Bad Iburg  Vergewaltigung und Fleischskandal: Was zwei schwere Verbrechen im Südkreis verbindet

Dr. Stefanie Adomeit
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Von Dr. Stefanie Adomeit
| 07.01.2026 12:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Schlachthof in Bad Iburg, eine Fachklinik in Bad Rothenfelde: Beide waren Tatorte schwerer Verbrechen, die Gerichte in der Region 2025 aufarbeiten mussten. Foto: Jörn Martens/Anke Schneider/Montage: Stefanie Adomeit
Ein Schlachthof in Bad Iburg, eine Fachklinik in Bad Rothenfelde: Beide waren Tatorte schwerer Verbrechen, die Gerichte in der Region 2025 aufarbeiten mussten. Foto: Jörn Martens/Anke Schneider/Montage: Stefanie Adomeit
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Ein Bad Rothenfelder Klinikarzt vergewaltigt ein Mädchen. In einem Bad Iburger Schlachthof werden Tiere gequält, mit ihrem Fleisch Verbraucher gefährdet. Was können diese Verbrechen, deren Aufarbeitung das Osnabrücker Land 2025 erschüttert hat, schon gemeinsam haben? Zunächst nichts – am Ende Entscheidendes.

Der Arzt, der in der Bad Rothenfelder Schüchtermann-Klinik eine 14-Jährige vergewaltigte, hat seine gut vierjährige Haftstrafe angetreten. Nach knapp drei Jahren dürfte er bei guter Führung wieder freikommen. Von den Verantwortlichen für den Schlachthof Bad Iburg dagegen wandert keiner ins Gefängnis, selbst der Betreiber kommt zum zweiten Mal mit einer Bewährungsstrafe davon. Dennoch haben beide Verbrechen eine Gemeinsamkeit.

Die skrupellose Tat, die der Osnabrücker Mediziner bis zum Schluss des Verfahrens vor dem Landgericht abstritt und für die er keine Reue zeigte, machte 2025 nicht nur die Menschen im Südkreis fassungslos. Er erregte bundesweit Aufsehen. Ein Grund dafür ist die ungewöhnliche Konstellation: Ein damals 55 Jahre alter Herzspezialist missbraucht im Dezember 2023 – in seiner Dienstzeit in seinem Arztzimmer – ein 14-jähriges Mädchen, das nicht seine Patientin ist.

Es war ein klassischer Fall von Cybergrooming. Der Arzt hatte das Mädchen in einem Internet-Chat kennengelernt, holte es am Osnabrücker Bahnhof ab und schmuggelte es in die Klinik. Dort vergewaltigte und quälte er es über Stunden. Dazwischen telefonierte der Oberarzt mit Schwestern der Klinik, rauchte vor der Tür.

Seine Tat war geplant: Für eine Infusion, die er seiner Frau legen wolle, brauche er Klebeband, hatte er zuvor einer Krankenschwester erzählt und sie auf die Suche nach einem besonders stabilen Band losgeschickt. Eine Lüge, wie sich herausstellte. Seine Liege hatte er mit einer Kunststoffunterlage ausgestattet, dem Mädchen, das ihn immer wieder bat, mit dem Missbrauch aufzuhören, bot er ein Betäubungsspray an, fixierte es durch sein Gewicht. Am Ende warf der Mann, der niedere Arbeiten ansonsten gern Untergebenen überließ, das benutzte Bettzeug selbst in einen Wäschecontainer und bezog die Liege frisch.

Bis zum Prozessende entschuldigte sich der vierfache Vater nicht bei seinem schwer traumatisierten Opfer. Behauptete, der Kontakt sei einvernehmlich gewesen, eine Vergewaltigung habe es nicht gegeben. Sein Frauenbild: offenbar sehr speziell. Fühlte er sich nicht genügend gewürdigt oder gar bloßgestellt, konnte der Mann am Arbeitsplatz schon mal aggressiv werden. „Er hielt mir die geballte Faust direkt vors Gesicht, sein Speichel spritzte mir ins Gesicht“, erzählte eine Krankenschwester im Gericht.

Ohne die innere Stärke des jungen Mädchens, das den Arzt noch am Tattag anzeigte, wäre dieses Verbrechen nie geahndet worden. Dafür musste sich das Mädchen untersuchen lassen, im Gerichtssaal mit seinem Peiniger im Rücken von den Stunden im Arztzimmer erzählen, es wurde in der Schule gemobbt und verleumdet. Zweimal versuchte die Verteidigung, das Verfahren gegen eine Zahlung zur Einstellung zu bringen. Als das Mädchen ablehnte, erklärte es der Verteidiger zu einer psychisch kranken Lügnerin.

Doch es gibt eine Vorgeschichte: Denn im Klinikalltag hatte der Täter kein Hehl aus seiner sexuellen Vorliebe für kindlich wirkende pubertierende Mädchen gemacht, am liebsten seien sie ihm blond, erzählte er Kollegen. Die 20 Jahre jüngere Ehefrau? Viel zu alt, haha. Treue hielt er für überbewertet. Seine Einstellung und sein Verhalten gegenüber Frauen: bedenklich. Auch dass es Übergriffe auf jüngere Mitarbeiterinnen gegeben haben soll, erzählen Klinikmitarbeiter. Manche machen sich Vorwürfe, dass sie nicht eingriffen. Denn Konsequenzen gab es in der renommierten Fachklinik augenscheinlich nicht. Es fehlte wohl an sozialer Kontrolle, vielleicht auch an Zivilcourage.

Der 55-Jährige war halt ein guter Oberarzt, arbeitete fast 30 Jahre in der Klinik und stand in der Hierarchie weit oben. Damit ist dieser Missbrauchsfall wohl auch ein wenig Teil eines systemischen Versagens. Was nicht heißen soll, dass die Vergewaltigung bei einem früheren Eingreifen von Vorgesetzten oder Kollegen nicht stattgefunden hätte. Weggucken, Schweigen, Ignorieren allerdings hemmt sicher nicht. Offensichtlich fühlte sich der Mediziner an seinem Arbeitsplatz sicher genug, um seinen Nimbus als Klinikarzt gegenüber der 14-Jährigen auszuspielen.

Damit weist dieses Verbrechen eine erstaunliche Parallele zu einem anderen entsetzlichen Kriminalfall auf, der sich nur wenige Kilometer entfernt ereignete, in einem völlig anderen Umfeld, einem anderen Zeitraum, einem ganz anderen Milieu.

Tatort war hier der Schlachthof Bad Iburg, in dem die Betreiber ein grausames System installiert hatten, das Lebewesen als pure Ware ansah, an dem sich Landwirte, Viehtransporteure, Tierärzte, Schlachter und Schlachthof-Betreiber beteiligten und gegenseitig schützten. Weil alle wegschauten, mitmachten und am Ende auch das Kontrollsystem des Landkreises versagte, funktionierte die wortwörtliche Cashcow bestens. Tatsächlich hatte der Amtsveterinär bei seinen Kontrollen im Schlachthof kaum etwas zu bemängeln. Was daran liegen könnte, dass die Überprüfungen erst nach der morgendlichen Schlachtzeit stattfanden.

So will niemand bemerkt haben, dass hier kranke und verletzte Tiere ohne Betäubung mit Tritten, Schlägen und Elektrostößen und einer Eisenkette am Bein in den Schlachthof gezerrt wurden. Ihr Fleisch wurde günstig verhökert, trotzdem erzielte der Betrieb 2018 einen illegalen Gewinn von 240.000 Euro – in sechs Wochen. Hochgerechnet war die „Resterampe für kranke Rinder“, so das Gericht über die Schlachtbude, eine veritable Gelddruckmaschine.

Was auf diesem Schlachthof überhaupt regelgerecht ablief? Man muss schon danach suchen. Dokumente über krank angelieferte Tieren gab es nicht, genauso wenig wie die vorgeschriebene Lebendschau der Rinder. Auch bakteriologische Fleischuntersuchungen fanden nicht statt. Warum auch? Es lief doch alles bestens. Nur nicht für die Tiere. Und für die Verbraucher.

2025 stand der Betreiber des Schlachthofs zum zweiten Mal vor Gericht. Wie 2023, als er sich wegen Tierqual verantworten musste, verließ er den Gerichtssaal auch dieses Mal mit einer Bewährungsstrafe. Wegen illegaler Fleischgeschäfte und damit schweren gewerbsmäßigen Betrugs wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten verurteilt. Reue zeigte er – wie der Klinikarzt – nicht, auch ein Unrechtsbewusstsein war nicht zu erkennen.

Inzwischen gab es über 50 Gerichtsverfahren, gegen Mitarbeiter, Tierärzte, Viehhändler und Transportfahrer. Keiner von ihnen hatte im Betrieb aufbegehrt, gegen die Behandlung der Tiere im Schlachthof protestiert, sich über die fehlende Lebendschau der Rinder gewundert. Keiner ging zur Polizei. Haltung, Mut oder Mitgefühl? Sie fanden nicht statt.

Die juristische Aufarbeitung des kriminellen Schlachthofs ist noch nicht vorbei. Im Frühjahr soll eine weitere Hauptverhandlung gegen die zwei amtlich bestellten Tierärzte beginnen, die damals mit der Überwachung der Tiere und des Fleisches beauftragt waren.

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