Schulwegsicherheit So geht es weiter an der Unfall-Ampel in Aurich
Der tragische Unfall vor dem Gymnasium Ulricianum hat Aurich geschockt und eine Debatte über Schulwegsicherheit angestoßen. Das ist der aktuelle Stand.
Aurich – Das Urteil im Prozess um den tödlichen Schulweg-Unfall, der sich Ende Mai 2025 in der Nähe des Gymnasiums Ulricianum ereignet hat, ist gefallen. Der 47-jährige Lastwagenfahrer, der eine rote Ampel übersah und dabei einen 16-jährigen Schüler auf dem Schulweg erfasste, wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe und einen achtmonatigen Führerscheinentzug verurteilt. Schon kurz nach dem tragischen Unfall war in Aurich die Debatte um die Schulwegsicherheit an der stark befahrenen Bundesstraße, aber auch dem Rest Aurichs, erneut aufgeflammt. Wie ist der aktuelle Stand?
Diskussion um Schulwegsicherheit
Vor allem der Schulelternrat des Ulricianums sowie die Schulleitung des Gymnasiums hatten sich in den Wochen und Monaten nach dem Unfall für das Thema stark gemacht, hatten die Öffentlichkeit mobilisiert und klare Worte gefunden. „Der tragische Unfall am Von-Jhering-Ring bewegt uns als Eltern, als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und als Menschen noch immer zutiefst. Unser Mitgefühl gilt unverändert den Eltern, der Familie und den Freunden des verstorbenen Schülers. Dieses Geschehen hat Leben zerstört und viele weitere nachhaltig geprägt“, schreibt Alwin Müller, Vorsitzender des Schulelternrates, am Tag nach der Urteilsverkündung.
Auch Rüdiger Musolf steht fast neun Monate nach dem Unfall noch unter dem Eindruck des Erlebten. „Ich war damals sehr ergriffen von der großen Anteilnahme auch in der Schülerschaft“, erinnert er sich an die Gedenkveranstaltung, die am Gymnasium kurz nach dem Unfall stattfand. Schüler und Schülerinnen sowie Lehrkräfte waren am Morgen des 26. Mai auf dem Weg zur Schule Augenzeugen des tödlichen Unfalls und den folgenden Rettungsmaßnahmen geworden. „Jeder hat in dem Moment gespürt, dass etwas Entsetzliches, etwas Tragisches geschehen ist“, so der Schulleiter.
Für den Elternrat der Schule steht fest, dass Kinder und Jugendliche sich auf ihrem Schulweg sicher fühlen müssen. „Jede Maßnahme, die dazu beiträgt, Risiken zu reduzieren und Leben zu schützen, ist ernsthaft zu prüfen – unabhängig davon, ob es um technische Lösungen, infrastrukturelle Verbesserungen, Verkehrsführung oder Geschwindigkeitsregelungen geht“, ergänzt Alwin Müller.
Schulwegsicherheit im Fokus der Beteiligten
Maßnahmen, wie die Verkehrssicherheit im Umfeld von Schulen verbessert werden kann, waren seit dem Unfall auch Thema in der Auricher Politik. So beschloss der Rat der Stadt im Sommer als Folge des Unfalls die Einrichtung einer Tempo-30-Zone vor dem Ulricianum. Diese Entscheidung war allerdings von der Stadtverwaltung kurz darauf wieder kassiert worden und liegt seitdem zur rechtlichen Abklärung beim Landkreis und dem Verkehrsministerium in Hannover.
Im September folgte mit einer öffentlichkeitswirksamen Demonstration am Rande des Niedersächsischen Städtetages, der in Aurich stattfand, der nächste Schritt. Vor den Demonstrierenden kündigte der anwesende Ministerpräsident Olaf Lies die Einrichtung eines runden Tisches zum Thema Schulwegsicherheit in Aurich an. Dieser tagte in Form eines Arbeitskreises bestehend aus Vertretern der Stadt, von Schulen und Behörden das erste Mal im November 2025.
Vorampel lässt noch auf sich warten
Nach der ersten Sitzung war klar: Es wird eine Vorampel zur betreffenden Ampelanlage an der Von-Jhering-Straße geben. Sie soll auf Höhe der Einmündung Krähennestergang aufgestellt werden und parallel mit der Hauptampel geschaltet werden. Eine Maßnahme, die unter anderem Schulleiter Rüdiger Musolf befürwortet und auf die die Schulgemeinschaft nun warte. Diese Maßnahme könne nicht nur die Ampelquerung sicherer machen, sondern auch die Situation von einfahrenden Autos aus der Friedhofstraße und dem Krähennestergang entschärfen. Ein konkretes Aufbau- und Lieferdatum für die Vorampel steht allerdings noch nicht fest. Das teilt Cord Cordes, Pressesprecher der Stadt Aurich, auf Anfrage mit. Wegen Lieferschwierigkeiten könnte der Aufbau sich bis zum Jahresbeginn verzögern, hatte es Ende 2025 aus der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLSTBV) geheißen. Bisher hat sich an diesem Zeitplan also noch nichts geändert. Ebenso sieht es bei einer offiziellen Stellungnahme des Verkehrsministeriums des Landes Niedersachsen zum Thema „Tempo 30“ vor dem Ulricianum aus. Die sei bisher noch nicht bei der Stadtverwaltung eingegangen, so Cord Cordes.
Sachliche Diskussion und mehr Prävention zum Wohle der Schülerschaft
Am 13. Januar trifft sich der Arbeitskreis zu seiner nächsten Sitzung.
Dann werden wohl auch Alwin Müller vom Schulelternrat und Rüdiger Musolf wieder mit am Tisch sitzen und ihre Meinung vertreten: „Die Einführung von Tempo 30 an sensiblen Bereichen wie Schulen, stark frequentierten Fußgängerquerungen und innerstädtischen Gefahrenpunkten kann nachweislich dazu beitragen, Unfälle zu verhindern oder deren Folgen deutlich zu mindern. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen allein kein Allheilmittel sind. Entscheidend sind neben klaren Regelungen vor allem konsequente Kontrollen, ein verantwortungsbewusstes Verhalten aller Verkehrsteilnehmer sowie eine Infrastruktur, die Sicherheit aktiv unterstützt – beispielsweise durch bessere Sichtverhältnisse, sichere Querungsstellen und angepasste Ampelschaltungen“, so Alwin Müller.
Schulleiter Musolf wünscht sich mehr Prävention, statt Reaktion. Und mehr Mut, Entscheidungen zu treffen, auch, wenn man sie dann vielleicht wieder rückgängig machen müsse, sagt er und macht dies an einem Beispiel aus Mainz fest. Dort habe die Stadt - aus anderen Gründen - auf einer vielbefahrenen Bundesstraße Tempo 30 angeordnet. Dann sei geklagt worden, die Schilder seien verdeckt worden. Die nächste Begründung der Stadt sei dann vom Gericht akzeptiert worden. „Man vergibt sich doch nichts, wenn man es probiert“, so Musolf. „Schlimmstenfalls muss man bei der Begründung nachsteuern. Oder es bleibt bei Tempo 50. Aber schlimmer wird nichts.“
Der Schulelternrat wünscht sich eine sachliche, respektvolle Diskussion ohne Vorwürfe und ideologische Scheuklappen. Sicherheit im Straßenverkehr sei keine politische Symbolfrage, sondern eine Frage von Verantwortung, Menschlichkeit und Vorsorge. „Wenn wir als Stadtgesellschaft daraus lernen und gemeinsam Verbesserungen auf den Weg bringen, dann kann aus diesem schmerzlichen Ereignis zumindest ein Beitrag zu mehr Sicherheit für alle Kinder entstehen“, so Alwin Müller.