Osnabrück Osnabrücker Galerie Hase29 gibt dem sexuellen Missbrauch 50 Gesichter
Sexueller Missbrauch ist ein Tabuthema. Umso wichtiger ist es, darüber öffentlich zu diskutieren. Deshalb hat Elisabeth Lumme die Fotoausstellung „Shame“ in die Galerie Hase29 geholt.
Die Brisanz dieser Porträts erschließt sich nicht auf den ersten Blick. François lächelt freundlich, Fernando schaut offen, aber abwartend. Iris steht Abwehr ins Gesicht geschrieben, erkennbar an den Falten zwischen den Augenbrauen. Seijamirjamis Blick drückt aus: Sie kann bis heute nicht verstehen, was ihr angetan wurde.
50 Porträts hat Elisabeth Lumme im Ausstellungsraum der Galerie Hase29 aufgehängt. Sie füllen die Wände und zusätzliche Stellwände, die schräg in den Raum hineinragen. Angefertigt hat sie der italienische Fotograf Simone Padovani; er ist 25.000 Kilometer durch Europa gereist, um diese Menschen zu porträtieren: schlicht, prägnant, schwarz-weiß.
Was verbindet diese Menschen? Von Nuancen im Blick abgesehen, könnten sie auf alles Mögliche hinweisen. Aber genau diese Art von Neutralität verbindet die Porträts inhaltlich: Die 50 Menschen zwischen 23 und 90 Jahren haben gelernt, ihr Anliegen vor der breiten Öffentlichkeit zu verbergen. Denn sie wurden alle sexuell missbraucht, und das will mitunter nicht einmal das persönliche Umfeld wissen und die Gesellschaft schon gar nicht. Und plötzlich entfaltet diese Porträtsammlung eine immense Wucht.
„Shame – European Stories“ heißt das Ausstellungsprojekt. Auf den Weg gebracht hat es Guido Fluri, ein Schweizer Unternehmer, der die Justice Initiative auf den Weg gebracht hat, eine Organisation, die sich für die Aufarbeitung von Kindesmissbrauch und für Kinderschutz einsetzt. In ihrem Auftrag besuchte der italienische Fotograf Simone Padovani Opfer von sexueller Gewalt, um sie zu porträtieren und ihre Geschichten zu sammeln.
In der Kombination aus kurzen, prägnanten Texten der Porträtierten mit ihren Konterfeis wird die Ungeheuerlichkeit dessen klar, was diesen Menschen angetan wurde, von Familienmitgliedern, von Betreuern, von Personen, denen sie als Kinder anvertraut waren. Vereine, Heime, das eigene Zuhause und immer wieder die Kirche wurden zu Tatorten – und gleichzeitig zu Institutionen, die das Verbrechen deckten.
Dieser Teufelskreis sollte zu Beginn der aktuellen Spielzeit auf der Bühne des Theaters am Domhof in der Produktion „Ödipus Exzellenz“ zur Sprache kommen und vielleicht sogar durchbrochen werden. Dazu ist es nicht gekommen, weil sich Regieteam und Theaterleitung überworfen hatten. Damit war eine Möglichkeit vertan, das Thema sexualisierte Gewalt mit den Mitteln der Kultur in die Osnabrücker Stadtgesellschaft zu tragen.
„Bei der Demo am 28. August“ – gemeint ist die Demonstration von Regisseur Lorenz Nolting vor dem Theater wegen der Absage seiner „Ödipus“-Produktion – „ist mir klar geworden, dass die Betroffenen gerade ein Déjà-vu erleben“, sagt Lumme, „nämlich, dass ihr Thema mundtot gemacht wurde.“ Und weiter: „Das haben alle Opfer ein Leben lang erfahren.“ Dazu kommt das Gefühl der Scham: Das erlittene Leid war so traumatisierend, dass die Opfer geschwiegen haben, anstatt darüber zu sprechen.
Gleichzeitig haben die Institutionen Mauern des Schweigens gezogen, und zwar nicht um die Opfer, sondern um die Täter. Die Studie der Universität Osnabrück zum Missbrauch im Bistum hat das exemplarisch deutlich gemacht: Dort war von den „Beistehern“ die Rede, also Personen, die halfen, die Verbrechen zu vertuschen und so die Strukturen zementierten, die den Missbrauch möglich machten. Dieses Phänomen trifft indes keineswegs allein auf Verbrechen durch Kleriker zu: Selbst die Familie schaut oft lieber weg und vertuscht, als einen Skandal zu riskieren.
„Gewalt kommt häufig vor, und die Menschen müssen die Gelegenheit haben, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Lumme, „und mit offenem Blick auch ins eigene Umfeld zu schauen.“ Denn „die Opfer leiden ein Leben lang.“ Deshalb versteht sie die Ausstellung nicht als Anklage, sondern als Beitrag zur Prävention.
Beim Bistum stößt das offensichtlich auf positive Resonanz: Die Ausstellung wird unter der Leitung von Hermann Queckenstedt, dem Direktor des Diözesanmuseums, in Kooperation mit dem Verein Umsteuern! Robin Sisterhood e.V. auch in ländlichen Einrichtungen im Bistum Osnabrück gezeigt. Darum ist das Bistum auch Kooperationspartner der Ausstellung.
Weitere Kooperationspartner sind der Kinderschutzbund sowie die AWO als neutraler Ansprechpartner. Es gibt eine Liste mit Hilfsangeboten für Opfer sexueller Gewalt und ein Vermittlungsangebot für Schulklassen, das Jugendlichen über Methoden der Kunstpädagogik die Möglichkeit eröffnen soll, „Ausdrucksformen zu finden, die ihren Gefühlen entsprechen“, sagt Lumme.
Außerdem flankiert ein Rahmenprogramm die Ausstellung: Es gibt geführte Rundgänge durch die Ausstellung, und da kommt Karl Haucke ins Spiel. Der Sozialwissenschaftler musste selbst sexuellen Missbrauch durch Kirchenvertreter erleiden, hat an der Missbrauchsstudie des Bistums Osnabrück mitgearbeitet und war Teil des Regieteams von „Ödipus Exzellenz“. Jetzt hängt sein Porträt in der „Shame“-Ausstellung und er bietet gleichzeitig Führungen an. Da dürfte er die Gelegenheit haben, die ihm die Ödipus-Absage verwehrt hat: über seine Erfahrungen in Osnabrück öffentlich zu sprechen.