Osnabrück Mangel an Pflegefamilien: So schwierig ist es für Osnabrück, gefährdete Kleinkinder zu vermitteln
Pflegeeltern schenken traumatisierten Kleinkindern Geborgenheit – doch es gibt in Osnabrück zu wenige von ihnen. Gerade Kinder mit Behinderung sind schwer zu vermitteln. Der Bedarf wächst. So geht die Stadt damit um.
Die Situation in der Osnabrücker Inobhutnahme ist seit Jahren fragil. Bislang habe noch keine Jugendamtsmitarbeiterin ein Kind mangels Alternative mit nach Hause nehmen müssen, sagt Wolfgang Ruthemeier, Leiter des Fachdienstes Familie – Sozialer Dienst. Aber in manchen Fällen sei es wahnsinnig schwer, für kleine Kinder, denen zu Hause Gefahr droht, eine Pflegefamilie zu finden.
Eigentlich möchte die Stadt Kinder frühestens ab dem Alter von sechs Jahren in Wohngruppen mit wechselnden sozialpädagogischen Kräften unterbringen, aber längst ist eine Kleinkindgruppe für Drei- bis Sechsjährige bei der katholischen Jugendhilfe Don Bosco auf dem Sonnenhügel unverzichtbar geworden. Die Stadt braucht alle Bereitschaftspflegefamilien schon für die unter Dreijährigen.
Diese Familien nehmen kleine Kinder übergangsweise bei sich auf, bis die Stadt für sie eine Dauerlösung gefunden hat – das kann eine Vollzeitpflegefamilie sein oder auch die Rückkehr zu den leiblichen Eltern, wenn sich deren Lebenssituation stabilisiert hat.
Es dauere fast ein Jahr, bis eine neue Bereitschaftspflegefamilie bereit sei, das erste Kind aufzunehmen, erläutern Schölzel und Ruthemeier. Auch ältere Menschen – sofern sie fit sind – können Pflegekinder aufnehmen. „Eine gute Vorbereitung ist wichtig, damit es auch dauerhaft gut läuft“, betont Henrike Fuest, Teamleiterin im Pflegekinderdienst der Stadt.
Die Stadt hat wegen des steigenden Bedarfs auch externe Träger wie den Internationalen Bund ins Boot geholt. Die Kinderschutz-Zuständigkeit liegt dabei weiter bei der Stadt. „Wir sind regelmäßig vor Ort“, sagen Ruthemeier und Co-Fachdienstleiterin Andrea Schölzel. 13 Bereitschaftspflegefamilien betreut der städtische Adoptions- und Pflegekinderdienst auch selbst.
Doch immer wieder gibt es Engpässe. Es gebe insbesondere zu wenige Bereitschaftspflegefamilien, die auch Kinder mit Behinderung aufnehmen, sagen Ruthemeier und Fuest. Sie sagen das ohne Vorwurf. Denn die Arbeit der Bereitschaftspflegefamilien ist auch so schon anspruchsvoll genug.
Sie geben Kindern ein Zuhause auf Zeit. Kindern, die unter den Folgen von Alkohol- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft leiden, die Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben. Es gibt Babys, die nachts immer wach sind, weil ihre leibliche Mutter während der Schwangerschaft als Prostituierte tätig war.
Die Pflegeeltern müssen mit den Kindern zig Termine wahrnehmen: ein- bis zweimal wöchentlich Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern, Arztbesuche, Physio- und Ergotherapie, Frühförderung, Familiengerichtstermine. Und ständig komme jemand zu Besuch, zählt Henrike Fuest auf: Jugendamt, Gutachter, Vormund.
Wer mit Bereitschaftspflegeeltern spricht, erfährt aber, dass sie all das bereitwillig auf sich nehmen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, diesen kleinen Kindern, die so früh schon viel mitgemacht haben, ganz viel Geborgenheit und Liebe zu geben. Sie lassen sich ganz auf die Kinder ein – und lassen sie nach einigen Monaten wieder gehen.
Oft dauert es allerdings ein Jahr, bis die Stadt eine Dauerlösung gefunden hat. Denn auch Vollzeitpflegefamilien fehlen in Osnabrück. Das Problem in der Bereitschaftspflege, die ja nur eine Übergangsstation sein soll: „Je länger die Kinder da sind, desto schwieriger wird es, die Bindung wieder zu lösen“, sagt Henrike Fuest.
Und dann gibt es noch ein strukturelles Problem: Die Bereitschaftspflegefamilien bekommen lediglich einen Tagessatz fürs Kind. Obwohl die Tätigkeit eine parallele Erwerbstätigkeit eines Elternteils ausschließt, werden vom Staat keinerlei Rentenbeiträge gezahlt. „Das ist nicht in Ordnung“, sagt Wolfgang Ruthemeier und kritisiert: „Bereitschaftspflege wird als Berufung betrachtet und nicht als Beruf.“