Rysum Doris Riedel und das Haus, das sie nie vergaß
Doris Riedel erinnert sich an glückliche Jahre in Rysum. Jetzt droht ihr altes Haus zu verfallen – sie hatte es mit ihrem Mann liebevoll wiederaufgebaut. Doch es gibt Hoffnung auf Rettung.
Rysum - „Ich war wirklich krank an dem Tag, als ich das Foto von dem verfallenen Haus in der Zeitung gesehen habe“, sagt Doris Riedel. „Ich dachte mir: Das kann doch nicht wahr sein.“
Diese Redaktion hatte im Dezember 2025 über ein altes Landarbeiterhaus im Dorfkern von Rysum berichtet, das verwahrlost aussieht. Zehn Jahre hatte Doris Riedel mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann in dem Haus gewohnt, von 1986 bis 1996.
Vom Schmuckstück zum Sorgenkind: Erinnerungen ans Rysumer Häuschen
Dass aus dem Haus, in das das Ehepaar so viel Arbeit gesteckt hat, nun so ein verwahrlost aussehendes Gebäude geworden ist, mache sie unglaublich traurig, sagt sie. Das Haus habe auf dem Foto schlimmer ausgesehen als an dem Tag im Sommer 1981, als sie und ihr Mann es gekauft hatten.
Erinnerungen an die schöne Zeit in ihrem Häuschen in Rysum hat Riedel in einem dicken alten Fotoalbum gesammelt. Nicht nur Fotos von den Umbauarbeiten finden sich dort, sondern auch liebe Nachrichten von Freunden und Familie, die gern in dem Haus in der Emsstraße in Rysum zu Besuch waren.
Kurios: Der Zirkel brachte Doris Riedel nach Rysum
In das Rundwarfendorf kam sie aber eher durch Zufall: Die ehemalige Lehrerin kommt ursprünglich aus Lüdinghausen, südwestlich von Münster. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus war sie immer viel unterwegs. „Wir hatten später auch einen Wohnwagen“, so Riedel. Diesen hatten sie fest an der Thülsfelder Talsperre zwischen Cloppenburg und Friesoythe abgestellt. „Von Lüdinghausen bis zur Thülsfelder Talsperre waren es 167 Kilometer“, so Riedel. „Das war gut zu schaffen, das konnten wir immer gut an einem Wochenende fahren.“
Später übernahmen Doris Riedels Eltern den Wohnwagen an der Talsperre. Die Riedels wollten dann gerne ein Ferienhaus in der Nähe der Eltern haben. Also griffen sie sich damals kurzerhand einen Zirkel und zogen auf einer Karte einen Umkreis von 100 Kilometern um die Talsperre. „Weiter weg sollte unser Haus nicht sein“, sagt sie. Und siehe da: „Rysum ist genau 100 Kilometer von der Thülsfelder Talsperre entfernt.“
Das historische Haus im Ortskern: Es war Liebe auf den ersten Blick
Das passende Haus war auch bald gefunden: In den Sommerferien 1981 wies sie eine Anzeige in den „Westfälischen Nachrichten“ auf ein „altes renovierungsbedürftiges Haus an der Nordsee“ hin. Doris und Klaus Riedel fuhren also nach Rysum. Dort sah es damals, in den frühen 80er Jahren, noch ganz anders aus als heute, erinnert sich Riedel. „Der Dorfkern war noch nicht so schön restauriert.“
Als sie das Landarbeiterhaus in der Emsstraße sahen, glaubten die Riedels erst nicht, dass es sich dabei um das renovierungsbedürftige Haus aus der Verkaufsanzeige handelte. „Es sah so bewohnt aus“, so Riedel. „Wir dachten, das müsse ein Fehler sein.“ Es stellte sich heraus, dass der Sohn der Eigentümer noch regelmäßig zum Blumengießen vorbeischaute. Die Riedels verliebten sich sofort in das Haus und kauften es 1981.
Historisches Juwel: Wie die Riedels das Landarbeiterhaus verwandelten
Nach dem Kauf ging es ans Eingemachte: Mit viel Unterstützung aus dem Umfeld und von Profis brachten die Riedels das in die Jahre gekommene Haus langsam wieder auf Vordermann. Das Dach musste unter anderem neu gemacht werden. Um das finanziell zu stemmen, verkauften die Eheleute ihr kleines Boot. Zudem reparierten sie eingestürzte Wände. Sogar eine alte Zisterne mussten die Riedels beseitigen. „Da saßen noch drei Frösche unten drin“, sagt Doris Riedel.
Auch im Gebäudeinneren, immerhin 200 Quadratmeter Wohnfläche in den ursprünglich zwei Gebäuden, sorgten sie für Ordnung. Sie habe immer viele Ideen zur Gestaltung gehabt, sagt Riedel. „Immer, wenn ich nur gesagt habe: ‚Klaauus?‘, kam von ihm: ‚Wie viel kostet es?‘“, erinnert sie sich lachend. Das Ehepaar steckte viel Liebe, Zeit und Geld in den Wiederaufbau des Rysumer Landarbeiterhauses. Bei den Arbeiten im Haus entdeckte Doris Riedel damals sogar einen alten Balken mit der Widmung des Erbauers, darauf zu lesen: das Baujahr des einst Drei-Familien-Warftarbeiterhauses – 1766. Das Ehepaar sorgte dafür, dass das historische Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Rysum: Leben in der Postkartenidylle
Anfangs fuhren die Riedels fast jedes Wochenende von Lüdinghausen nach Rysum, um am Haus zu arbeiten. Mit Erfolg: Die strahlend weiße Fassade mit den dunkelgrünen Fensterläden zog schnell viele Blicke von Besuchern des Dorfes auf sich, die ab und zu auch mal durch die Fenster einen Blick in das Innere des Hauses warfen. Das Haus schaffte es nach seiner Renovierung sogar auf eine Postkarte. „Dafür habe ich aber nichts bekommen“, lacht Riedel.
Fünf Jahre nutzte das Ehepaar das Häuschen als Ferienhaus, dann zogen sie 1986 dauerhaft nach Rysum. In der Dorfgemeinschaft fühlten sie sich schnell aufgenommen: Ihr Mann, eigentlich Beamter, hatte viel beim Umbau des Hauses selbst angepackt. „Und da kamen gleich Angebote aus dem Dorf, um Baumaschinen auszuleihen oder Ähnliches“, so Riedel. Als ihr Mann nach zehn gemeinsamen Jahren in Rysum 1996 starb, wurden sogar die Mühlenflügel zu seinen Ehren auf Trauer gesetzt. „Man muss eben auch mal selbst mit anpacken und nicht über die Nase auf die Dorfbewohner schauen, dann wird man auch in der Dorfgemeinschaft aufgenommen“, sagt Riedel.
Der Kirchturm hinter der Kurve war Zuhause
Das Haus in Rysum vermisst sie noch manchmal, so Riedel. Sie und ihr Mann hätten eine schöne Zeit dort gehabt. „Wir waren immer viel auf Achse, haben viel von der Welt gesehen“, sagt sie. „Aber immer, wenn wir von Emden über die Landesstraße Richtung Rysum fuhren und hinter der Kurve dann der Rysumer Kirchturm schon von Weitem sichtbar war, dann sagte mein Mann: ‚Mien Dörp, wir sind wieder zu Hause.‘“
Seit fast 30 Jahren wohnt Doris Riedel nun schon in Emden. „Als mein Mann gestorben war, hatte ich Panik“, sagt Doris Riedel. „Um mich herum sah ich überall Witwen in ihren alten Häusern.“ So wollte sie nicht leben. Also zog sie damals nach Emden. Hier, in ihrer Wohnung am Neuen Delft, fühlt sie sich wohl. Bei dem Haus, das sie Ende der 90er Jahre an ein Ehepaar aus Düsseldorf verkauft hat, war sie schon lange nicht mehr. „Wenn mich ein Bild jetzt schon so umhaut, wie wäre es dann erst vor Ort?“
Sie wünscht sich, dass ihr liebgewonnenes Haus bald wieder schick aussieht, sagt Riedel. Die Chancen dafür stehen gut: Der jetzige Eigentümer habe einen Bauantrag beim Landkreis Aurich gestellt, der zwischenzeitlich auch positiv beschieden wurde, schrieb Pressesprecher Rainer Müller-Gummels im Dezember 2025. Das Ziel sei es, anhand der erteilten Baugenehmigung eine fachgerechte Sanierung des Gebäudeinneren und der Fassade sicherzustellen. Mit dem Abschluss dieser Arbeiten wird der verwahrloste Zustand des Landarbeiterhauses dann hoffentlich Geschichte sein.
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