Osnabrück Wenn der Chef zum Gejagten wird: Osnabrücker Neujahrskonzert glänzt mit Humor
Seit einem halben Jahr ist Christopher Lichtenstein neuer Generalmusikdirektor am Theater Osnabrück. Jetzt gab er hier sein Debüt als Dirigent des traditionellen Neujahrskonzerts. Dem Publikum gefiel offenbar sein Dirigat, aber auch die Art, wie er das Programm präsentierte und mit dem Publikum kommunizierte.
Er ist kein Fußballfan, er gibt zu, dass er ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis hat und vor allem: Humor. Das stellte Christopher Lichtenstein in der Osnabrück-Halle unter Beweis. Er ist der neue Generalmusikdirektor des Theaters und dirigierte zum ersten Mal das traditionelle Neujahrskonzert. Das Publikum kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Da pirschte plötzlich ein Jäger mit einem Schießgewehr durch die Orchesterreihen, dann stellte der Dirigent Quizfragen an das Publikum und zur Zugabe durfte eine Zuschauerin auf das Dirigentenpodest.
Unter dem Motto „Blumen und Sträuße“ stand der Konzertabend und damit war klar, dass man auf jeden Fall einige Walzer zu hören bekommen sollte. Das erfuhr man denn auch von dem „Neuen“ persönlich, denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der das Neujahrskonzert stets von Klaus Wallenhorst moderieren ließ, richtete Lichtenstein selbst das Wort an seine Zuhörer. Er stellte den Zusammenhang zwischen der emotionalen Kraft von Blumen und Musik her. Spürbar wurde das sofort zu Beginn: „Rosen aus dem Süden“ wurde intoniert, von Johann Strauss, dem Sohn.
„Es ist erstaunlich, welch intensiven Draht der Dirigent in der kurzen Zeit, in der er in Osnabrück ist, zu dem Orchester aufgebaut hat“, erklärte Thomas Gerdiken, der schon zum fünften Mal das Jahr mit einem Konzert der Osnabrücker Sinfoniker startete. Tatsächlich erwies sich der Klangkörper als gut aufeinander eingestellt und fein abgestimmt.
Dass Lichtenstein Humor hat, zeigte er zu Beginn der Polka „Auf der Jagd“. Da setzte er sich ein Gehörn auf den Kopf und machte sich während des Stücks zum Ziel seines Perkussionisten, der mit einem Gewehr daherschlich. Das „Perpetuum Mobile“ ließ er schließlich mit Strauss´ Worten „und so weiter und so weiter“ mittendrin ausklingen, weil der Komponist seinerzeit offenbar vermeiden wollte, dass bei den ständigen motivischen Wiederholungen bis zum Umfallen getanzt wurde. Ein „musikalischer Scherz“, der seine Wirkung auch in im Europasaal der Osnabrück-Halle nicht verfehlte.
Weiter ging es mit romantischen Tönen von Léo Delibes. Das Blumenduett aus „Lakmé“ führte das Publikum nach Indien. Das wundervoll exotische Gesangsmotiv wurde hier allerdings von den Instrumenten übernommen. „Lichtenstein macht einen hervorragenden Job. Ich habe bei den Neujahrskonzerten immer ein Opernglas dabei, damit ich die Gestik und Mimik des Dirigenten genau beobachten kann“, erklärte in der Pause Michael aus Bad Essen. Er ist zum zehnten Mal in einem Neujahrskonzert, hatte sich an GMD Hotz gewöhnt, war jetzt aber auch sehr zufrieden.
Seine Frau Margret bezeichnete Lichtenstein als präzise und sehr humorvoll. Derweil kommentierte Karin aus Melle-Buer: „Ich bin angenehm überrascht und honoriere, dass er sich so viel Arbeit mit der Moderation gemacht hat.“
Heiteres, Wehmütiges und Komplexes von Johann, Josef und Richard Strauss hatte der Dirigent im Programm, aber auch seinem Lieblingskomponisten Edward Elgar widmete er eine Komposition. Mit „Rosemary“ zeigte er, dass nicht nur Blumen, sondern auch Heilkräuter in seinen „Sträußen“ von Bedeutung sind. Musikalisch besonders reizvoll wurde es mit einer Filmmusik. Nigel Hess hatte 2004 den Soundtrack zum Film „Der Duft von Lavendel“ geschrieben. Der Titeltrack wurde jetzt zu einem Höhepunkt des Abends. Das feinfühlig spielende Orchester und das außergewöhnliche starke Violinensolo von Michal Majersky bescherte den Musikern Sonderapplaus und Bravorufe.
Mit einem Quiz, bei dem man Tickets für kommende Sinfoniekonzerte gewinnen konnte, warb Lichtenstein schließlich für sein Orchester. Mit Bezug zum Motto des Abends fragte er beispielsweise nach dem Namen der einzigen Rose, die in Osnabrück gezüchtet wurde? Und dann machte sich der Dirigent, der die Nähe zum Publikum suchte, auf die Suche nach einem Menschen, der noch „geltungsbedürftiger“ als er selbst sei, um sich auf das Dirigentenpodest zu schwingen. Anastasie meldete sich und dirigierte den „Radetzky-Marsch“ als Zugabe.
Julia Wesseler, die seit fünf Jahren zusammen mit ihrem Freund Kevin Trost ihre Oma ins Neujahrskonzert entführt, war nach dem Konzert begeistert: „Lichtenstein ist jünger, moderner und lockerer als sein Vorgänger. Das mögen wir.“ Der Meinung waren denn auch die anderen Zuschauer in der ausverkauften Halle. Es gab lang anhaltende, stehende Ovationen.