Osnabrück  Tränen und Sorgen beim DRK Osnabrück: Was im Verband schiefgelaufen ist

Wilfried Hinrichs
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Von Wilfried Hinrichs
| 01.01.2026 06:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt hat kurz vor Weihnachten Insolvenzantrag gestellt. Mitarbeiter sind verunsichert, die Zukunft des Vereins ist ungewiss. Foto: Swaantje Hehmann
Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt hat kurz vor Weihnachten Insolvenzantrag gestellt. Mitarbeiter sind verunsichert, die Zukunft des Vereins ist ungewiss. Foto: Swaantje Hehmann
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Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt ist pleite. Der Verein steckt im vorläufigen Insolvenzverfahren. Während Vorstand und Insolvenzverwalter weiter versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen, fließen bei Mitarbeitern Tränen. Das ist der Sachstand.

Böse Nachrichten so kurz vor Weihnachten: Zwei Tage vor Heiligabend sind die Mitarbeiter des DRK-Kreisverbandes Osnabrück-Stadt in einer Betriebsversammlung über das vorläufige Insolvenzverfahren informiert worden. Es seien Tränen geflossen, heißt es. Die Verunsicherung sei groß unter den 34 Beschäftigten. Auch die Ehrenamtlichen und Mitglieder schauen irritiert auf das, was der geschasste Geschäftsführer hinterlassen hat.

Immerhin gibt es zum Jahreswechsel eine beruhigende Nachricht für die Beschäftigten: Das Insolvenzausfallgeld ist gesichert. Das heißt, die Arbeitsagentur übernimmt die Lohnkosten für drei Monate. Die Dezemberlöhne werden in den ersten Januartagen ausgezahlt, wie der vorläufige Insolvenzverwalter Stephan Michels am Dienstag (30. Dezember 2025) mitteilte.

Vor der Betriebsversammlung hatten vor allem die ausstehenden Gehälter für Unsicherheit und Tränen gesorgt. „Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeitenden des DRK Osnabrück-Stadt dankbar für die Informationen in der Betriebsversammlung waren. Die Gesprächsatmosphäre war offen, sachlich und konstruktiv“, wird Rechtsanwalt Stephan Michels in einer schriftlichen Stellungnahme zitiert. Auch andere Teilnehmer bestätigten diesen Eindruck.

Der finanzielle Absturz des städtischen DRK-Verbandes hatte die Öffentlichkeit kurz vor den Feiertagen überrascht. Doch intern gab es offenbar schon länger Anzeichen, dass das Geschäft nicht rundläuft. Selbst der Einkauf von Toilettenpapier oder anderer Materialien für den Betriebsbedarf habe gestockt, weil der Ex-Geschäftsführer alles an sich gerissen habe. So schildern es Eingeweihte.

War der Ex-Chef mit dem Job überfordert und verlor irgendwann den Überblick? Oder handelte er vorsätzlich? Tatsache ist, dass der Vorstand am Tag der Insolvenzanmeldung Strafanzeige gegen den damaligen Geschäftsführer erstattet hat. Über die Vorwürfe spricht der Vorstand öffentlich nicht, um sich nicht angreifbar zu machen.

Tatsache ist auch, dass das Amtsgericht Osnabrück Mitte November eine Durchsuchung der DRK-Räume in Osnabrück veranlasst hatte. 14 Zollbeamte nahmen umfangreiche Unterlagen und Datenträger mit, die zurzeit noch ausgewertet werden. Der Vorwurf gegen den Ex-Geschäftsführer lautet: Verstoß gegen Melde-, Beitrags- und Aufzeichnungspflichten. In zwei Fällen zahlte das DRK Mitarbeitern weniger als den Mindestlohn. Der ausstehende Lohn wurde später nachgezahlt.

Die mutmaßlichen Ungereimtheiten reichen anscheinend weit zurück. Denn Grundlage der Durchsuchungsmaßnahmen waren Erkenntnisse aus einer Befragung von Beschäftigten in einem Corona-Testzentrum in Osnabrück im März 2022, wie der Zoll mitteilte. Weitere Details gibt der Zoll mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht preis.

Was wusste der ehrenamtliche Vorstand von diesen Vorgängen? Schatzmeister Paul Schneiderle, der den Kontakt zur Presse hält und vollständige Transparenz versprochen hat, ist bislang eine Antwort schuldig geblieben. Alle Versuche, zwischen den Feiertagen einen gemeinsamen Gesprächstermin mit Vorstand und Insolvenzverwalter zu finden, scheiterten. Ein detaillierter Fragenkatalog unserer Redaktion wurde am Dienstagabend mit einer allgemeinen Stellungnahme des Insolvenzverwalters beantwortet.

Die Fragen drehten sich zum Beispiel um das mutmaßlich gescheiterte Projekt der Tagespflege an der Lise-Meitner-Straße im Wohn- und Wissenschaftspark in Osnabrück. Die Tagespflege war erst nach größeren Umbauten und monatelanger Verspätung im Frühjahr 2025 eröffnet worden. Nur drei der 25 Plätze waren besetzt. Neun qualifizierte Mitarbeiter waren dafür eingestellt worden und mussten in der Wartezeit an anderer Stelle und zum Teil unter ihrer Qualifikation beschäftigt werden.

Anfang Dezember schloss die Heimaufsicht die Tagespflege, weil es nach der Freistellung von Geschäftsführer Mike Reil keine Heimleitung mit der dafür notwendigen Qualifikation mehr gab.

Reil war vom DRK-Vorstand Ende November freigestellt, dann am Donnerstag, 18. Dezember 2025, gefeuert worden. Auf Anfragen unserer Redaktion reagierte Reil bislang nicht. Trotz aller Vorwürfe und Verdächtigungen: Für den Ex-Geschäftsführer gilt die Unschuldsvermutung.

Für den Vorstand ist die Situation heikel. Die Vorstandsmitglieder sind ehrenamtlich für das DRK tätig. Sie könnten aber nach dem Vereinsrecht mit ihrem Privatvermögen für Versäumnisse des Kreisverbandes haftbar gemacht werden, wenn grob fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt wurde.

Der Vorsitzende Michael Schneider ist ein Vertrauter von Mike Reil. Die beiden hatten früher zusammen bei einer Osnabrücker Spedition gearbeitet. Vorstandssitzungen wurden oft als Videokonferenzen abgehalten. Dadurch habe es an Transparenz und Austausch untereinander gefehlt, heißt es aus internen DRK-Kreisen.

Es steht der Verdacht im Raum, dass der Ex-Geschäftsführer Gelder zwischen den Kreisverbänden Osnabrück und Melle verschoben hat, um Liquiditätslücken zu schließen. Einen Nachweis gibt es dafür bislang nicht. Auch der Insolvenzverwalter äußert sich zu dieser in DRK-Kreisen kolportierten Mutmaßung nicht.

Es scheint nicht leicht, die finanziellen Knoten zu entwirren. Rechtsanwalt Stephan Michels arbeite gemeinsam mit seinem Team daran, das bisherige Geschehen zu sortieren, heißt es in der Mitteilung vom Dienstag. Dazu gehörten „insbesondere vertragliche, organisatorische und finanzbuchhalterische Aspekte“. Die Ermittlungen würden mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

So bleibt auch die Frage, wie der Kreisverband in die Schieflage geraten ist, vorerst unbeantwortet: „Sicherlich haben Sie Verständnis dafür, dass der vorläufige Insolvenzverwalter während der laufenden Prüfung der finanziellen Lage keine Angaben zum Vereinsvermögen machen kann“, heißt es in der Stellungnahme.

Die Angebote des DRK Osnabrück-Stadt bleiben nach Michels‘ Worten zunächst in ihrem derzeitigen Umfang bestehen. Dazu gehören die Erste-Hilfe-Kurse, die in der Geschäftsstelle angeboten werden, ebenso wie der soziale Dienst, der Hilfe im häuslichen Umfeld leistet, und die Kreisbereitschaft, die bei Veranstaltungen und in Notsituationen zum Einsatz kommt. Der „Markt für alle“ in der Nähe des Hauptbahnhofs, in dem gespendete Kleidung, Deko-Artikel und Spielwaren zu günstigen Preisen verkauft werden, bleibt wie gewohnt geöffnet.

Wie unübersichtlich die Lage ist, zeigt sich an einem Detail, das die Mitarbeiter des sozialen Dienstes aber sehr beschäftigt. Weil die DRK-Tankkarten gesperrt sind, müssen die Beschäftigten die Dienstfahrzeuge auf eigene Kosten betanken. Der Insolvenzverwalter versichert: „Es ist klar festgelegt, dass die privat getätigten Auslagen vom DRK Osnabrück-Stadt in voller Höhe erstattet werden.“

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