Hannover  Kultusministerin will 11. Klasse reformieren – und erntet scharfe Kritik

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 09.01.2026 11:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bislang ist noch nichts konkret, doch ein Eckpunktepapier zur geplanten Oberstufenreform sorgt in Niedersachsen für Wirbel. Foto: IMAGO/Sven Simon
Bislang ist noch nichts konkret, doch ein Eckpunktepapier zur geplanten Oberstufenreform sorgt in Niedersachsen für Wirbel. Foto: IMAGO/Sven Simon
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Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg will den Schülern der 11. Klasse mehr Wahlfreiheiten ermöglichen – doch bereits die ersten Pläne stoßen auf massive Kritik. Worum geht es?

Scharfe Kritik ist Julia Willie Hamburg (Grüne) gewohnt, das gehört zum Amt der niedersächsischen Kultusministerin quasi dazu. Zumindest unter vielen Schülern dürfte ihr neues Projekt allerdings auf regen Beifall stoßen: die Reform der gymnasialen Oberstufe.

Darüber wolle man „sehr offen und sehr transparent miteinander diskutieren“, ließ die Kultusministerin wissen; deshalb habe man das Eckpunktepapier veröffentlicht – „damit wir hier nicht aneinander vorbeiarbeiten und uns später womöglich über grundlegende Entscheidungen streiten“.

Dieser Wunsch wurde der Ministerin erfüllt. Vertrauliche Vorgespräche der Kultusministerin mit Verbänden waren noch ohne große Aufregung verlaufen, wie Beteiligte berichten. Die Reformvorschläge der Kultusministerin für die Klassen 12 und 13 sind weitgehend unstrittig.

Für Kritik sorgen aber die Pläne der Ministerin für die 11. Klasse. Insgesamt müssen Elftklässler 30 Wochenstunden belegen, das wird auch nach der Reform so sein. Aber: Davon will das Kultusministerium zukünftig nur noch 14 vorschreiben.

Diese Pläne sorgen für Aufsehen unter vielen Lehrern, Schulleitern und Verbänden. Am Osnabrücker Ratsgymnasium hat Schulleiter Sebastian Bröcker die Schüler und Eltern beispielsweise über eine Petition gegen die geplante Reform informiert. Andere Schulleiter in Niedersachsen haben das mitbekommen und es Bröcker gleichgetan. Etwa 8500 Menschen haben die Petition bislang unterschrieben. Worum dreht sich der Ärger?

„Das erste, was in der geplanten Stundentafel sofort auffällt: Die Fremdsprachen würden massiv beschnitten auf künftig nur noch eine Pflichtfremdsprache“, sagt Christian Löhr, Vorsitzender der niedersächsischen Altphilologen. „Die Fremdsprachen sind in dem Entwurfspapier ganz klar degradiert worden.“ Bislang müssen Schüler in der Klasse 11 zwei Fremdsprachen belegen, nach der Reform wäre es nur noch eine.

Die Altphilologen befürchten deshalb, dass dann deutlich weniger Schüler eine zweite Fremdsprache wählen. Denn „besonders anspruchsvolle Fächer werden tendenziell weniger angewählt“, glaubt Löhr. Und zweite Fremdsprachen werden im Gegensatz zu anderen Fächern mit drei statt nur zwei Stunden unterrichtet. Sollten sich nicht genug Schüler finden, könnten Kurse für Latein, Altgriechisch, Spanisch oder Italienisch nicht mehr zustande kommen – sodass im Abitur dann nur noch Englisch angeboten werden könnte.

„Die Befürchtung unterstellt, dass Schüler Fremdsprachen derzeit nur belegen, weil sie dazu ‘gezwungen’ würden”, entgegnet das Kultusministerium auf Anfrage. „Das Gegenteil ist der Fall – viele Schüler tun dies derzeit und auch in Zukunft aus eigener Motivation.“ Auch zukünftig erhielten Schüler zudem mindestens von der 6. Klasse bis zur Einführungsphase Unterricht in einer zweiten Fremdsprache – und damit ein Jahr länger als von der Kultusministerkonferenz vorgegeben. 

Auch der Politikunterricht wäre nach den Plänen für Schüler der Klasse 11 in Niedersachsen nicht mehr verpflichtend. Politische Bildung werde schließlich auch in anderen Fächern wie dem Erdkundeunterricht vermittelt, findet die Kultusministerin. „Die Vermittlung von Werten und Einstellungen findet sicherlich nicht nur im Politikunterricht statt, sondern ist als Querschnittaufgabe aller Fächer des Fächerkanons zu verstehen“, bestätigt Rabbow. „Nichtsdestoweniger leben wir in einer von Fake News geprägten Epoche.“

Die Auseinandersetzung damit könne „von kaum einem anderen Fach in der Tiefe behandelt oder gar geleistet werden“, findet der Vorsitzende des Philologenverbandes. „Ohne den Kollegen des Erdkundeunterrichtes zu nahe treten zu wollen, wird diese Aufgabe dort doch eher randständig behandelt werden müssen.“ Deshalb sei die geplante Freiwilligkeit des Politikunterrichts „eher kritisch zu bewerten“.

„Bildungspolitisch nicht nachvollziehbar“, findet Christian Fühner, bei der CDU im Landtag für die Bildung zuständig, die Pläne der Ministerin. „Die von Ministerin Hamburg geplanten Änderungen zur Einführungsphase gefährden zentrale Qualitätsstandards, schränken die Fächerwahl massiv ein und schwächen das Profil unserer Gymnasien erheblich.“ Kurz vor Weihnachten hatte seine Fraktion die Kultusministerin im Landtag deshalb zur geplanten Reform befragt.

„Ich danke der CDU für diese Anfrage“, antwortete Hamburg gelassen. „Weil auch wir wahrnehmen, dass sich viele Fragen und Vorurteile im Land halten, die wir auf diese Art und Weise heute richtigstellen können.“ Es gehe „mitnichten um die Absenkung von Standards, auch wenn Sie das reflexhaft unterstellen“. Tatsächlich sei „das Oberziel“ der Reform, „dass wir mehr Qualität, aber auch mehr Wahlfreiheit und mehr Chancen eröffnen“ und Schülern so „eine eigene Schwerpunktbildung“ ermöglichen.

„Die versprochene Wahlfreiheit bestünde nur formal“, kritisiert Altphilologe Löhr. „Den wirtschaftlichen Rahmen setzt der Klassenteiler.“ Laut dem sogenannten Klassenteiler wird in Jahrgang 11 mit 26 Schülern pro Kurs gerechnet. Und danach richtet sich auch, wie viele Lehrerstunden die Schulen finanziert bekommen.

An kleinen Schulen bestehe das Problem, „dass Fächer, die nicht von ausreichend vielen Schülern angewählt werden, dann schon in Jahrgang 11 nicht angeboten werden können“, erklärt Christoph Rabbow, Vorsitzender des niedersächsischen Philologenverbandes.

„Wenn also nur 15 Schüler ein Fach anwählen, muss die Schulleitung abwägen, wie sie mit den Ressourcen umgeht: Wenn dieses Fach angeboten werden soll, müssen die Kurse in den anderen Fächern entsprechend größer werden.“ Das sei pädagogisch nicht sinnvoll. Und „wenn der Kurs nicht angeboten wird, sind die Schüler gezwungen, ein anderes Fach zu wählen oder die Schule zu wechseln.“

Eine Alternative wären Kooperationen zwischen Schulen, die dann gemeinsame Oberstufenkurse anbieten. Unter den städtischen Osnabrücker Gymnasien beispielsweise ist das seit vielen Jahren eingeübte Praxis. Aber: „Eine Kooperation zwischen mehreren Schulen ist im ländlichen Bereich in der Regel nicht möglich, weil die Entfernungen zu groß sind“, sagt Rabbow. Bis zu 30 Kilometer weit könnten Schüler dann für einzelne Kurse fahren müssen. Von den Schulen im ländlichen Raum „hören wir große Bedenken gegen das Eckpunktepapier des Kultusministeriums“, berichtet der Philologenverband.

„Zunächst handelt es sich um ein Eckpunktepapier zur geplanten Reform“, beschwichtigt Stefan Störmer, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die sonst nicht gerade zimperlich mit der Kultusministerin ins Gericht geht. „Um es auf den Punkt zu bringen: Wir setzen auf Wahlfreiheit statt Zwangsbeglückung.“

„Ich möchte betonen: Es handelt sich hierbei um Eckpunkte“, sagte auch Julia Willie Hamburg im Landtag beschwichtigend. Die detaillierten Regelungen werden derzeit im Kultusministerium erarbeitet, dann soll der Beteiligungsprozess starten. Und dann werde es auch noch „ausreichend Gelegenheit“ geben, Dinge abzuwägen.

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