Osnabrück  Sie machen den Weg frei: Wie der Osnabrücker Servicebetrieb gegen Schnee und Glätte kämpft

Marcel Bechtel
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Von Marcel Bechtel
| 10.01.2026 06:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Frank Overberg ist einer von rund 240 Mitarbeitern der Osnabrücker Servicebetriebe, die die Straßen im Winter freihalten. Im Sommer werden die Fahrzeuge zum Trimmen von Wiesen und zum Stutzen von Ästen genutzt. Foto: Marcel Bechtel
Frank Overberg ist einer von rund 240 Mitarbeitern der Osnabrücker Servicebetriebe, die die Straßen im Winter freihalten. Im Sommer werden die Fahrzeuge zum Trimmen von Wiesen und zum Stutzen von Ästen genutzt. Foto: Marcel Bechtel
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Es herrscht ein Winter in Deutschland, der den Namen auch wirklich verdient. In Osnabrück ist das befürchtete Chaos am Freitag ausgeblieben. Die Straßen waren weitgehend schneefrei – auch dank des Winterdienstes des Osnabrücker Servicebetriebs. Wie arbeiten die Fahrer dort?

Mittwochabend, 7. Januar, kurz vor 19 Uhr: Frank Overberg liegt auf seiner Couch und freut sich schon auf das Abendessen mit seiner Frau. Dann ein Anruf, am anderen Ende der Leitung ist Tino König. Er ist an diesem Tag Einsatzleiter für den Winterdienst beim Osnabrücker Servicebetrieb und ruft die Mitarbeiter an, die für den Räumdienst gebraucht werden.

Eigentlich dürfte Overberg von dem Ertönen seines Klingeltons nicht überrascht sein. Es war klar, dass er an diesem Tag noch raus muss – der 51-Jährige ist in Bereitschaft. Er ist einer von über 200 Mitarbeitern, die in verschiedenen Schichten dafür sorgen, dass die Straßen in Osnabrück im Winter frei sind. Aber er sagt: „Du weißt nie, wann sie anrufen. Ob es um 7 Uhr oder um 8 Uhr ist, oder rufen sie abends um zwölf an oder nachts um zwei.“ Der Schichtbetrieb stellt seinen Schlafrhythmus auf eine harte Probe.

Im Sommer hat Overberg dieses Problem nicht, da wird tagsüber gearbeitet. Dann trimmen Overberg und seine Kollegen Wiesen, sorgen dafür, dass Hecken und Baumäste nicht auf die Fahrbahn ragen, und kümmern sich um bewachsene Mittelstreifen.

Im Winter rücken die OSB-Mitarbeiter aus, um verschneite und vereiste Fahrbahnen oder Gehwege zu streuen. Bis zu 66 Fahrzeuge sind zeitgleich in der Stadt unterwegs. Manche Einsatzwagen wirken mit ihren großen Schneepflügen am Rumpf, als gehörten sie eigentlich in ein Skigebiet: groß, orange, mit flutlichtähnlichen Scheinwerfern. In einem dieser Fahrzeuge wird Overberg an jenem Mittwoch die Fahrbahnen Osnabrücks von Schnee befreien und Glätte vorbeugen.

Kleinere Fahrzeuge, mit runden, rotierenden Bürsten an beiden Seiten und einem kleinen Soletank im hinteren Teil, werden für die Fahrradwege eingesetzt. Doch auch Handarbeit bleibt unverzichtbar: In Sprintern schwärmen sogenannte Handkolonnen aus und räumen jene Gehwege, für die die Stadt verantwortlich ist.

Einsatzleiter Tino König sitzt in der Leitstelle, quasi dem Gehirn des Winterdienstes – einem Container auf dem Hof des OSB, der extra für den Dienst im Winter aufgestellt wurde. Durch ein großes Fenster sieht er die Räumfahrzeuge auf dem Hof. In dem Container stehen ein Tisch mit zwei Kannen Kaffee, ein Weihnachtsbaum aus Plastik und ein Schreibtisch mit zwei Bildschirmen. Hier kann König die Wetterlage einsehen und die Einsatzstufe festlegen.

Die Einsatzstufe ist entscheidend für die Personalplanung. Je nach Wetterbegebenheiten wird sie zwischen eins und sechs angesetzt. Wenn es zu vereinzelten glatten Stellen kommen kann, beispielsweise am Marktplatz, dann herrscht Stufe eins: Es werden wenige Leute gebraucht. Bei Stufe sechs wird in Vollbesetzung gefahren. Rund 20 Mitarbeiter sind dann mit den Streufahrzeugen unterwegs, und auch mehrere Handkolonnen werden losgeschickt. Festgelegt wird die Einsatzstufe bereits am Morgen. Sie gilt für 24 Stunden.

Um die Stufe zu bestimmen, hat Tino König detaillierte Wetterdaten. Die sind nicht zu vergleichen mit einer gewöhnlichen Wetter-App: Er sieht, farblich abgegrenzt, die Temperatur und Feuchtigkeit der Straße. Ein Glätteindex zeigt ihm die Intensität der erwarteten Glätte an. Anhand dieser und weiterer Daten werden die Einsatzstufe und dementsprechend der Personalbedarf bestimmt.

Kurz nach 19 Uhr treffen die Mitarbeiter an diesem Einsatztag nacheinander vor der Leitstelle ein – auch Frank Overberg, der sich mit dem Abendessen beeilen musste. Seit 20 Jahren ist er schon dabei. Bevor es losgehen kann, werden die verschiedenen Streuwagen mit Salz beziehungsweise einer Solemischung befüllt.

Auf dem Hof des OSB ist ein großes Salzlager. Mehr als 1000 Tonnen Salz türmen sich hier vor dem Wintereinbruch zu großen weißen Bergen. Anfang Januar ist die Lagerhalle nur noch knapp zur Hälfte befüllt. Sorgen machen, dass das Salz mal ausgeht und die Straßen nicht mehr gestreut werden können, müssen sich die Autofahrer allerdings nicht. Zwar dauere die Lieferung zurzeit etwas länger, da überall Streusalz gebraucht werde, es werde aber rechtzeitig nachbestellt, erklärt der Betriebsleiter der OSB, Detlef Schnier.

Wenn die Streufahrzeuge beladen sind, kann es losgehen. Frank Overberg steigt ins Führerhaus seines Räumfahrzeugs ein – wobei Führerhaus fast untertrieben ist: „Du siehst, sieht schon fast aus wie ein Flugzeug“, beschreibt es Overberg treffend. Die Sitze sind gefedert, ausgestattet mit Sitzheizung. „Frieren brauchst du hier nicht. Definitiv nicht. Du kannst, wenn du willst, im T-Shirt sitzen.“

Neben dem Lenkrad ist ein kleiner Bildschirm, eine Art Navi, mit dem sich nicht nur die Route, sondern auch die Streuung kontrollieren lässt. Neben dem Sitz sind verschiedene Knöpfe mit allerlei Funktionen, teils doppelt belegt. Sehr komplex und laut Overberg für Neulinge oft erst einmal überfordernd.

Auch deshalb ist der Winterräumdienst in der Regel zu zweit in einem Fahrzeug unterwegs. Aber nicht nur wegen der komplexen Bedienung, sondern auch wegen der Breite des Wagens: In engen Straßen ist das Manövrieren entlang parkender Autos und Hauswände Zentimeterarbeit. Vor allem nachts ist das eine Herausforderung – und vier Augen sehen mehr als zwei. Außerdem können sich die Fahrer so auch während der Schicht am Steuer abwechseln.

Einfach lässig durch die Nacht fahren und dabei Musik hören, so einfach ist es aber nicht. Wie anspruchsvoll, aber auch gefährlich die Fahrt werden kann, zeigt sich bereits nach wenigen Minuten. Frank Overberg biegt auf eine steile Straße im Osnabrücker Ortsteil Pye. Mitten auf der schmalen Spur gerät das Fahrzeug plötzlich ins Rutschen, nähert sich gefährlich nah einer Baustellenabsicherung, bevor der Routinier das tonnenschwere Fahrzeug wieder unter Kontrolle bekommt. Einen Unfall hatte er in seinen 20 Jahren noch nicht. Während er das sagt, klopft er dreimal auf das Armaturenbrett: „Toi, toi, toi.“

So rangiert Fahrer Frank Overberg das tonnenschwere Räumfahrzeug durch Osnabrück – ein Video aus dem Führerhaus:

In 20 Jahren erlebt man so einiges, wenn man nachts die Straßen von Schnee und Eis befreit. Mal sind da Betrunkene, die das Räumfahrzeug mit Schneebällen bewerfen, mal muss Overberg den Retter in der Not spielen. „2010 hatten wir, glaube ich, mal so einen derben Winter. Da hattest du auch schon mal ein Abschleppseil mit und hast da Lkw aus dem Schnee gezogen“, erinnert sich der 51-Jährige.

Aber nicht nur Fahrzeuge sind dem Wetter ausgeliefert. „Man sieht Obdachlose, da denkt man: ‚Du tust mir echt leid.‘ Es ist saukalt und dann laufen die draußen rum oder liegen unter Unterführungen oder am Bahnhof“, sagt er.

Anderen scheint die Kälte wiederum wenig auszumachen, sie scheint im Gegenteil sogar die Glut in manchen Menschen zu entfachen. Denn mehr als einmal hat Overberg bei Touren durch abgelegene Ecken Menschen beim Liebesspiel im Auto erwischt.

Während es mancherorts heiß hergeht, kann der Winterdienst aber auch unfreiwillig für gegenteilige Erfahrungen sorgen – eine eiskalte Dusche zum Beispiel. Vor einigen Jahren sollte Overberg Schneematsch von den Straßen am Wall entfernen. Als er den Schneepflug runterließ, übersah er eine Frau, die an einer Bushaltestelle wartete. Der gesamte Schneematsch landete auf ihr. „Das tat mir so leid. Die Frau wusste gar nicht, wie ihr geschah. Ich bin zurückgefahren, mein Beifahrer hat sich auch sofort bei ihr entschuldigt“, erzählt Overberg, kann sich im Rückblick ein Lachen aber dennoch nicht verkneifen.

Overberg und seine Kollegen kümmern sich um 480 Kilometer Fahrbahn und 100 Kilometer Fahrradwege in der Stadt. Damit zur Hauptverkehrszeit am Morgen die Straßen frei sind, muss der Winterdienst oft spät in der Nacht räumen – bei extremen Wetterlagen wie in diesen Tagen sind die 200 Mitarbeiter rund um die Uhr im Einsatz.

Trotzdem ist es manchmal nicht zu schaffen, alle Straßen zu räumen. Dann priorisiert der OSB Strecken: Hauptverkehrsachsen und Einfallstraßen wie die Iburger Straße, die Hannoversche Straße oder die Pagenstecherstraße müssen bei starkem Schneefall und Glätte immer wieder „behandelt“ werden – das gleicht einer Sisyphusarbeit.

Wenn Frank Overberg nach seiner Schicht zu Hause ankommt und ins Bett fällt, werden die ersten Autofahrer auf freien Straßen zur Arbeit fahren. Nach dem Aufstehen wird der 51-Jährige die Zeitung lesen, sich dem Haushalt widmen und nach dem Mittagessen noch etwas Schlaf nachholen, bevor er am Abend wieder rausgeklingelt wird – vielleicht wieder gegen 19 Uhr, vielleicht aber auch mitten in der Nacht.

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