Osnabrück Möser-Medaille: Osnabrück ehrt Michael Grünberg mit der höchsten Auszeichnung
Die Stadt Osnabrück hat den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Michael Grünberg, mit der Möser-Medaille ausgezeichnet. Es ist die höchste Auszeichnung, die die Stadt vergibt. Grünberg (70) nimmt die Ehrung – bei aller Bescheidenheit – gerne an, denn sie bietet ihm die Chance, dass er mit einer ihm wichtigen Botschaft Gehör findet.
Michael Grünberg will unbequem sein. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Osnabrück nutzt gern die Momente der öffentlichen Aufmerksamkeit, um Stellung zu beziehen und das Befinden der jüdischen Gemeinschaft zu beschreiben. Und das Befinden ist aktuell nicht gut angesichts eines wachsenden Antisemitismus’ und immer lauter werdender Rechtsextremisten in Deutschland.
Die Verleihung der Möser-Medaille ist so eine Gelegenheit, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Stadt ehrt mit ihrer höchsten Auszeichnung einen Mann, der seit fast drei Jahrzehnten der jüdischen Gemeinde vorsteht und sich um das Miteinander in der Stadt verdient gemacht hat. Grünberg habe entscheidend mitgewirkt, rund 1000 neue Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion zu integrieren und den hierdurch notwendig gewordenen Umbau der Synagoge begleitet, heißt es zur Begründung im Ratsbeschluss.
Die Möser-Medaille, die im Vorjahr der ehemalige Oberbürgermeister und heutige Verteidigungsminister Boris Pistorius erhalten hatte, wurde Grünberg am Handgiftentag im Friedenssaal verliehen. Wir haben uns ein paar Tage zuvor mit dem gebürtigen Emsländer in der Synagoge getroffen und ihn gefragt: Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Wer Grünberg kennt, weiß, dass er selbst gar nicht so gerne im Mittelpunkt steht. Ja, er stellt sich in die Mitte, wenn es um jüdisches Leben in Deutschland geht, um berechtigte Anliegen seiner Gemeinde, um den Austausch zwischen den Religionsgemeinschaften, um die Lehren aus dem Holocaust. Aber wenn sich alles um seine Person dreht, dann holt er lieber andere mit in die Mitte. „Ich bin nur ein Glied in der Kette“, sagt er. Die Ehrung gelte nicht ihm, sondern dem Wirken aller, die sich in der jüdischen Gemeinde engagieren.
Michael Grünberg stammt aus Sögel im Emsland, wo bis zur Shoa 18 jüdische Familien lebten. Mit rund 100 Mitgliedern bildete Sögel die größte jüdische Gemeinde im Emsland. 68 von ihnen kamen im Rassenwahn der Nazis um. Der Massenmord an den Juden ist Teil von Grünbergs Familiengeschichte, er ist allgegenwärtig. Sein Großvater, seine Großmutter und zwei ihrer drei Kinder überlebten Buchenwald, das Ghetto Riga und Auschwitz nicht.
Sein Vater Louis entkam den mörderischen Bedingungen im Ghetto von Riga. Er kehrte nach dem Krieg nach Sögel zurück und baute das Geschäft mit dem Viehhandel wieder auf. Auch Michael Grünberg stieg in den Viehhandel ein, ehe er 2014 den Betrieb verkaufte, mit seiner Familie nach Osnabrück umzog und sich ganz dem Gedeihen der jüdischen Gemeinde widmete.
Der Vorsitz der jüdischen Gemeinde ist ein Ehrenamt. Im Alltag ist er eine Vollzeitbeschäftigung. Die jüdische Gemeinde ist in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion auf über 1000 Mitglieder gewachsen. Viele Gemeindemitglieder leben weit außerhalb der Stadt, auch im Emsland.
Jude zu sein, das war damals in seiner Kindheit und Jugend in Sögel „etwas ganz Normales“, sagt Grünberg. Er besuchte den katholischen Kindergarten, ging ganz normal zur Grundschule. Nur samstags nicht: Am Sabbat war für ihn schulfrei. „Das war aber alles gar kein Problem“, sagt Grünberg.
Heute ist es nach seiner Wahrnehmung anders. Heute wagen es immer mehr Menschen nicht, ihren jüdischen Glauben offen zu zeigen: eine Kippah zu tragen oder einen Davidstern an einer Halskette. „Es macht mich traurig, wenn ich höre, dass sich Juden in Berlin nicht mehr trauen, mit einem Taxi zu fahren.“ Antisemitismus müsse sich nicht mehr verstecken.
In Osnabrück fühlt sich Grünberg sicher. Er sei persönlich weder hier noch sonst irgendwo antisemitisch angefeindet worden. Aber trotzdem: Es wachse bei ihm und bei vielen Gemeindemitgliedern ein ungutes Gefühl, seit die AfD sich anschickt, nach der Macht zu greifen.
Es macht ihm Sorgen, dass die Mehrheitsgesellschaft nach seinem Empfinden stumm zuschaut. Deutschland drohe, seine Demokratie zu verlieren. Gewiss, man müsse bei historischen Vergleichen immer genau hinsehen, schränkt er ein. Aber was Deutschland zurzeit erlebe, erinnere ihn an die Entwicklungen in den Jahren 1929 bis 1933. Wieder gebe es einen radikal rechten Teil in der Bevölkerung und einen großen gemäßigten. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 habe der radikale Teil schnell überhandgenommen. Das dürfe sich nicht wiederholen, so Grünberg: „Wir kennen das Ergebnis.“