt, nämlich ab der fünften Klasse. Manche Experten halten das für zu spät. Gasteiger sieht darin jedoch kein Problem: Wenn die Lehrer den Grundschülern das schriftliche Addieren, Subtrahieren und Multiplizieren so beibringen, dass sie die Rechenarten richtig verstanden haben, „dann ist das schriftliche Dividieren zu lernen kein großer Aufwand“, so Gasteiger.

Aus didaktischer Sicht spricht für die Professorin nichts gegen die Umstellung, bewerten will sie diese aber nicht. Ihr geht es um eine „Versachlichung der Debatte“. Sie verstehe, dass sich Menschen Sorgen machen, dafür gebe es aber keinen Grund. „Die Entscheidung ist wohlüberlegt. Man muss daran denken, was die Kinder stattdessen Wichtiges lernen: den kritischen Umgang mit Daten zum Beispiel“, sagt Gasteiger. „Und das Verstehen der unterrichteten Mathematik steht im Vordergrund. Man muss keine Sorge haben, dass dadurch die Kinder an irgendeiner Stelle einen Nachteil erleiden.“

Die Umstellung sei vielmehr eine Chance, da der Lehrplan so mehr Platz für weitere Kompetenzen biete. Lehrer könnten mehr Zeit dafür aufwenden, den Grundschülern „verständnisorientiertes Arbeiten“ und „das eigenständige, kritische Denken“ beizubringen.

Dass die Schüler in den niedersächsischen Grundschulen die schriftliche Division bisher noch immer lernen mussten, war ohnehin ein Sonderweg. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte sich bereits 2004 auf bundesweite Bildungsstandards geeinigt, in denen die schriftliche Division als verpflichtender Lerninhalt gar nicht mehr vorkam. Darauf weist auch Gasteiger hin. Und auch bei einer Überarbeitung der Bildungsstandards im Jahr 2022 sah die KMK offenbar keinen Grund, die Rechenmethode mit aufzunehmen.

Niedersachsen passt jetzt also schlichtweg seine Lehrpläne an den vorgegebenen Kurs an. Das Kultusministerium setzt die „bundesweit verpflichtenden Bildungsstandards“ um, die im Juni 2022 beschlossen wurden, wie die Behörde auf ihrer Website schreibt. Und ist nicht das einzige Bundesland, das dies tut: Auch in Bremen ist das schriftliche Dividieren ab dem Schuljahr 2025/26 aus den Grundschul-Lehrplänen verschwunden.

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