Osnabrück  Osnabrücker Studie: Warum Menschen trotz Warnungen Hochwasser unterschätzen

Karin C. Punghorst
|
Von Karin C. Punghorst
| 04.01.2026 16:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Land unter in Osnabrück im Jahr 2010: Hase und wie hier die Düte in Sutthausen traten über die Ufer. Wegen des Jahrhunderthochwassers in Osnabrück wurde damals Katastrophenalarm ausgelöst. Foto: Gert Westdörp
Land unter in Osnabrück im Jahr 2010: Hase und wie hier die Düte in Sutthausen traten über die Ufer. Wegen des Jahrhunderthochwassers in Osnabrück wurde damals Katastrophenalarm ausgelöst. Foto: Gert Westdörp
Artikel teilen:

Vom Ahrtal bis zum Osnabrücker Land: Technik allein rettet bei Fluten keine Leben. Eine neue Studie der Universität Osnabrück erklärt, warum wir trotz präziser Warnungen oft auf „Durchzug“ stellen und was wir daraus lernen müssen.

Die App warnt, der Himmel verdunkelt sich – doch statt Vorbereitungen zu treffen, überwiegt der Gedanke: „Es wird schon nicht so schlimm werden.“ Wer kennt ihn nicht, diesen Reflex, am besten noch zusammen mit dem Vorwurf an die Meteorologen, mal wieder zu übertreiben mit den Warnungen vor Starkregen und Hochwasser.

Ob per Push-Nachricht des Deutschen Wetterdienstes (DWD) oder über klassische Medien: Die Information über drohende Gefahren wie Sturmböen und Starkregen erreicht uns. Wäre es nicht logisch, sich in so einem Moment in Sicherheit zu bringen? Warum ignorieren wir Hochwasserwarnungen, selbst wenn die Gefahr vor der eigenen Haustür liegt? Eine aktuelle Studie der Universität Osnabrück deckt auf, wieso unsere Erfahrung zur gefährlichen Falle werden kann und warum wir lernen müssen, die Realität durch eine neue Brille zu sehen.

Warum stellen wir bei Gefahrmeldungen auf „Durchzug“? Dieser Frage sind Britta Höllermann, habilitierte Professorin am Institut für Geographie der Universität Osnabrück, und Anna Heidenreich, Doktorin am Weizenbaum-Institut in Berlin, wissenschaftlich auf den Grund gegangen.

Die beiden Wissenschaftlerinnen zeigen am Beispiel der Flutkatastrophe im Sommer 2021 im Ahrtal auf, dass präzise Vorhersagen und technische Prognosen allein nicht ausreichen, um eine drohende Katastrophe als solche zu erkennen und Menschen zum Handeln zu bewegen. Das Problem: Unser Gehirn nutzt die Vergangenheit als falschen Maßstab für die Zukunft.

Bis zum Ahrtal müssen die Osnabrücker aber gar nicht schauen. Auch in Osnabrück und umzu hat es in der Vergangenheit immer wieder Hochwasser, historische Dammbrüche und heftige Regenfälle gegeben. Ende August 2010 erlebte Osnabrück ein Jahrhunderthochwasser. Der damalige Oberbürgermeister Boris Pistorius und jetzige Bundesverteidigungsminister rief den Katastrophenalarm aus. Tausende Helfer waren im Einsatz, als die Pegel von Hase, Düte und des Belmer Baches dreimal höher lagen als üblich.

Die Analyse macht indes deutlich, dass viele Betroffene ihre Entscheidungen an früheren Erfahrungen ausrichten, etwa an weniger schweren Hochwassern oder Warnungen, die keine gravierenden Folgen hatten. Diese Orientierung an Bekanntem könne in Ausnahmesituationen zu einer trügerischen Sicherheit führen, so die Forscherinnen. Das tatsächlich mögliche Ausmaß eines extremen Wettereignisses werde unterschätzt.

Hinzu komme ein starkes Vertrauen in bestehende Schutzmaßnahmen und in das Eingreifen staatlicher Institutionen, wodurch Risiken unterschätzt würden. Auch das eigene Handeln – die individuelle Vorsorge – würde so ausgeblendet.

„Nicht die Unsicherheit selbst ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr“, wird Höllermann in einer Pressemeldung der Universität Osnabrück zitiert, konkret: „Wenn Warnungen keine Vorstellung davon vermitteln, wie gravierend ein Ereignis tatsächlich werden kann, bleiben sie für viele abstrakt und führen nicht zu konsequentem Handeln.“

Die Studie ist in Englisch verfasst und erfährt internationale Beachtung, unter anderem durch das UNDRR – das Büro der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Katastrophenrisiken. Zur wissenschaftlichen Einordnung des individuellen und auch gesellschaftlichen Verhaltens verwenden die beiden Wissenschaftlerinnen die englische Beschreibung „Uncertainty Lens Framework“ – ein Modell, das wie eine „Unsicherheits-Brille“ verdeutlicht, wie unsere persönliche Wahrnehmung darüber entscheidet, ob wir eine Warnung ernst nehmen oder nicht.

Die Studie plädiert daher für eine offenere und verständlichere Kommunikation von Unsicherheiten in der Hochwasservorsorge und im Katastrophenfall. Höllermann: „Nur wenn Restrisiken klar benannt und Verantwortlichkeiten transparent gemacht werden, können Gesellschaft und Individuen besser auf zunehmend häufigere und unvorhersehbare Extremereignisse reagieren.“

Ähnliche Artikel