Ukraine  Verschleppt nach Nordkorea? Was ukrainische Kinder dort im „Ferienlager“ lernen sollen

Felix Lill
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Von Felix Lill
| 08.01.2026 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Den Regierungen Russlands und Nordkoreas wird vorgeworfen, ukrainische Kinder in das Camp Songdowon entführt zu haben, um sie zu militarisieren. Foto: IMAGO / NurPhoto
Den Regierungen Russlands und Nordkoreas wird vorgeworfen, ukrainische Kinder in das Camp Songdowon entführt zu haben, um sie zu militarisieren. Foto: IMAGO / NurPhoto
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Mehr als 19.500 Kinder wurden laut Kiew bereits von Russland entführt. Berichte über weitere Verschleppungen reißen nicht ab. Nun führt die Spur bis nach Nordkorea. Im Camp Songdowon sollen Minderjährige politisch indoktriniert werden.

Den Regierungen Russlands und Nordkoreas wird vorgeworfen, Kinder aus der Ukraine zu entführen und sie militärisch für eigene Zwecke zu nutzen: die Vertiefung der Beziehungen zwischen Moskau und Pjöngjang. Die tragischsten Opfer von Kriegen, so wird oft betont, sind die Kinder aus dem jeweiligen Konfliktgebiet. Schließlich trifft sie besonders wenig Schuld daran, dass ein Krieg ausgebrochen ist.

Mit dem Trauma aber, immer wieder Bomben, Blut und Tod zu sehen, müssen sie trotzdem leben. Und wenn es besonders schlimm für sie kommt, werden sie auch noch zum Spielball des Konflikts, zum Beispiel als Entführungsopfer, wie im Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Im Dezember hat Kateryna Raschewska von der NGO „Regionales Zentrum für Menschenrechte der Ukraine“ (RCHR) über diese Praxis Zeugnis gegenüber dem US-Kongress abgelegt. Zuletzt seien demnach Kinder aus der Ukraine nicht etwa ins benachbarte und angreifende Russland verschleppt, sondern auf das Territorium eines weiteren, viel weiter entfernten Staats gebracht worden, der de facto ebenso gegen die Ukraine Krieg führt: Nordkorea.

Konkret geht es hierbei laut RCHR um bisher zwei Minderjährige. Neben einem zwölfjährigen Kind namens Misha, das eigentlich aus der von Russland besetzten Region Donezk kommt, geht es um die 16-jährige Liza aus Simferopol von der russisch annektierten Krim. Beide seien ins Camp Songdowon an der nordkoreanischen Ostküste geschickt worden. Seither wird darüber spekuliert, warum die Kinder dort gelandet sind.

Dass Russlands Militär Kinder aus der Ukraine verschleppt, ist an sich nicht neu. Dies war schließlich auch der Hintergrund, vor dem der Internationale Strafgerichtshof im Frühjahr 2023 – rund ein Jahr nach Beginn des aktuellen Angriffs auf die Ukraine – gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin sowie dessen Kinderschutzbeauftragte Haftbefehl erließ.

Laut Angaben der ukrainischen Regierung hat Russland schon mehr als 19.500 Kinder aus der Ukraine entführt – um diese gegen die Ukraine zu indoktrinieren. Dass Minderjährige nun bis nach Nordkorea geschickt werden, hat nach Einschätzung von Kateryna Raschewska militärische Gründe, wie sie gegenüber der Deutschen Welle erklärt hat: Die Kinder würden politisch indoktriniert und in diese Richtung auch militarisiert.

Beobachter, die Songdowon in früheren Jahren besucht haben, berichten von einem Freizeitgelände, das von Propaganda für die Nordkorea regierende Kim-Familie sowie antikapitalistischen Botschaften durchtränkt sei. Botschaften, die sich gegen liberale Gesellschaften wie jene in Europa richten, die Ukraine eingeschlossen, sind zwischen den Regierungen von Russland und Nordkorea Konsens.

Seit dem neuerlichen Angriff auf die Ukraine ab 2022 haben sich die Regierungschefs von Moskau und Pjöngjang diplomatisch einander angenähert. Denn beide Staaten sind nunmehr von schweren internationalen Sanktionen betroffen, haben mittlerweile aber einen Verteidigungspakt.

Nordkorea unterstützt Russlands Krieg außerdem mit Soldaten und Munition, während Russland Militärtechnologie, Lebensmittel und Treibstoff bereitgestellt haben könnte. Die Kooperation ergibt für beide Seiten auch deshalb Sinn, weil eine enge Partnerschaft schon während des Kalten Kriegs bestand, mit Russlands Vorgängerstaat, der Sowjetunion.

Unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion litt auch Nordkorea stark, da damit ein wichtiger Handelspartner wegbrach. Nun kann Nordkorea – trotz seiner argen Menschenrechtsverletzungen, der wiederholten Raketentests und seines international sanktionierten Atomprogramms – wieder auf einen Partner zählen, der auch zu dieser Partnerschaft steht.

Diktator Kim Jong-un und Russlands autoritärer Präsident Wladimir Putin haben sich zuletzt mehrfach getroffen. Für Nordkorea ist diese Allianz nicht nur von handelspolitischer und militärischer Bedeutung, sondern sie markiert auch einen großen Imagegewinn für Kim. Welche Rolle aber spielen aus der Ukraine entführte Kinder?

Von „Kinderdiplomatie“ ist die Rede: In von Russland besetzten Gebieten sollen Kinder den Idealen der russischen Regierung entsprechend umerzogen werden. Dies soll dort besser gelingen, wo Kinder ihrer bisherigen Umgebung entrissen und wenigen Aufsichtspersonen ausgeliefert sind – wie etwa in einem Ferienlager.

Die Kinder Misha und Liza sollen schon vor ihrem Transport nach Nordkorea in russischen paramilitärischen Organisationen aktiv gewesen sein. Eine Reise nach Songdowon soll hier wiederum, so bewerten es mehrere Beobachter, als eine Art Belohnung für bereits erfolgreich indoktrinierte Jugendliche dienen.

So sagt auch Vladimir Tikhonov, Koreanistikprofessor an der Universität Oslo, gebürtiger Sowjetbürger und heutiger Südkoreaner: „Das Ferienlager Songdowon gibt es seit vielen Jahrzehnten. Es war unter Kindern aus der Sowjetunion und dem Ostblock als beliebter und angenehmer Urlaubsort bekannt. Auch in jüngeren Jahren schickten Eltern mit starker Sowjet-Nostalgie ihre Kinder dorthin.“

Den Vorwurf, die nach Songdowon geschickten Kinder erhielten dort militärisches Training, will Tikhonov entschärfen: „Da kann keine militärische Ausbildung stattfinden – es handelt sich um ein Sommerferienlager! Aber manche Spiele sind durchaus militaristisch und antiamerikanisch, das stimmt schon.“ Tikhonov geht zudem davon aus, dass die meisten Kinder, die dorthin gebracht werden, zuvor in Waisenheime in Ostrussland platziert wurden. „Das ergäbe Sinn wegen der geografischen Nähe.“

Für Nordkorea wiederum bedeuten Kinder, die aus dem Ausland kommen, zunächst eine weitere Einnahmequelle. „Der Aufenthalt in Songdowon ist immer ziemlich teuer gewesen“, so Vladimir Tikhonov. Und sofern die Propagandaerzählungen vor Ort bei den Minderjährigen haften bleiben, könnten ein paar neue Quasi-Botschafter Nordkoreas geboren sein – von denen es bisher kaum welche gibt.

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