Osnabrück 55 Tage im Sattel: Vier Osnabrücker Jungs radeln bis nach Istanbul
Vier Freunde aus Osnabrück fahren mit dem Fahrrad nach Istanbul. Was sie unterwegs erleben, prägt sie fürs Leben. Die Reise zeigt, wie weit man kommt, wenn man einfach losfährt.
13. Oktober 2025: Drei Radfahrer kämpfen sich einen einsamen Strand entlang. In der Ferne türmt sich Istanbul – der letzte Ausläufer Europas. Auf den Fahrrädern sitzen drei Jungs aus Osnabrück und gleich sind sie am Ziel.
Es ist die letzte Etappe einer Reise, die größer kaum sein könnte: 55 Tage, elf Länder, 3467 Kilometer und mehr als 35.000 Höhenmeter. Vier Jungs vom SV 16 Osnabrück haben sich aufgemacht, mit dem Fahrrad Europa zu durchqueren.
Zweieinhalb Monate zuvor in Osnabrück sind die Satteltaschen gepackt. Die Jungs, die sich auf die Reise wagen, sind Linus Wiechmann (19), Leonard Schulte (19), Jona Okrassa (20) und Max Moersheim (19). Sie spielen zusammen Fußball beim SV 16 Osnabrück und kennen sich schon ewig, erzählt Jona.
In diesem Jahr haben die vier gemeinsam Abitur gemacht – und danach beschlossen, zusammen die große Radtour zu wagen. Nicht als sportliche Challenge, sondern als Erlebnis, an das man sich erinnert.
„Wir sind keine Radsportler“, betont Linus, und es ginge ihnen auch nie um die Kilometer oder Geschwindigkeit. „Es ist das Reisetempo, die Flexibilität“, erklärt Jona. Das sei es, was das Fahrrad für sie zu dem perfekten Transportmittel gemacht habe. „Man sieht auch viel mehr vom Land und nimmt es ganz anders wahr“, fügt Max hinzu, der davor noch nie eine längere Tour mit dem Rad gemacht hatte.
Vor der Abfahrt hatten sie ihr Ziel, Istanbul, vor Augen und eine grobe Idee der Route. Doch perfekt durchgeplant war die Reise keineswegs. „Jeder hat das so separat gemacht, wir haben uns nicht so viel abgesprochen“, lacht Jona. Linus fügt hinzu: „Nicht mal Flickzeug hatten wir richtig dabei.“
Doch vielleicht war es genau diese Einstellung, die eine Radtour zu einem echten Abenteuer gemacht hat.
Am Freitag, 8. August 2025, um 13 Uhr, rollen sie los. Vier Räder, vier Helme, zwei große Satteltaschen pro Person, Zelte und Flaschen.
„Um 13:00 verlassen wir unsere geliebte Heimatstadt und brechen Richtung Süden auf“, schreiben sie auf ihrem Instagram-Kanal. Dort teilten sie ihre Reise, für Freunde und Familie zu Hause. „Sultans of crust“, nennen sie sich dort und posteten fast täglich Bilder und kurze Texte, in denen sie ihre Etappen quer durch Europa schilderten.
Die Route führte sie von Deutschland durch Tschechien, über die Alpen in Österreich nach Slowenien, weiter durch Kroatien – und dann am Mittelmeer entlang, durch den Balkan, immer weiter Richtung Osten.
„Je weiter wir gekommen sind, desto freundlicher wurden die Menschen“, erzählt Max.
Die Gastfreundschaft, die sie unterwegs erleben, wird zu einem der stärksten Eindrücke ihrer Reise. Immer wieder werden sie auf der Straße angesprochen, auf Kaffee eingeladen oder bekommen warme Mahlzeiten angeboten. Manchmal sogar Schlafplätze – drinnen, mitten im Leben anderer Menschen.
Linus sagt dazu: „Wir haben auch relativ oft bei Leuten im Haus geschlafen, weil die dann gesagt haben: ‚Ihr braucht jetzt nicht euer Zelt aufzubauen, ihr könnt einfach hier drinnen pennen‘“.
Bei manchen Familien blieben sie sogar mehrere Tage, wie bei einer Familie von Weinbauern in Slowenien. Dort halfen sie bei der Ernte und sind bis heute in Kontakt. „Die wollen uns noch Wein schicken“, lacht Jona.
In Kontakt mit Menschen zu kommen und Länder abseits der Touristen-Hotspots zu erleben – das verändere auch die Sicht auf Dinge, die vorher feststanden. Vor allem den Kosovo, vor dem sie oft gewarnt wurden, sehen die Jungs jetzt ganz anders: „Das war das freundlichste Land von allen“, betont Max. „Da wurden wir jeden Tag zweimal angehalten und eingeladen.“
Wie bei jeder Reise lief natürlich auch nicht alles glatt und vor allem die unwegsamen Bergwege hatten es manchmal in sich. „Unsere Wegführung war nicht immer so perfekt“, lacht Linus.
Ein Pass im Gebirge Montenegros wurde ihnen dabei fast zum Verhängnis. „Wir haben uns total verschätzt“, erzählen sie, „es sollte viel schneller gehen, aber die Straße war so schlecht, dass wir nur schieben konnten.“
Sie strandeten ohne Wasser im Gebirge und mussten sich mehrere Tage zum nächsten Dorf durchschlagen, das sie eigentlich an einem Tag hätten erreichen sollen. Doch durch Glück und mithilfe von Einheimischen, die sie das letzte Stück in einem Transporter mitnahmen, schafften sie es dann doch und jetzt lachen sie nur noch darüber.
„Aufgeben wollten wir nie“, darin sind sich alle einig. „Klar, bei manchen steilen Bergen fragt man sich, warum man das macht“, räumt Linus ein – doch all die Erlebnisse davor und danach überwiegen eindeutig.
„Ich wäre gerne noch weiter gefahren“, sagt Linus mit Überzeugung. Nach 55 Tagen war die Reise vorbei und es sollte wieder zurück nach Osnabrück gehen. Am letzten Zipfel von Europa angekommen, hätten sie am liebsten einfach weitergemacht.
Aber es wurde langsam kalt, das Geld wurde knapp und „Meine Eltern fanden das nicht so gut“, sagt Linus.
Also kehrten sie zurück nach Hause. Doch auch wenn es noch keine konkreten Pläne gibt: Mit viel Abenteuerlust sind sie sich alle sicher, dass sie in Zukunft noch weitere Länder mit dem Fahrrad bereisen wollen. Vielleicht wieder zu viert. Vielleicht noch weiter. Vielleicht einfach wieder los.