Ostfriesland  Nimmt die Bundeswehr den Betrieben Mitarbeiter weg?

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 11.01.2026 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Soldaten der Bundeswehr stehen vor dem feierlichen Gelöbnis zusammen. Foto: Jens Kalaene/dpa
Die Soldaten der Bundeswehr stehen vor dem feierlichen Gelöbnis zusammen. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Drei von sechs befragten jungen Männern aus Ostfriesland wollen ihre zivilen Arbeitgeber verlassen. Viele nennen Jobsicherheit als Grund für den Wechsel.

Für die Bundeswehr lief es mit der Personalsuche im Jahr 2025 offenbar sehr gut. Einen Tag vor Weihnachten veröffentlichte sie eine Pressemitteilung mit Zahlen: Bis Ende November 2025 seien 24.100 Einstellungen und damit 23 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum vorgenommen worden, heißt es da. Und: „Damit wird in diesem Jahr voraussichtlich das beste Einstellungsergebnis als Freiwilligenarmee erzielt.“

Doch wo kommen die vielen neuen Mitarbeiter her? Eine Recherche der Redaktion in Aurich und Wilhelmshaven lässt vermuten, dass nicht wenige der Bundeswehrneulinge aus zivilen Berufen oder Ausbildungen wechseln. Arbeitskräfte, die dann dort fehlen. Vielleicht noch nicht jetzt, aber doch in absehbarer Zeit. Wir haben uns dazu in Ostfriesland umgehört.

Im Zuge einer Recherche zu den Bewerbungen bei der Bundeswehr haben wir im Dezember 2025 das Karriereberatungsbüro in Aurich und das Karrierecenter in Wilhelmshaven besucht. Ersteres ist die erste Anlaufstelle für alle Interessenten auf der ostfriesischen Halbinsel. In Zweiteres werden die Interessenten anschließend für eine mehrtägige Prüfung eingeladen, um zu sehen, ob sie geeignet sind und für welche Stellen sie in Betracht kommen.

Neben den Karriereberatern und Offizieren haben wir mit sechs jungen Männern im Alter zwischen 17 und 24 Jahren gesprochen, die ihre Zukunft bei der Bundeswehr sehen. Drei von ihnen sind bereits in einer zivilen Ausbildung oder schon fertig und vom Arbeitgeber übernommen: ein Kfz-Mechatroniker, ein IT-Fachmann, ein Einzelhandelskaufmann. Auf Nachfrage, warum sie zur Bundeswehr wechseln wollen, nennen sie am häufigsten Jobsicherheit und bessere Bezahlung. Ihre Namen nennen wir hier nicht, da ihre Arbeitgeber noch nichts von den Plänen der jungen Männer wissen.

Nun ist eine Umfrage unter sechs jungen Männern natürlich nicht repräsentativ. Und dennoch: Drei von sechs befragten Personen wollen ihre zivilen Arbeitgeber verlassen. Die Hälfte. Wahrscheinlich wird sich künftig also wohl eine ganze Reihe Betriebe nach Ersatz umsehen müssen – auf einem Arbeitsmarkt, auf dem das nicht ganz einfach ist.

Wir haben uns in Ostfriesland umgehört, konkret bei der Kreishandwerkerschaft Aurich/Emden/Norden. Sie vertritt mit ihren 19 angeschlossenen Innungen die Interessen der freiwillig organisierten, selbstständigen Handwerker. Geschäftsführer ist Wolfgang Janhsen; übrigens selbst ehemaliger Offizier. Ja, sagt Janhsen auf Nachfrage, die Bundeswehraktivitäten seien schon ein Thema. Allerdings noch kein großes, „zumindest im Moment noch nicht“.

Er geht außerdem davon aus, dass viele junge Menschen die Bundeswehr aus einer gewissen Unwissenheit heraus besonders attraktiv finden. Arbeitszeit etwa werde beim Militär doch ganz anders verstanden und gehandhabt als bei zivilen Unternehmen. Tatsächlich spürten die hiesigen Betriebe die Konkurrenz der kommunalen Einrichtungen aktuell noch viel stärker. Also von Betriebshöfen der Städte oder Gemeinden etwa.

Tatsächlich will die Bundeswehr ihr Personal stark aufstocken. „Abgeleitet aus der Bedrohungslage und den Nato-Planungen zur Verteidigung des Bündnisses muss die Bundeswehr personell aufwachsen, die aktive Truppe und die Reserve“, heißt es beim Verteidigungsministerium.

Ende Oktober 2025 hatte die Bundeswehr nach offiziellen Angaben 184.242 aktive Soldaten, darunter 12.062 freiwillig Wehrdienstleistende. Allerdings braucht Deutschland nach den neuen Nato-Zielen im Ernstfall 460.000 Soldaten, darunter 260.000 in der aktiven Truppe. Ob das Erreichen dieser Ziele den zivilen Arbeitsmarkt schwächt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Ostfriesen-Zeitung“

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