London  Prinz Harrys letzter Kampf im Feldzug gegen den Boulevard

Dagmar Seeland
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Von Dagmar Seeland
| 16.01.2026 10:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schon im April 2025 musste Prinz Harry zum Prozess gegen mehrere Boulevardblätter vor dem Londoner High Court erscheinen. Foto: IMAGO/Anadolu Agency
Schon im April 2025 musste Prinz Harry zum Prozess gegen mehrere Boulevardblätter vor dem Londoner High Court erscheinen. Foto: IMAGO/Anadolu Agency
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Prozessbeginn vor dem High Court in London: Prinz Harry klagt gemeinsam mit anderen Prominenten gegen die Daily Mail. Es geht um den Vorwurf illegaler Informationsbeschaffung durch das Boulevardblatt.

Neun Wochen soll es dauern, das von Prinz Harry angestrengte Gerichtsverfahren gegen das britische Boulevardblatt Daily Mail, das am Montag in London beginnen wird. Zu seiner Eröffnung wird der Sohn von König Charles III. persönlich am Obersten Gerichtshof erscheinen, das hat sein Team bereits angekündigt. Es zeigt die Bedeutung, die der 41-Jährige dem Prozess beimisst. Diesmal konnte Harry fünf weitere prominente Kläger um sich scharen.

Sir Elton John gehört dazu, die Schauspielerinnen Liz Hurley und Sadie Frost sowie zwei Mitglieder des britischen Oberhauses. In dem Prozess wird es nicht nur um historische Vorwürfe aus der Hoch-Zeit der Sensationspresse auf der Insel gehen, sondern auch um die Frage, wie viel Glaubwürdigkeit beide Seiten noch besitzen.

Die Anhörung ist der dritte und vorerst letzte Akt in Harrys juristischem Feldzug gegen die britischen Boulevardmedien, die er seit dem Tod seiner Mutter Prinzessin Diana hasst. Wieder geht es um die Beschaffung privater Informationen mit vermeintlich illegalen Methoden. Es geht um das Abhören von Telefonen, das Erschleichen persönlicher Daten und den Diebstahl vertraulicher Unterlagen.

Die meisten der mutmaßlichen Taten liegen rund zwei bis drei Jahrzehnte zurück. Anders als in früheren Verfahren sitzt diesmal ein Gegner auf der Anklagebank, der nicht für Nachgiebigkeit bekannt ist. Associated Newspapers Limited, der Verlag der Daily Mail, gilt als eines der mächtigsten Medienhäuser des Königreichs – und als kampferprobter Akteur.

Vor einem Jahr hatte sich Rupert Murdochs Verlagshaus, der Herausgeber der Sun, noch kurz vor Prozessbeginn auf einen spektakulären außergerichtlichen Vergleich eingelassen, inklusive Schuldeingeständnis.

Vor allem Letzteres war für Harrys Anwälte ein Triumph, denn Murdochs Konzern hatte zuvor unter Eid behauptet, illegale Recherchen seien ausschließlich bei der 2011 eingestellten Sonntagszeitung News of the World vorgekommen.

Das Skandalblatt war im Telefonabhörskandal von 2006 dabei ertappt worden, die Mailboxen der Mobiltelefone von Prominenten, aber auch von Mordopfern und deren Angehörigen gehackt und den Inhalt abgehört zu haben.

Die Daily Mail und ihr früherer Chefredakteur Paul Dacre haben dagegen nicht vor, klein beizugeben im Streit mit dem Prinzen. Sie weisen alle Vorwürfe zurück und präsentieren sich offensiv. Der Verlag des Blatts bezeichnet die Vorwürfe der sechs Kläger als „absurde Verleumdungen“ und bestreitet kategorisch, jemals illegale Methoden eingesetzt zu haben.

Die Kläger, so die Verteidigung, versuchten lediglich, die Zeitung ohne handfeste Beweise nachträglich mit dem Abhörskandal von 2006 in Verbindung zu bringen. Seit zwei Jahrzehnten streitet die Zeitung jegliche Beteiligung an Abhöraktivitäten ab.

Die Vorwürfe von Harry und seinen Mitstreitern sind schwerwiegend. Neben dem Abhören von Telefonen sollen auch Wanzen in Wohnungen und Fahrzeugen versteckt worden sein. Der Künstler und Sänger Elton John und sein Mann David Furnish erklären, die Zeitung habe sich besonders sensible Informationen beschafft, darunter medizinische Details.

Ein zentraler Vorwurf: Die Daily Mail habe aus der Geburtsurkunde ihres ersten Kindes zitiert, bevor die Eltern selbst das Dokument gesehen hätten. Die Schauspielerin Sadie Frost vermutet, ihr Festnetztelefon sei während ihrer Scheidung von Jude Law angezapft worden. Doreen Lawrence, deren Sohn Stephen 1993 von Rechtsextremen in London ermordet worden war, sagt, sie sei in der Zeit ihres jahrelangen Kampfes um Gerechtigkeit für Stephen abgehört und elektronisch überwacht worden.

Harrys bisherige Erfolgsquote in vergleichbaren Fällen ist beachtlich: Vor drei Jahren sagte er in einem ähnlichen Verfahren gegen die Mirror Group als Zeuge aus ­– als erstes Mitglied der königlichen Familie seit über hundert Jahren. Damals war der Palast alarmiert. Öffentliche Aussagen gelten bei den Royals traditionell als Risiko.

„Never complain, never explain“ lautet die Devise, lange vor dem desaströsen BBC-Interview von Andrew Mountbatten-Windsor im Jahr 2019. Doch anders als sein Onkel, der sich damals unter anderem um seinen Prinzen-Titel redete, war Prinz Harry 2023 im Zeugenstand glaubwürdig genug für Richter Timothy Fancourt, der in wesentlichen Punkten zu seinen Gunsten entschied.

Damals gelang es Harry, dem Bild des verantwortungslosen, realitätsfernen Prinzen, das Boulevardblätter wie die Daily Mail von ihm zeichnen, zumindest vor Gericht entgegenzuwirken. Doch ob er das in den nächsten Wochen erneut schaffen wird, ist offen. Der Sender Channel 4 berichtete im Dezember, die Kläger stützten sich diesmal auf mehrere Zeugen zweifelhafter Glaubwürdigkeit.

Zudem steht der bislang unbewiesene Vorwurf im Raum, Harrys Team habe selbst unlautere Mittel eingesetzt, etwa hohe Zahlungen für Aussagen versprochen. Ein zentraler Zeuge zog seine schriftliche Erklärung aus dem Jahr 2021 zurück und behauptet nun, seine Unterschrift sei gefälscht worden.

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