Neetzendorf  Ein Gleis im Nirgendwo: Das ist der wohl kleinste Bahnhof in Niedersachsen

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 20.01.2026 11:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Gleis, ein Wartehäuschen, eine Fahrkartenschalter: In Neetzendorf steigen so wenig Menschen ein, wie sonst nirgends in Niedersachsen. Foto: Marie Busse
Ein Gleis, ein Wartehäuschen, eine Fahrkartenschalter: In Neetzendorf steigen so wenig Menschen ein, wie sonst nirgends in Niedersachsen. Foto: Marie Busse
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In Neetzendorf leben 121 Menschen. Im Dorf gibt es zwar keinen Bäcker und keine Schule, dafür aber einen winzigen Bahnhof. Der soll eigentlich verschwinden, aber das Dorf wehrt sich dagegen.

Ein langgezogenes Hupen kündigt den Zug an. Kurz darauf rollt der blaue RB32 in den Neetzendorfer Bahnhof. Die Türen gehen auf und wieder zu. Niemand steigt ein, niemand steigt aus. Nach wenigen Sekunden setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

Der Bahnhof ist ein einzelnes Gleis zwischen Wiesen, streng genommen ein sogenannter Haltepunkt. Es gibt ein Wartehäuschen ohne Glasscheiben, einen Fahrkartenschalter und eine mächtige Eiche. Der Bahnsteig ist geschottert, der Fahrplan steht auf einem Aushang. Rauchen darf man auf dem Bahnsteig nicht, daran erinnert ein gelbes Schild. Eine schmale Landstraße führt hierher, einen Parkplatz sucht man vergebens.

Zehnmal täglich fährt ein Zug durch Neetzendorf – fünfmal in Richtung Lüneburg, fünfmal in Richtung Dannenberg. Früher wurde die Strecke auch für Castor-Transporte genutzt. Jedes Mal hupt der Zug bei der Einfahrt. Das ist Vorschrift, wenn es wie hier keine Schranken am Bahnübergang gibt.

Der Bahnhof mitten im Wendland zwischen Lüneburg und Dannenberg ist einer der am wenigsten genutzten in Niedersachsen. 2018 stiegen hier laut einer Kleinen Anfrage der FDP im Bundestag täglich acht Menschen ein und aus. Mit den Jahren sanken die Fahrgastzahlen. Laut der Landesverkehrsgesellschaft Niedersachsen waren es 2024 vier pro Tag. 

Immer wieder gibt es deshalb Überlegungen, den Halt in dem 121-Seelendorf aufzugeben. Doch im Ort regt sich Widerstand. „Das Angebot ist für uns wichtig, auch wenn wir es nicht täglich nutzen. Kleine Orte müssen Zugang zum öffentlichen Nahverkehr haben. Da geht es nicht nur um Kosten“, sagt die ehrenamtliche stellvertretende Bürgermeisterin Susanne Kollmann-Schlawinsky. Sie kämpft mit dem ebenfalls ehrenamtlich tätigen Bürgermeister Richard Wiese für den Erhalt. Kollmann-Schlawinsky hat Demos am Bahnhof organisiert, Anträge geschrieben und sich durch den Nahverkehrsplan gearbeitet. 

In Neetzendorf wird sichtbar, warum Entscheidungen im Bahnverkehr oft kompliziert sind.

Für das Angebot auf der Strecke ist die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen zuständig. Sie plant den Fahrplan und entscheidet darüber, welche Stationen bedient werden. Die Gesellschaft will den Halt Neetzendorf sowie zwei weitere Stationen auf der Strecke ab 2029 aufgeben. „Aber nicht, weil wir Geld sparen wollen, sondern weil wir dort einen dichteren Takt fahren wollen“, teilt Sprecher Dirk Altwig mit. Aktuell fahren die Züge im Drei-Stunden-Takt – aus Sicht der Planer ein Angebot, das für viele Fahrgäste unattraktiv ist.

Der Gedanke dahinter: Jeder zusätzliche Halt verlängert die Fahrzeit. Langfristig soll die Strecke ausgebaut werden, dann wären häufigere Verbindungen möglich, allerdings nur, wenn unterwegs weniger Züge anhalten. Die Landesverkehrsgesellschaft will ab 2029 den einen Stundentakt anbieten.

Dabei ist sie allerdings auf die Deutsche Bahn angewiesen. Sie besitzt die Infrastruktur und verantwortet Gleise, Signale und Bahnsteige und muss die Strecke ausbauen. Die Landesverkehrsgesellschaft geht davon aus, dass das bis 2029 abgeschlossen ist.

Den laufenden Betrieb übernimmt bis 2029 das Privatunternehmen erixx. Es fährt die Züge im Auftrag des Landes, hat jedoch keinen Einfluss auf den Fahrplan oder die Auswahl der Haltestellen. Teil des Verkehrsvertrags sind neben stärker frequentierten Strecken im Raum Hannover und Braunschweig auch die deutlich schwächer genutzte Wendlandbahn. Ab 2029 wird die Strecke neu ausgeschrieben. Spätestens dann entscheidet sich auch, ob Züge weiterhin in Neetzendorf halten.

Am kleinen Bahnhof von Neetzendorf steht Richard Wiese. Er schaut auf das Gleis und seine Wiese dahinter. Er ist schon als Schüler mit dem Zug gefahren. „Wir geben nicht auf. Wat mut, dat mut“, sagt er und schaut dem Zug hinterher.

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