Hannover Zu schwer? Niedersachsen schafft klassisches schriftliches Dividieren an Grundschulen ab
Niedersachsen streicht das schriftliche Dividieren aus dem Grundschul-Lehrplan. Während der Philologenverband einen Leistungsabfall befürchtet, setzt das Kultusministerium auf eine neue Methode. Das ist geplant – und das wird kritisiert.
Neben Kritik an der geplanten Reform der Oberstufe sorgt eine weitere Neuerung in der niedersächsischen Bildungspolitik für erhebliche Debatten: Ab dem kommenden Sommer wird das schriftliche Dividieren für Schulanfänger nicht mehr Teil des Lehrplans an Grundschulen sein. Das sei eine qualitative Verbesserung der mathematischen Ausbildung, teilte Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) gegenüber dem „Spiegel“ mit.
Nach Angaben ihres Hauses sei die schriftliche Division mit dem sogenannten Divisionsalgorithmus „das komplexeste aller schriftlichen Rechenverfahren“. Doch auch, wenn dieses nun nicht mehr gelehrt wird: „Wir schleifen keine Standards und senken auch nicht den Bildungsanspruch“, erklärte das Kultusministerium auf Anfrage der Redaktion.
Würde man das Verfahren zu früh einführen, bestünde die Gefahr, dass Schüler die Methode zwar „kurzfristig memorieren, aber weder dauerhaft beherrschen noch die zugrunde liegenden Bedeutungen der Operation verstehen“. Im Klartext heißt das: Die Schüler verstehen das Verfahren ohnehin nie wirklich und vergessen es wieder.
Anstelle des schriftlichen Dividierens sollen in den Grundschulen deshalb künftig „halbschriftliche Rechenverfahren“ im Fokus stehen. Eine große Zahl wird dabei in kleinere Zahlen aufgeteilt. Ziel sei es laut Hamburg, dass die Kinder ein „tieferes Verständnis“ entwickeln. Das schriftliche Dividieren soll dann in den weiterführenden Schulen vermittelt werden.
Beim neuen Verfahren könnten die Kinder „Rechenwege eigenständig strukturieren, Zwischenschritte sichtbar machen und die zugrunde liegenden Denkprozesse nachvollziehen“, so das Kultusministerium. „Erst wenn diese Basiskompetenzen gefestigt sind, können bzw. sollten schriftliche Algorithmen so eingeführt werden, dass diese nicht mechanisch angewendet, sondern wirklich verstanden werden.“
„Man hat in Niedersachsen entschieden, Kinder nicht mehr mit dem komplexen Verfahren belasten zu wollen und verschiebt diese ‚Belastung‘ nun in die weiterführenden Schulen“, kritisiert Christoph Rabbow, Vorsitzender des niedersächsischen Philologenverbandes. Er bewertet die Änderung als „Fehler, der aus meiner Sicht unbedingt behoben gehört“.
Zwar sei das Verfahren vielen Kindern auch am Gymnasium nicht mehr geläufig oder nicht so gut trainiert worden, dass es „belastbar abrufbar“ wäre, gibt Rabbow zu. Trotzdem müsse man das Verfahren aus drei Gründen auch weiterhin unbedingt in der Grundschule vermitteln.
Hinzu komme: „Die Anpassung des niedersächsischen Kerncurriculums ist Teil der bundesweiten Umsetzung gemeinsamer Standards, auf die sich alle Länder verständigt haben und insofern kein niedersächsischer Alleingang“, so das Kultusministerium. Bereits 2022 hatten sich die Länder auf der Kultusministerkonferenz auf bundesweit verbindliche Bildungsstandards für das Fach Mathematik verständigt. Dort ist die schriftliche Division für die vierte Klasse mit Lernzielebene „Einblick gewinnen“ vereinbart.
Sachsen jedenfalls will die schriftliche Division weiter in der Grundschule vermitteln – und erklärte ebenfalls: „Sachsen orientiert sich im Lehrplan Mathematik an den 2022 auf der Kultusministerkonferenz überarbeiteten Bildungsstandards.“ Auch Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein hatten ihre Lehrpläne für die Grundschule zuletzt überarbeitet – und die schriftliche Division wird auch dort weiter vermittelt.