Osnabrück Nussbaum-Repros reisen nach Seoul und werben dort für die Originale in Osnabrück
Die meisten Werke von Felix Nussbaum hängen, logisch, in dem Haus, das Daniel Libeskind gebaut hat, und seinen Namen trägt. Auf Reisen gehen die Bilder selten; umso rühriger tourt die Schau „Unterwegs mit Nussbaum“ mit 20 Reproduktionen durch die Welt. Nächstes Ziel: Seoul.
Diesem Blick kann sich niemand entziehen. Ein Mann, den Mantelkragen hochgeschlagen, den Hut tief in die Stirn gezogen, darunter Augen, die misstrauisch schauen, in der Linken das Dokument, das dem Bild seinen Namen und seine ungeheuerliche Brisanz gibt: Der Mann ist Felix Nussbaum; er hat sich und den Schrecken des Naziterrors mit erschreckender Eindrücklichkeit auf dem „Selbstbildnis mit Judenpass“ verewigt.
In diesem Fall hängt das Bild aber nicht an seinem Platz im Felix-Nussbaum-Haus. Manuela Maria Lagemann hält es in den Händen, auf eine Transportkiste gestützt, die in einem Lagerraum der Werbeagentur sec auf Abholung wartet. Denn das Selbstbildnis soll gleich auf Reisen gehen, begleitet von 19 weiteren zentralen Werken Nussbaums, die schon in zwei braune Flightcases verstaut sind.
Handelte es sich um Nussbaums Originale, wäre der Aufwand um einiges größer. Dann wären die Bilder in Transportfolien eingeschlagen und in klimatisierten Kisten verstaut, die ihrerseits auf besondere LKW verladen würden, um den Transport der wertvollen Bilder so schonend wie möglich zu gestalten. Doch was hier seiner Abreise harrt, sind Reproduktionen der berühmten Nussbaum-Gemälde.
Seit 2020 schickt die Felix-Nussbaum-Gesellschaft diese Sammlung auf Reisen; zuletzt war sie in der Osnabrücker Partnerstadt Çanakkale zu Gast. Das Ziel lautete dort wie auf früheren und künftigen Ausstellungsreisen: das Werk Felix Nussbaums in der Welt bekannt zu machen und Neugierde auf die Originale zu wecken. „Wir gehen mit den Bildern zu den Menschen, damit sie nach Osnabrück kommen“, beschreibt der Vorsitzende der Nussbaum-Gesellschaft, Heiko Schlatermund, die Idee hinter dem Projekt „Unterwegs mit Nussbaum.“
Wie immer, wenn eine gemeinnützige Organisation wie die Felix-Nussbaum-Gesellschaft solche Projekte initiiert und durchführt, stehen dahinter einige wenige Menschen. In diesem Fall sind es die Geschäftsführerin der Nussbaum-Gesellschaft, Manuela Maria Lagemann, und Schlatermund. Die beiden werden den Nussbaum-Repros hinterherreisen, um die Ausstellung in Seoul aufzubauen und die Eröffnung zu gestalten.
Die Repros hat die Osnabrücker Werbeagentur Golenia im Jahr 2019 angefertigt, nachdem eine frühere Sammlung in derart schlechtem Zustand war, dass Lagemann und Schlatermund sie nicht mehr präsentieren wollten. Die jetzigen Reproduktionen kommen den Originalen sehr nahe, und zwar bis in die feinsten Farbnuancen; der „Triumph des Todes“ mit seiner kleinteiligen Farbgebung war dabei besonders anspruchsvoll, erzählt Lagemann.
Etwas befremdlich mögen die Bildinformationen wirken, die unterhalb der Bilder in weißen Textfeldern stehen. Doch „das war die Voraussetzung für die Förderung der Repros durch die Niedersächsische Sparkassenstiftung“, sagt Schlatermund. „Die Bilder durften nicht wie die Originale aussehen.“
Bilder plus Infotexte wurden auf Folien gedruckt, die ihrerseits auf Kunststoffplatten geklebt und in einheitliche Bilderrahmen eingepasst wurden. Blauer Schaumstoff schützt diese Rahmen – die Ausstellung „Unterwegs mit Nussbaum“ ist für die Ewigkeit gerüstet. Und so geht das Konvolut nach etlichen Stationen, darunter Derby, Haarlem, Greifswald und Esterwegen, auf seine erste Fernreise.
Im mentalen Gepäck reist dabei immer die Geschichte hinter den Bildern mit: die unvorstellbaren Schrecken des Holocaust, die Nussbaum am eigenen Leib erleiden musste – bis zur Ermordung im Konzentrationslager Auschwitz. Dazu passt der Ausstellungsort in Seoul: Das heutige National Museum of Korean Democracy birgt eine zwar abgeschlossene, aber doch tiefdunkle Vergangenheit als Foltergefängnis.
Gleichzeitig zeigt dort die Gedenkstätte Yad Vashem die Fotoausstellung „Auschwitz – Ein Ort dieser Erde: Das Auschwitz-Album“. Eröffnet wird die Doppelschau am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Dabei herrscht ein hoher protokollarischer Aufwand: Der deutsche Botschafter in Korea, Georg Wilfried Schmidt, und der israelische Botschafter in Korea, Rafael Harpaz, haben sich angekündigt.
Das ist kein Zufall. Der deutsche Botschafter hat die Ausstellung initiiert, die israelische Botschaft steht als Förderer des Ausstellungsprojekts auf der Unterstützerliste. Denn die Reise kostet an die 40.000 Euro – da braucht es finanzkräftige Partner, zumal die Nussbaum-Gesellschaft ohne Förderung durch die Stadt auskommt. So beteiligen sich das Auswärtige Amt an den Kosten, die Korea Democracy Foundation, die Nussbaum-Foundation, das Auswärtige Amt und die Vonhoff-Stiftung.
Weitere Partner tragen mit Sachleistungen bei, das Projekt zu realisieren. Deshalb ist an diesem Montagvormittag Martin Eberle, Finanzvorstand der Hellmann Worldwide Logistics, vor Ort. Denn Hellmann übernimmt nicht nur den Transport der Bilder zum Flughafen, sondern Vertreter der Niederlassung in Seoul werden die beiden Koffer auch in Empfang nehmen.
Daneben ist das Ehrenamt eine tragende Säule des Projekts: Lagemann und Schlatermund bereiten die Ausstellung vor und die Eröffnung, außerdem erste Führungen durch die Schau. Denn die beiden haben eine Mission: Felix Nussbaums Bilder zu den Menschen zu bringen, damit die Menschen nach Osnabrück kommen.