Osnabrück Ihre Warnungen blieben ungehört: Was Ex-Mitarbeiter des DRK-Ladens Osnabrück jetzt denken
Räumte der Ex-Geschäftsführer des DRK-Verbandes Osnabrück unliebsame Mitarbeiter aus dem Weg? Ehemalige Angestellte des DRK-Ladens in der Innenstadt jedenfalls warnten früh vor Unstimmigkeiten – und mussten gehen. Bis heute wundern sie sich auch über die Rolle des Präsidenten.
Es gibt Leute, für die kamen die Turbulenzen rund um den DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt nicht überraschend. Mitarbeiter des „Marktes für Alle“ etwa gerieten früh in Konflikte mit Geschäftsführer Mike Reil. Für sie kam dessen Abberufung nicht überraschend – aber viel zu spät.
„Für uns fühlen sich die Nachrichten ein Stück weit an, als gäbe es nun endlich Gerechtigkeit“, sagt Daniela Palma Revez. „Wobei – eigentlich haben wir von dieser Gerechtigkeit jetzt ja nichts mehr.“
Palma Revez leitete jahrelang den „Markt für Alle“, den der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt am Konrad-Adenauer-Ring betreibt. Sie und ihr Ex-Kollege Andreas Voigt haben mit Genugtuung gehört, dass sich der Verband kurz vor Weihnachten von seinem Geschäftsführer getrennt und kurz darauf Strafanzeige gegen ihn gestellt hatte. Kurz nach dessen Amtsübernahme im Jahr 2022 begann für beide eine Leidensgeschichte, die sie bis heute umtreibt.
Beide haben Verletzungen erlitten und wollen nur ungern mit einem Bild in der Berichterstattung auftauchen. Palma Revez und Voigt sind in ihrem Blick auf die Vorgänge beim DRK nicht unbefangen, sie hegen einen persönlichen Groll gegen Ex-Geschäftsführer Reil. Vieles von dem, was sie erzählen, fügt sich aber in die Schlagzeilen, die der Stadtverband in den vergangenen rund zwei Jahren produzierte.
„Am Anfang dachten wir: Toll, da kommt jetzt ein junger Geschäftsführer, der ein paar neue Ideen mitbringt und eine neue Dynamik“, erinnert sich Palma Revez an die ersten Wochen unter Reil. Unter dem früheren Vorsitzenden Wolf Everts sei das Klima im DRK-Shop super gewesen. Der Amtsantritt von Reil markierte dann eine Phase des Übergangs in der Spitze des Verbandes. „Zunächst hatten wir das Gefühl, dieses Klima würde sich mit dem neuen Geschäftsführer fortsetzen, der zugleich auch frische Impulse setzen und manches modernisieren würde.“
Eine Erwartung, die sich für beide nicht erfüllte: Voigt verließ das DRK 2024 nach über fünf Jahren Tätigkeit im Streit. Zwischen Palma Revez und dem DRK-Verband kam es zu einem längeren Rechtsstreit am Arbeitsgericht. An dessen Ende stand ein Vergleich, mit dem eine vorherige Kündigung durch den Verband aufgehoben wurde. Palma Revez verpflichtete sich im Gegenzug dazu, Mobbingvorwürfe gegen den damals noch amtierenden Geschäftsführer Reil nicht mehr zu erheben.
Die hatten zuvor schon länger in der Öffentlichkeit kursiert – und betrafen nicht nur das Verhältnis zwischen Geschäftsführer Reil und Marktleiterin Palma Revez. Andreas Voigt etwa erwirkte eine strafbewehrte Unterlassungserklärung gegen Reil. Die sollte diesen unter anderem dazu verpflichten, diskriminierende und herabwürdigende Äußerungen über Voigt zu unterlassen.
Reil hatte unserer Redaktion gegenüber Ende 2024 die Mobbingvorwürfe abgestritten. Dass er zu dem Zeitpunkt zwei von sechs hauptamtlichen Mitarbeitern des „Marktes für Alle“ rausgeworfen und ein Dritter – Voigt – freiwillig die Kündigung eingereicht hatte, begründete er damals mit persönlichen Befindlichkeiten. Der Laden sei über Jahre defizitär gewesen, der von ihm angeordnete Konsolidierungskurs schmecke nunmal nicht jedem.
Pikant: Die Abgänge ersetzte Reil unter anderem durch die Mutter und den Vater seiner Lebensgefährtin. Das gab er selbst unumwunden in einem Interview zu. Anrüchig fand das damals offenbar niemand, der im DRK-Verband Ämter oder Aufsichtsfunktionen wahrnahm. Am wenigsten Präsident Michael Schneider – der kam nämlich im Verbandsleben kaum vor.
Als der Konflikt mit dem Geschäftsführer sich zuspitzte, bat Palma Revez mehrmals um eine Kontaktmöglichkeit zum Präsidenten. Der, so ihre Hoffnung, könne womöglich als Schlichter eingreifen. Daraus wurde nichts. Außer Geschäftsführer Reil hatte offenbar niemand Zugang zu Präsident Schneider. Und Reil verwehrte ihr die Kontaktaufnahme. Das belegen E-Mails, die unserer Redaktion vorliegen.
Über Schneider ist auch sonst wenig bekannt. Im Unternehmensregister taucht er auf als Geschäftsführer einer kleinen Immobilienfirma mit Sitz in der Grafschaft Bentheim. Die Firma war zwischendurch an einer anderen Immobilienfirma beteiligt, die Reil gehört. Beide sollen sich bei einer Speditionsfirma kennengelernt haben. Auf Reils Betreiben soll Schneider dann die Präsidentschaft des DRK übernommen haben.
Auffällig: Es finden sich keinerlei Hinweise auf öffentliche Auftritte im Netz – nicht mal eine Nachricht zum Amtsantritt gibt es. Soweit bekannt, übt Schneider das Amt auch aktuell noch aus. Für unsere Redaktion war er bislang nicht erreichbar – ebensowenig wie Reil.
Dessen Einstieg beim Kreisverband Osnabrück-Stadt im Jahr 2022 war nicht unumstritten. So zumindest schildern es Palma Revez und Voigt unserer Redaktion gegenüber. Vieles, was sie erzählen, ist für unsere Redaktion derzeit nicht nachprüfbar und dürfte Gegenstand der strafrechtlichen Ermittlungen sein, die gegen Reil laufen. Sicher ist wohl, dass in Osnabrück manche Präsidiumsmitglieder früh alarmiert waren wegen des Verhaltens des neuen Geschäftsführers.
Stimmen, die sich allerdings zunächst nicht durchsetzen konnten. Reil, der seine DRK-Karriere beim Seniorenheim in Dissen begann und später auch Buchhalter beim DRK-Verband in Melle wurde, konnte bis Ende 2025 offenbar schalten und walten, wie er wollte.
Seine Abberufung hat für Palma Revez und Voigt einen bitteren Beigeschmack. „Uns hat keiner geglaubt, als wir auf Missstände und Probleme hingewiesen oder uns über den Umgang beschwert haben“, sagen sie. Reil habe stets damit kokettiert, dass „Menschen wie uns, die vom zweiten Arbeitsmarkt stammen, ohnehin niemand glauben würde“.
Beide haben bis heute zu kämpfen mit ihren Erfahrungen. Der Job im „Laden für Alle“ habe ihnen Halt, Selbstbewusstsein und Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Reil, so empfinden sie es, habe ihnen das genommen, einfach so und ohne triftigen Grund. Und Präsident und Präsidium, so sehen sie es, hätten ihn gewähren lassen und über vieles hinweggesehen. „So sehr wir uns freuen, dass jetzt endlich Bewegung in der Sache ist – es ist nicht nur das Vorgehen von Reil, das auf den Prüfstand gehört“, sagt Palma Revez.
Der Ex-Geschäftsführer reagiert seit Bekanntwerden der Vorwürfe nicht auf Anfragen unserer Redaktion. Das amtierende Präsidium, das sich aus ehrenamtlichen Mitgliedern zusammensetzt, hat eine transparente Aufarbeitung der Geschehnisse angekündigt. Dafür allerdings werde es Zeit brauchen – die Lage im mittlerweile insolventen Kreisverband ist offenbar chaotisch.
Ob und in welchem Umfang Reil tatsächlich belastbare Vorwürfe zu machen sind, wird das Strafverfahren zeigen. Über etwas Wertschätzung von den Verantwortlichen im Verband würden sich Voigt, Palma Revez und andere wohl auch schon vor dessen Ausgang freuen.