Osnabrück Wie die Generalproben die Elf des VfL Osnabrück für Aachen sortieren
Zwei temporeiche Testspiele bei guten Bedingungen konnte der VfL Osnabrück trotz heftigem Winterwetter am Wochenende durchziehen. Das 5:2 gegen RW Oberhausen sowie das 0:2 beim FC Schalke 04 liefert sechs Thesen vor dem Start der Rückrunde in der 3. Liga.
Improvisation war gefragt am Generalproben-Wochenende des VfL Osnabrück: Nach Schneefällen plus Eisentwicklung auf dem Spielfeld musste das Testspiel-Highlight gegen Zweitliga-Tabellenführer FC Schalke 04 an der Bremer Brücke kurzfristig ausfallen - und konnte am Samstag nur ohne Zuschauer auf dem Trainingsgelände der Knappen durchgeführt werden. Die stehen gebliebene Tribüne des altehrwürdigen Parkstadions lieferte bei klirrender Kälte zwar ein optisches Highlight - aber sie stand neben fehlenden Zuschauer-Einnahmen auch für das Fehlen der Atmosphäre, die der VfL nun erst zum Pflichtspiel-Start am Wochenende bei Alemannia Aachen wieder genießen kann.
Mit dem 5:2-Sieg gegen West-Regionalligist RW Oberhausen am Freitag auf dem Schinkelberg und der Verlegung des Schalke-Spiels gelang es der sportlichen Leitung um Chefcoach Timo Schultz aber, allen Akteuren im Kader wichtige Spielpraxis gegen gute Gegner zu verschaffen - und das bei, mit Blick auf die Wetterlage, jeweils Top-Bedingungen. Beobachter beider Spiele können sechs Thesen vor dem Pflichtspiel-Start ableiten.
Dass Schultz abseits der potenziellen Startelf viele Alternativen hat, zeigte der engagierte wie flotte Auftritt aller eingesetzten Akteure mit positivem Ergebnis beim 5:2 gegen Oberhausen. Am Freitag gab es mit Stürmer Bernd Riesselmann, Mittelfeldstratege Kevin Wiethaup, Kreativspieler Lars Kehl, Wühler Bryan Henning und Innenverteidiger Niklas Wiemann fünf verschiedene Torschützen.
Nicht nur sie haben auch abseits ihrer Treffer ihre Ambitionen untermauert - auch Schienenspieler Kevin Schumacher mit klaren Aktionen oder Routinier Robert Tesche mit Ballgefühl und Übersicht wussten zu gefallen. Wie Henning und Wiethaup erhielt auch Innenverteidiger Yigit Karademir am Samstag auf Schalke Spielzeit, wo er mit Konzentration, Intensität und Abgeklärtheit demonstrierte, dass er jederzeit bereit ist für einen Einsatz in der Abwehrkette.
Im Gegensatz zum wilden Spiel am Freitag mit vielen Torchancen auf beiden Seiten entwickelte sich gegen das im Umschaltspiel überragende Schalke eine Partie mit sehr wenig Torchancen: Beide Teams waren zuerst um Ordnung bemüht - und beim VfL standen für das Gelingen dieser die Zentrumsspieler Jannik Müller und Bjarke Jacobsen. Aber auch Dauerbrenner wie der verbissene Zweikämpfer Robin Fabinski, der mit Spielwitz agierende Patrick Kammerbauer und der unermüdliche Stürmer Robin Meißner überzeugten, auch wenn letzterer erneut Chancen ausließ und bei der größten Möglichkeit frei vor dem Tor nach einer nicht optimalen Ballverarbeitung an S04-Keeper Loris Karius scheiterte. Wichtiger Faktor bei einer Drangphase des VfL auf Schalke vor der Pause war auch der sehr aktive David Kopacz als Raumöffner: Durch Laufwege, im Dribbling und als Anspielstation im Kombinationsspiel.
Normalerweise zählt auch Lukas Jonsson zur Achse der Lila-Weißen: Der ist nach überstandener Erkältung erst am Freitag ins Training zurückgekehrt, dürfte aber bei normalem Verlauf der Trainingswoche am Samstag in Aachen im Tor stehen. Auf Schalke machte Nummer zwei Nikas Sauter ein solides Spiel, konnte sich mehrmals im Eins-gegen-eins auszeichnen, sah aber beim Fernschuss-Gegentor per Volley-Aufsetzer aus knapp 30 Metern von Moussa Sylla nicht gut aus. Gegen Oberhausen zeigte Youngster Mats Remberg mit einer souveränen Leistung, dass auf ihn Verlass ist
Weil Jonsson am Samstag schon wieder bei Minusgraden vor Ort auf Schalke am Spielfeldrand zuschaute, ist Fridolin Wagner aktuell der prominenteste Erkältungsausfall bei den Lila-Weißen - der Mittelfeldspieler fehlt in Aachen aber sowieso gelbgesperrt. Rückstand haben aus demselben Grund aktuell die Ergänzungsspieler Bashkim Ajdini und Kai Pröger. Seine Verstauchung des Sprunggelenks überwunden hat Theo Janotta - der große Innenverteidiger hatte aber ein paar Schwierigkeiten gegen kleine, wuselige Gegenspieler bei seinem Comeback in der zweiten Halbzeit auf Schalke, die der VfL nach einem Handelfmeter-Gegentor 0:2 verlor.
Julian Kanias Einstand war mit Spannung erwartet worden - und der Leihspieler aus Bielefeld lieferte die erste Stunde auf Schalke ein solides, aber ein Stückweit auch zurückhaltendes Debüt. Der 24-Jährige zeigte gute Ansätze in der Ballbehauptung, war aktiv im Pressing und im Suchen der freien Räume - aber noch nicht so oft Teil des Kombinationsspiels wie seine Mitspieler in der Offensive. Nach erst einer Woche Training mit den neuen Kollegen ist das aber auch normal: Schultz will Kania, der allein mit seiner Körpergröße ein neues Element ins VfL-Spiel einbringen kann, die nötige Zeit geben.
Nach Kanias Verpflichtung arbeitet Schultz an der Etablierung einer zweiten Grundordnung: mit zwei Stürmern, zwei Achtern und nur einem Sechser vor der Dreierkette. Getestet wurde diese jeweils in der zweiten Halbzeit in den Testspielen - gegen RWO klappte dies sehr gut im nun druckvoller werdenden Spiel nach vorn mit drei Toren zum 5:2-Sieg, gegen Schalke gelang es nicht: Der Schwung nach vorn versiegte und defensiv fehlte gerade im Sechserraum zu oft die Ordnung. Schultz weist auch hier auf den Faktor Zeit hin, den es brauche, um alle Abläufe in der neuen Ordnung zu etablieren. Zumindest zunächst dürfte die Ordnung 3-3-2-2 in der 3. Liga nur eine Alternative zum etablierten System sein, wenn es nicht läuft - etwa gegen tief stehende Gegner - oder bei Rückständen, wenn der Druck erhöht werden muss.
Nach den Eindrücken der Testspiele dürften in Aachen Jacobsen, Müller, Fabinski, Kammerbauer und Meißner auf jeden Fall beginnen - trainiert Jonsson beschwerdefrei diese Woche durch, gilt das auch für den Torwart, ebenso wohl für den soliden Niklas Wiemann als linken Innenverteidiger.
Für die zwei freien Offensivpositionen gibt es drei Kräfte mit Kehl, Kania und Kopacz - hier wird die Auswahl von Schultz spannend und keinesfalls leicht, ob er direkt auf den Neuen setzt und dafür den etablierten Kehl oder den kreativen Kopacz opfert. Komplett offen ist das Rennen auf der linken Schiene, wo sich mit dem im offensiven Mittelfeld vielseitig einsetzbaren Ismail Badjie und Tony Lesueur zwei Tempospieler sowie der agile Frederik Christensen und der gradlinige Kevin Schumacher bewerben. Und auch auf der Doppelsechs wird die Wahl des Partners von Jacobsen in Aachen spannend zwischen Wiethaup und Henning - bei den letzten Punkten ist schon in der ab Dienstag beginnenden Trainingswoche Spannung garantiert.