Berlin  Inside „Omas gegen rechts“: „Wir können so nicht weitermachen, sonst stehen wir mit einem Bein im Gefängnis“

Elke Bodderas
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Von Elke Bodderas
| 11.01.2026 10:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Die „Omas gegen rechts“ demonstrieren am 29.11.2025 vor den Gießener Messenhallen gegen den Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation Foto: IMAGO/HEN-FOTO
Die „Omas gegen rechts“ demonstrieren am 29.11.2025 vor den Gießener Messenhallen gegen den Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation Foto: IMAGO/HEN-FOTO
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Wie tolerant, einig und friedlich ist der deutsche Verein wirklich? Eine exklusive Recherche zeigt einen kaum überbrückbaren Konflikt zwischen radikal-rabiaten und gemäßigten „Oma“-Mitgliedern.

Mit Schauplätzen von Krieg und Gewalt kennt sich Paul Ronzheimer, Vizechefredakteur der „Bild“-Zeitung, eigentlich gut aus. Aber wie er Ende November erfuhr, kann auch ein Ronzheimer ein paar Erfahrungen offen haben. Vor einer Messehalle in der deutschen Stadt Gießen, als Reporter unter Zehntausenden Demonstranten, fand sich Ronzheimer plötzlich als Hauptdarsteller einer brenzligen Szene wieder.

Während in der Halle gut 700 Delegierte die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ regelten, sah sich der Journalist von Gegendemonstranten erkannt. Kurz darauf umzingelte ihn eine Meute. Ronzheimer flüchtete, gejagt von brüllenden „Hunderten Verfolgern hinter mir“. Eine Stimmung wie bei den Berliner Mai-Krawallen, Straßenkampf lag in der Luft.

Noch vor den Reihen von Antifa und Transparenten wie „Nazis jagen ist nicht schwer, mit Hammer, Sichel und Gewehr“ ist auf Videos eine alte Frau zu sehen, das Gesicht vermummt, das Haar schlohweiß, weiße Weste mit dem Markenzeichen: „Omas gegen rechts“. Ein Schal liegt über dem Gesicht, die Mundhöhle darunter im Schrei weit aufgerissen. Im Demonstrationsgetümmel zeigt die Frau sich erstaunlich rüstig. Auf Videos ist zu erkennen, wie sie Ronzheimer anschreit: „Nazis raus“, „Hau ab“, „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“.

Ronzheimer sagte später, er habe versucht, mit der Frau zu reden, „sie konnte ja meine Mutter sein“. Doch „Toleranz und Demokratie“, die Losung der „Omas“, hatte es offenkundig nicht bis zu Ronzheimer und zur Gießener Messehalle geschafft. Die Polizei erklärte später, sie habe den Journalisten und sein Kamerateam in der Menge nicht mehr schützen können. Aber es sei gelungen, alle heil heraus- und in Sicherheit zu bringen.

Seit ihrer Gründung im Januar 2018 haben es die „Omas gegen rechts“ zu einer politischen Bewegung mit mehr als 30.000 Mitgliedern gebracht, zu zahllosen politischen Aktionen als Stammgäste bei einschlägigen Demonstrationen. Doch wie wenig sich rabiat enthemmte „Omas“ in ihrem Einsatz „gegen rechts“ um einen demokratischen Umgang scheren und wohin die Bewegung insgesamt mit den Radikalisierten unter ihnen zu geraten droht, zeigen anschaulich die Bilder der Frau, die Paul Ronzheimer in Gießen bedrohte.

Dieser Auftritt sorgte am 10. Dezember, auf einer entscheidenden außerordentlichen Mitgliederversammlung des Bundesvereins der „Omas gegen rechts“, für eine Auseinandersetzung, die Folgen haben wird. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die „Oma“-Bewegung eine Kehrtwende vollziehen könnte – oder dass sich die Bewegung spalten wird. Zum Verlauf dieser Videokonferenz liegen dieser Redaktion Aussagen von Mitgliedern, Screenshots, Chats und Mitschriften vor.

Der Fall von Ronzheimer und der Gießener „Oma“ war demnach den 220 videoversammelten „Omas gegen rechts“-Mitgliedern schon deshalb geläufig, weil er anderen „Oma“-Auftritten glich. Ähnliches hatte sich im April ereignet, als die Polizei in Nürnberg eine Frau überwältigte, die aus den Reihen der „Omas“ auf einen Gegendemonstranten losgegangen war.

„Gegen die Frau wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung eingeleitet“, teilte die Polizei später mit. Andere Videos in den sozialen Netzwerken zeigen weißhaarige Frauen mit „Oma“-Buttons und Palästinenser-Tuch auf Pro-Palästina-Demonstrationen. Eine „Oma“ kreischt: „Scheiß-Bullen“, als die Polizei eine Gruppe auflösen will.

Mit dem Image von geduldigen und lebenserfahrenen, abgeklärten und möglicherweise sogar stricknadelklappernden Großmüttern, die viel ertragen haben, deren Geduld aber jetzt in Widerstand übergehen muss, lässt sich das kaum in Einklang bringen. Mit solchen Vorfällen, diese Befürchtung deutete sich auf der Mitgliederversammlung Anfang Dezember an, könnte eine fatal negative Umdeutung von „Omas gegen rechts“ ihren Lauf nehmen.

Zu viele ausgerastete „Oma“-Mitglieder in den Reihen des „grauen Blocks“, wie ein Artikel der „Zeit“ sie liebevoll nennt, könnten die Bewegung dann in die Verlegenheit bringen, um den guten Ruf kämpfen zu müssen.

„Wir können so nicht weitermachen, sonst stehen wir immer mit einem Bein im Gefängnis“, erklären prominente Vereinsmitglieder nach Informationen dieser Redaktion auf der Mitgliederversammlung. Hintergrund dürfte Paragraf 21 des Versammlungsrechts sein: „Wer in der Absicht, nicht verbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Im Oktober 2018 hatte die Frauenzeitschrift „Brigitte“ einen Artikel unter der Überschrift veröffentlicht: „Wir Omas haben die Pflicht, uns gegen den Mob zu stellen.“ Die Story löste eine Beitrittswelle aus. Das bescheidene „Oma“-Kränzchen mit einigen hundert Mitgliedern wuchs sich danach zur heute größten deutschen Frauenbewegung aus. Bei ihrer Gründung 2018 waren das Frauen in ihren Sechzigern, frühen Siebzigern, bunte Schals, große Ketten, Motto-T-Shirts.

Ein bisschen Protest-Nostalgie umwehte sie, liebenswert, unantastbar, vielleicht ein wenig sentimental, möglicherweise. „Ich hab’ Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren“, sang der Schlagersänger Camillo Felgen in den Fünfzigern. Da kamen einige der heutigen Demonstrantinnen gerade in die Grundschule. Das Wort „Oma“ hat Wirkung. Es klingt nach Apfelkuchen mit Zimt. Aber diese „Omas“ treffen sich nicht zum Tortenbacken, und sie haben auch nicht alle Enkel.

Die „Omas gegen rechts“ sind dezentral organisiert. Einige hundert Regionalgruppen entscheiden selbst über ihr Tun und Lassen. Der Grundsatz-Kodex verpflichtet aber alle: Toleranz, Demokratie und respektvolles Miteinander. In der Videoschalte der „Oma“-Versammlung leitet die Vereinsführung das Thema elegant mit einer guten Neuigkeit ein: Die Zahl der Mitglieder sei derart gestiegen, dass „Anpassungen im Innen- und Außenverhältnis“ erforderlich seien. Dann geht es in aller Härte zur Sache, der Vorstand stellt die neuen Statuten der „Omas“ vor.

Paragraf eins bis neun gehen glatt durch, zum ersten Mal rumst es bei Nummer zehn. Der Paragraf ist neu. Mit ihm packt der bundesweite Dachverein „Omas gegen rechts e. V.“ die Regionalgruppen am Nacken. Künftig wird der Verein über neue Mitglieds- und Gründungsanträge entscheiden. Sollte sich eine Gruppe unbotmäßig zeigen, fliegt sie notfalls raus.

Und damit in Zukunft auf Demonstrationen sichtbar ist, wer die echten „Omas“ sind und wer die falschen, wird es ein neues, autorisiertes Logo geben. Es ist ein „Oma“-Schriftzug mit einem Megafon darin (“Ich hätte einen Teppichklopfer besser gefunden“, beschwert sich jemand im Chat).

Das sorgt für Proteste. Von den „Omas“ aus Berlin kommt „klarer Widerstand“ gegen die „Entmündigung“. Die Berliner Alters- und Vereinsgenossinnen sind auch innerhalb der „Omas“ berüchtigt, nicht nur wegen ihrer Nähe zu linksradikalen Gruppen. Die Hauptstadt-„Omas“ schreiben auf X: „Wir sind auch Antifa“, und sie haben mit Maja Wiens eine Führungs-„Oma“ an der Spitze, die bis 1983 als Spitzel beim DDR-Geheimdienst Stasi war.

Auf der Mitgliederversammlung sorgt man sich: Wie könne es sein, dass in Berlin, Hamburg und in Ostdeutschland so oft „Omas“ zwischen Antifa-Fahnen zu sehen seien? „Mal über die Seiten des Verfassungsschutzes schauen“, schreibt eine „Oma“ im Chat. „Der Verfassungsschutz, der die Akten des NSU bewusst geschreddert hat?“, kontert eine „Oma“ aus Sachsen. „Omas sind doch alle Antifaschisten“, beschwichtigt eine weitere.

„Es darf niemals zu einer inhaltlichen Trennung kommen“ – die Beschwörung trifft gut die Stimmung im digitalen Saal. Doch kurz darauf steht fest, dass es die Spaltung längst gibt. „Gerade in den Gruppen sehe ich das respektvolle Miteinander nicht mehr“, klagt eine „Oma“ aus Ostdeutschland. „Ich sehe, wie auf einzelne Personen eingedroschen wird. Das macht mir Sorgen. Zum Beispiel auf die Oma aus Gießen. Die war mutig.“

Das sehen die Verfasserinnen der neuen „Omas gegen rechts“-Statuten wohl anders. Aus dem Text ist ziemlich klar herauszulesen, mit welchem Kniff der Vereinsvorstand allzu militante „Omas“ entweder zivilisieren oder sich vom Hals halten will. Das Papier stellt klar: „Wir dulden keine Hass- und Hetzreden, keine verbalen Ausfälle.“

Die Video-„Omas“ sind alt genug, um sofort zu wissen, was das bedeutet. „Ich werde mir auch keinen Maulkorb aufzeigen lassen für künftige Veranstaltungen“, protestiert eine „Oma“ im Chat. Eine andere springt ihr bei. „Wir stehen jede Woche den Nazis gegenüber, den trommelnden Nazis. Und ich will nicht danebenstehen, nichts mehr sagen und einknicken. Dann geh ich nicht mehr für die Omas auf die Straße.“

Eine andere schreibt zurück: „Wir schweigen immer, wenn skandiert wird: ‚Ganz Limburg hasst die AfD.‘ Hass ist nicht unsere Aktionsform.“ Sofort kommt Widerspruch: „Dieser Slogan drückt ein Gefühl aus, das berechtigt ist.“ Bevor die neuen Statuten zu bröckeln beginnen, greift ein prominentes Vereinsmitglied ein: „Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel. Dass wir Omas uns vor eine Gruppe von Polizisten hinstellen und ‚Scheiß-Bullen‘ rufen, das ist nicht gerade Oma-konform.“ Und was ist mit „Nazis raus“? „Das ist zwar abgedroschen, würden wir aber nicht unter das Unsagbare fallen lassen.“

Für Diskussionen sorgt auch eine neue Tiktok-Kampagne. 50.000 Euro hat der Verein im Landtagswahljahr 2026 dafür verplant. Zielgruppe: „junge Männer unter 35“. Die Kampagne hatte schon für Ärger gesorgt, bevor es richtig losging. Die beauftragte Agentur wollte Schauspielerinnen casten, für 650 Euro pro Drehtag sollten „Kleindarsteller:innen“ für eine „Oma“ namens „Renate“ angeworben werden.

„Du verkörperst eine lebensfrohe und schlagfertige Oma (…) mit Herz, Humor und klarer Haltung“, hieß es im Anforderungsprofil. Kurz darauf ruderte die Agentur zurück: „Uns war nicht bewusst, dass alle Beteiligten ausschließlich ehrenamtlich aktiv sein müssen“, heißt es in der E-Mail, die dieser Redaktion vorliegt. Die veranschlagten Kampagnenkosten von 50.000 Euro sorgten für ungläubige Reaktionen in den Reihen der „Omas“. „Viel zu teuer“, so die Kommentare in der Videoschalte, „spart euch das Geld lieber.“

Die „Omas gegen rechts“ finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Bei zwölf Euro Beitrag im Jahr und fast 9000 Vereinsmitgliedern kommt schon etwas zusammen. Auf 44.000 Euro bilanzierte die Kassenwartin Ende 2024 die Vereinskasse. Das Geld reichte für mehrere Schenkungen, unter anderem ans Rechercheportal „Correctiv“ und an den „Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“. Ein finanzieller Erfolg, der offenbar auch die Finanzämter auf den Plan gerufen hat. So wurden einige der Regionalgruppen als Gesellschaft bürgerlichen Rechts eingestuft. Für diese „Omas“ sei die steuerliche Auswirkung sehr groß und sehr teuer, erklärt ein Steuerberater aus „Omas“-Kreisen dieser Redaktion. Auch davor soll die neue Vereinsstruktur schützen: Künftig werden Steuerberatung und juristischer Beistand zentral gestellt.

Zum Schluss taucht in der Videokonferenz noch ein letztes Problem auf, eine Frage. Sie kommt aus dem Chat: „Könnten wir die Satzung noch gendern? Ich stolpere über die rein männliche Form bei so vielen Frauen.“ Darauf scheinen einige genervte „Omas“ schon gewartet zu haben. Sie stürzen sich darauf: „Männliche Form? Welche männliche Form? Mitglieder ist die neutrale Schreibweise.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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