Hannover  GEW-Chef wirft CDU „inszenierte Empörung“ über Tablets für Schüler vor

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 20.01.2026 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der niedersächsische GEW-Chef Stefan Störmer begrüßt die Anschaffung von Tablets für die Schüler – und wirft der CDU eine „inszenierte Empörung“ vor. Foto: dpa/ Julian Stratenschulte
Der niedersächsische GEW-Chef Stefan Störmer begrüßt die Anschaffung von Tablets für die Schüler – und wirft der CDU eine „inszenierte Empörung“ vor. Foto: dpa/ Julian Stratenschulte
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Tablets für alle oder mehr Schulsozialarbeit? Der niedersächsische GEW-Chef Stefan Störmer wirft der CDU „eine inszenierte Empörung“ vor und warnt im NOZ-Interview vor einfachen Antworten auf komplexe Probleme.

Alle Schüler ab der siebten Klasse mit Tablets auszustatten, ist eines der Kernprojekte der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen – doch die CDU würde das Geld lieber in Schulsozialarbeiter investieren. Der niedersächsische GEW-Chef Stefan Störmer wirft der CDU im NOZ-Interview „eine inszenierte Empörung“ vor und kritisiert, die Union dürfe die Themen nicht gegeneinander ausspielen.

Warum immer mehr Lehrer kündigen, wie gut die Zusammenarbeit mit den multiprofessionellen Teams an niedersächsischen Schulen funktioniert und ob KI die Lehrer entlasten kann, erläutert der Vorsitzende von Niedersachsens größter Lehrergewerkschaft im Interview.

Frage: Herr Störmer, alle Schüler ab der siebten Klasse bekommen nun Tablets. Wird die Schule jetzt endlich digital?

Antwort: Nur weil man den Schülern Tablets in die Hand drückt, wird der Unterricht nicht automatisch besser. An vielen Stellen ergibt es auch Sinn, den guten alten Zettel und Stift rauszuholen. Der digitale Einsatz muss gut begründet sein. Aber ohne ein digitales Endgerät hat man heute zu vielem gar keinen Zugang mehr. Das darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Deshalb begrüßen wir die Anschaffung sehr. 

Frage: Die CDU würde das Geld lieber in Sozialarbeiter investieren ...

Antwort: Wir brauchen auch einen Ausbau der Multiprofessionalität und der Schulsozialarbeit in den Schulen, das ist richtig. Aber die CDU spielt das eine gegen das andere aus, das halte ich für Unsinn. Man kann natürlich immer darüber reden, ob man die 800 Millionen Euro hätte besser einsetzen können. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Hätte die Landesregierung das Geld in die Schulsozialarbeit gesteckt, hätte die Union die Anschaffung von Tablets gefordert. Das scheint mir eine inszenierte Empörung zu sein.

Frage: Die Union plant einen Bildungswahlkampf bei der nächsten Landtagswahl. Eine gute Idee?

Antwort: Man kann sich natürlich immer hinstellen, alles kritisieren und große Versprechungen machen. Ich kann auch behaupten, die Unterrichtsversorgung auf 110 Prozent zu steigern. Die Realität ist dann aber eine andere.

Frage: Und zwar?

Antwort: Auch die CDU muss erklären: Woher kommt das Geld und woher kommen die Leute? Dazu höre ich aber häufig nicht viel. Deshalb sind das für mich erst mal sehr leere Versprechungen, die so nicht umzusetzen sind. Die Kultusministerin hat recht, wenn sie sagt, dass es noch nie so viele Lehrkräfte im System gab, wie heute. Und trotzdem sind es zu wenige, vor allem im ländlichen Raum.

Frage: Wie kann das sein?

Antwort: Einerseits haben die Schulen in den vergangenen Legislaturperioden immer mehr Aufgaben übertragen bekommen, aber nicht entsprechend mehr Personal dafür. Und gleichzeitig ging man davon aus, dass es eine demografische Rendite geben würde und wir deshalb nicht mehr Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen bräuchten.

Frage: Stattdessen gibt es in Niedersachsen 100 000 Schüler mehr, als gedacht.

Antwort: Genau, das hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Was ja erst einmal gut ist, schließlich brauchen wir die jungen Leute. Aber deshalb wurde gar nicht genug Personal ausgebildet, einen Stellenaufwuchs hat man gar nicht für nötig gehalten. Und wo wir das Personal jetzt herbekommen, muss jede Partei im Wahlkampf beantworten.

Frage: Man hört, dass immer mehr Lehrer kündigen?

Antwort: Wir haben dazu keine Statistik, die ich Ihnen jetzt vorlegen könnte. Aber wir haben das auch gehört und wahrgenommen. Wenn ein System so starken Veränderungen unterliegt, ist das eine große Herausforderung. An vielen Schulen wird die Arbeit von Vielen von Wenigen gemacht. Und das führt nicht unbedingt dazu, dass man den Job bis zum Renteneintritt machen will. Viele jüngere Kollegen wollen sich nicht in einer Vollzeitstelle kaputt machen und arbeiten deshalb auch nur in Teilzeit. Wir müssen uns wirklich Gedanken machen, wie wir diesen Job attraktiv halten. Übrigens gilt das auch für den Bereich der multiprofessionellen Teams.

Frage: Wie gut funktioniert denn die Entlastung durch die multiprofessionellen Teams?

Antwort: Multiprofessionalität ist gut. Aber die Leute müssen dann auch Profis sein und brauchen eine entsprechende Ausbildung. Das gilt auch für Lehrkräfte. Das muss ja mal eingeübt werden. An einer Förderschule beispielsweise finden Sie Logopäden, Psychotherapeuten, Schulsozialarbeiter und pädagogische Mitarbeiter. Das muss irgendwie ineinandergreifen, das Personal muss sich ja über die Schüler austauschen. Aber es wurde dafür noch gar keine Struktur geschaffen. Es ist noch immer nicht klar definiert: Was sind die Aufgaben der Lehrer, was die der Schulsozialarbeiter? 

Frage: Lehrern sind ihre Aufgaben nicht klar?

Antwort: Die Aufgaben sind grundsätzlich klar, aber die Grenzen zur Schulsozialarbeit sind fließend. Unsere Schülerschaften sind multidivers in jeder Hinsicht. Und wir möchten niemanden aufgrund von Handicaps ausgrenzen. Deshalb gibt es heute die Multiprofessionalität an den Schulen. Die Lehrer müssen aber lernen, wie sie mit den multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten sollen. Dazu braucht es dringend eine Verständigung über die Frage: Was sollen die Lehrkräfte von heute und von morgen eigentlich können und machen? Was erwarten wir von ihnen?

Frage: Klar, Lehrer können nicht 30 individuelle Lehrpläne für unterschiedliche Schwächen schreiben. Aber eine künstliche Intelligenz schon…

Antwort: Es gibt eine ganze Menge Chancen im Gebrauch von KI, etwa Sprachlernprogramme, mit denen man in einer Fremdsprache relativ ungezwungenen Small Talk halten kann, die auch Fehler korrigieren. Es gibt aber auch eine Menge Risiken. Die Stimme klingt absolut echt, man kann auch persönliche Dinge mit denen besprechen. Wir wissen, dass einige Schüler so etwas schon als Freundin oder als Therapeuten nutzen. Man darf nicht unterschätzen, zu welchen emotionalen Abhängigkeiten das führen kann. Deshalb muss KI in der Schule unbedingt begleitet genutzt werden. 

Frage: Welche Aufgaben von Lehrern kann KI denn übernehmen?

Antwort: Vielleicht gibt es auch Anwendungsbereiche in der Diagnostik, das möchte ich gar nicht abstreiten. In der Radiologie beispielsweise kann künstliche Intelligenz die Fehlerquote senken, weil sie manchmal Muster erkennt, die im Berufsalltag übersehen wurden. Bei der Analyse von Stärken und Schwächen der Schüler würde ich so etwas deshalb nicht per se verteufeln. Aber dabei werden immer auch Daten über Schüler verarbeitet, die irgendwo liegen. Deshalb muss der Umgang damit sehr sensibel sein und Lernprogrammen dürfen wirklich nur Lerninhalte vermitteln. 

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