Osnabrück  Joe Enochs vom VfL Osnabrück: Wenn wir die Chance auf den Aufstieg haben...

Malte Artmeier, Benjamin Kraus
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Von Malte Artmeier, Benjamin Kraus
| 01.01.2026 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Der Blick geht nach oben: Nach einer guten Hinrunde geht Joe Enochs vom VfL Osnabrück optimistisch ins neue Jahr. Foto: Michael Titgemeyer
Der Blick geht nach oben: Nach einer guten Hinrunde geht Joe Enochs vom VfL Osnabrück optimistisch ins neue Jahr. Foto: Michael Titgemeyer
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Nach der Hinserie in der 3. Liga zieht Joe Enochs Bilanz: Der Direktor Fußball des VfL Osnabrück spricht im Interview über die Leistungen der Lila-Weißen, den Transfer von Julian Kania, weitere Personalien - und er gibt Auskunft über die Aufstiegsambitionen des VfL.

Seit einem halben Jahr ist Joe Enochs zurück beim VfL Osnabrück. Der ehemalige Spieler und Trainer der Lila-Weißen zieht nun Bilanz zur Hinserie des VfL in der 3. Liga und seine neue Rolle als Direktor Fußball. Dazu bewertet der 54-Jährige den Transfer von Julian Kania, gibt weitere Einblicke in die Personalplanungen und die Aussichten der Osnabrücker in der Rückserie.

Frage: Herr Enochs, vor wenigen Tagen hat der VfL Osnabrück Julian Kania ausgeliehen. Was erhoffen Sie sich von ihm?

Antwort: Julian hat nachgewiesen, dass er in der 3. Liga Tore schießen, erfolgreich spielen und aufsteigen kann. Er hat für Bielefeld 14 Mal getroffen in der letzten Saison, das spricht für sich. Wir sind insgesamt mit unserer Mannschaft sehr zufrieden. Aber mit ihm ist ein Stürmer auf den Markt gekommen, der uns torgefährlicher und besser machen kann. Er ist im Rhythmus, war nie verletzt und ist einfach ein guter Spieler. 

Frage: Kania war in der 3. Liga heiß umworben...

Antwort: Wir waren frühzeitig an ihm dran. Bielefeld wollte im Angriff selbst etwas ändern und wir waren zum perfekten Zeitpunkt da. Manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben. Wenn wir nicht so frühzeitig geplant hätten, hätten wir bei Julian wahrscheinlich keine Chance gehabt.

Frage: Was macht ihn als Spielertypen aus?

Antwort: Die Abschlussqualität ist besonders. Er hat einen Abschluss mit dem rechten Fuß, der heraussticht. Wenn er im Strafraum ist, versucht er immer aufs Tor zu schießen. Wir sehen in den Statistiken, dass wir oft genug in den gegnerischen Strafraum kommen, dafür aber zu selten aufs Tor schießen. Da kann und wird er uns besser machen.

Frage: Also ein Transfer als direkte Antwort auf die Probleme der Hinserie?

Antwort: Wir sind die ganze Hinrunde in einem Prozess gewesen, der schneller vorangeschritten ist als wir gedacht haben. Bei den letzten beiden Niederlagen gegen Wehen Wiesbaden und Stuttgart II haben wir gesehen, wie oft wir nach vorne kommen und die Gegner dominieren, dann müssen wir die Spiele aber auch gewinnen. Dazu brauchen wir mehr Torgefahr und Durchschlagskraft. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Probleme, die wir haben, abstellen können. Grundsätzlich: Wenn mir jemand gesagt hätte, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt eine sehr stabile Abwehr haben, mehr Spiele gewinnen als verlieren und in der Tabelle so platziert sind, hätte ich dies sofort unterschrieben. 

Frage: Sie haben vor der Saison die Heimstärke als Ziel ausgegeben. Das ist bislang nicht so recht erreicht. Dafür läuft es auswärts umso besser. 

Antwort: An der Aussage lassen wir uns messen. Wir wollen heimstark sein und ich glaube, die Leistungen waren dementsprechend. Nur die Ergebnisse haben wir nicht gleichermaßen geholt. Aber es gehört zur Heimstärke, solche Spiele dann eben auf seine Seite zu ziehen. Also ja: Wir haben bislang das Ziel verfehlt, eine heimstarke Mannschaft zu sein. Bislang hatten wir ein einziges Heimspiel, das wir anhand der Daten ein bisschen glücklich gewonnen haben, das 3:1 gegen Aue. Die Frage ist: Will ich dominant spielen und verdient gewinnen oder glücklich gewinnen? Mir ist das erste natürlich lieber, am Ende ist es aber völlig egal. Die Hauptsache ist, unsere Fans mit Heimsiegen zu belohnen. 

Frage: Mit Julian Kania wird sich die Konkurrenzsituation in der Offensive erhöhen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Personal dort?

Antwort: Vielleicht nimmt Julian sogar ein bisschen Druck von unseren Stürmern. Bei Robin Meißner bin ich zu einhundert Prozent davon überzeugt, er ist ein Torjäger und kann zweistellig treffen in dieser Saison. Robin hat bereits drei Tore vorbereitet und erarbeitet sich teilweise Torchancen alleine, das ist wirklich gut. Dass er dann nicht alle davon reinmacht, ist klar. Ich hätte aber viel mehr Sorge, wenn wir diese Torchancen gar nicht hätten. Robin trägt viel Last auf seinen Schultern und vielleicht kann Julian ihm etwas davon nehmen. Das Gleiche gilt auch für Lars Kehl und David Kopacz.

Frage: Von beispielsweise Kai Pröger hätte man sich zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung mehr erwartet, oder?

Antwort: Kai kann mit seiner Erfahrung richtig gut für uns werden. Es stimmt, man hätte vielleicht erwartet, dass er viel mehr spielt. Aber er kam nicht ganz fit zu uns, der Prozess hat etwas länger gedauert als gedacht. Und vor allem: Die anderen Jungs auf seinen Positionen machen es wirklich gut - egal ob rechts auf der Schiene oder auf den Halbpositionen vorne. Ich bin mir sicher, dass er uns in der Rückrunde noch sehr helfen kann.

Frage: Wie beurteilen Sie, gemeinsam mit dem Trainerteam, die Torwartposition? Nummer eins Lukas Jonsson blieb nicht fehlerfrei in der Hinrunde.

Antwort: Darüber entscheiden Timo Schultz und Daniel Davari (Torwarttrainer, Anm. d. Red.). Ich habe aber einen sehr stabilen Lukas Jonsson gesehen. Er hat neun Mal zu Null gespielt, da stellt sich die Torwartfrage für mich nicht. Wir haben drei gute Torhüter mit ihm, Niklas Sauter und Mats Remberg. Aber Lukas hat uns auch hier und da Punkte gerettet und deshalb ist das kein Thema. Er funktioniert mit der Mannschaft, hat eine gute Ausstrahlung. 

Frage: Sucht der VfL denn noch nach weiteren Verstärkungen im Winter? Vielleicht auf der rechten Schiene?

Antwort: Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Wir haben selbst Spieler, die kaum gespielt haben, und wenn von denen jemand auf uns zukommt und sich verändern will, dann kann es sein, dass wir darauf reagieren. Im Moment wollen wir den Kader aber definitiv nicht mehr vergrößern und würden so in die Rückrunde gehen. Auf der rechten Seite haben wir mit Kai Pröger, “Isy” Badjie und Bashkim Ajdini drei Spieler neben Patrick Kammerbauer. Ich sehe uns da gut aufgestellt.

Frage: Möchte denn jemand gehen? Nikky Goguadze zum Beispiel soll vor einem Wechsel zum FC St. Pauli II stehen.

Antwort: Ich weiß nicht, woher ihr es habt, aber das ist okay. Bis jetzt ist noch nichts spruchreif, aber es kann Bewegung reinkommen. Wir treffen uns mit der Mannschaft am Wochenende wieder und dann werden wir schauen, ob jemand auf uns zukommt.

Frage: Wie ist die Situation bei Kevin Wiethaup? Sein Vertrag läuft aus, es gibt Gerüchte um ein Interesse aus der 2. Bundesliga.

Antwort: In der Rückserie wird er in Osnabrück bleiben. Bislang hat sich zumindest keiner aus Bochum, München oder sonst woher bei mir gemeldet. Er macht eine richtig gute Entwicklung unter unserem Trainer. Er hat in den letzten sechs Monaten mehr Fortschritte gemacht als in den vier Jahren zuvor. Ich sehe ihn gerne spielen, er hat tolle Fähigkeiten und ist natürlich interessant für andere Vereine. Aber das gilt für viele Spieler in unserem Kader. Fakt ist: Wir haben ihm im Sommer gesagt, dass wir gerne langfristig verlängern möchten. Ich würde es mir jedenfalls wünschen. Ich kann aber auch verstehen, dass er erstmal abwarten wollte, wie es läuft. Auch ich bin selbst gespannt darauf, was passiert. 

Frage: Die Verträge von mindestens zwei weiteren Spielern laufen aus: Lars Kehl und Yigit Karademir. Wie ist die Lage bei ihnen?

Antwort: Wir haben natürlich auch mit ihnen im Sommer gesprochen und signalisiert, dass wir sie halten wollen. Sie haben gesagt, dass sie bis zum Winter warten wollen, um zu schauen, wohin unser Weg führt. Jetzt im Januar werden wir uns zusammensetzen. Das ist aber ein ganz normaler Prozess und ich hoffe, dass wir es schaffen, ihre Verträge zu verlängern. Wir freuen uns aber, dass „Niki” Wiemann, „Isy” Badjie und Bernd Riesselmann sich frühzeitig entschieden und schon verlängert haben. 

Frage: Sie haben im Laufe der Hinserie mal gesagt, dass Cheftrainer Timo Schultz in dieser Saison der Königstransfer ist. Gilt das heute auch noch?

Antwort: Auf jeden Fall. Ich will nicht zu überschwänglich werden, aber er macht es für uns sehr leicht. Ich habe viel Vertrauen in ihn und seine Arbeit, weil ich sehe, wie er und das Trainerteam das Training und die Spiele vorbereitet, auf dem Platz arbeitet, Videositzungen plant und hält - das ist sehr überzeugend. Etwas Besseres hätte ich mir für uns nicht vorstellen können. Wir wussten, dass er menschlich zu uns passt, aber wie er sein Trainerteam und die Mannschaft führt und mit ihnen kommuniziert, ist auf einem sehr hohen Niveau. 

Frage: Gibt es für Sie eine Entdeckung der bisherigen Saison?

Antwort: Einen Spieler zu benennen, ist verdammt schwer. Aber es war für viele nicht leicht, das Potential von Bjarke Jacobsen einzuschätzen. Ich habe es als Trainer immer gehasst, gegen ihn zu spielen, weil er so gut war. Er war im Sommer verletzt, aber Sebastian Schwermann (Head of Performance) hat gesagt, dass er ihn hinbekommt. Bjarke ist, wie unser Kapitän Jannik Müller auch, ein Spieler, der die Jungs um sich herum besser macht. Es gibt in meinen Augen auf unserem Level kaum bessere Spieler auf dieser Position im defensiven Mittelfeld.

Frage: War es vielleicht sogar der Schlüssel für diese erfolgreiche Hinserie, dass der Trainer ein System gefunden hat, in dem sich die meisten Spieler gut wiederfinden?

Antwort: Definitiv. Als wir in den ersten Gesprächen mit Timo über die Mannschaft diskutiert haben, war das erste, was er sagte, dass die Mannschaft sich offenbar in der Dreierkette mit Jannik im Zentrum wohlfühlt. Wir haben dann da herum gebastelt und Stück für Stück hinzugefügt. 

Frage: Wie haben Sie sich selbst in der neuen Rolle als Direktor Fußball eingefunden?

Antwort: Vertrauen ist das wichtigste. Am ersten Spieltag gegen Aachen bin ich in der Pause in die Kabine und habe ein, zwei Spielern direkte Hinweise gegeben. Da habe ich gemerkt: Das wolltest du gar nicht mehr machen. Danach habe ich mich gefangen und auch die Entwicklung der Mannschaft gesehen. Heute spreche ich am Spieltag in der Pause ganz kurz mit Timo und sage ihm, was ich gesehen habe. Eigentlich ist es aber immer auch das, was er im Kopf hat oder Frithjof (Hansen, Co-Trainer), Ferydoon (Zandi, Co-Trainer) oder Ferhat (Findik, Videoanalyst) als Input mitbringen. Also fällt es mir leicht, mich nicht einzumischen, weil ich Vertrauen in sie alle habe.

Frage: Es geht im Alltag auch um viele andere Themen und Schnittstellen zum Technischen Direktor Daniel Latkowski und dem Nachwuchsleistungszentrum von Alexander Ukrow. Wie funktioniert das?

Antwort: Die Struktur tut mir sehr gut. Ich habe zwei Menschen an meiner Seite, mit denen ich gut funktioniere. Wir haben einen regelmäßigen Austausch miteinander, mit Daniel sitze ich sowieso gemeinsam im Büro. Bei Transfers gibt es keine feste Definition der Zuständigkeiten. Wer die besseren Kontakte hat, macht die ersten Schritte. Die Entscheidungen treffen wir gemeinsam, natürlich auch mit Timo. Grundsätzlich verstehen, respektieren und vertrauen wir uns. Das ist entscheidend dafür, dass es in der Konstellation und Struktur funktioniert.

Frage: Springen wir einmal zum Start des Interviews: Julian Kania weiß, wie Aufstieg funktioniert. Ist das nun das neue Ziel?

Antwort: Als ich es gesagt habe, habe ich selbst gezuckt.(lacht) Im Ernst: Wir haben zu Saisonbeginn gesagt, dass wir eine bessere Rück- als Hinrunde spielen wollen. Wenn wir das tun, sind wir in einer unfassbar engen Liga oben dabei. Eins unserer Ziele war auch, im April in Schlagdistanz zu sein. Jetzt gerade sind wir es - und natürlich sind wir ehrgeizig. Wenn wir am Saisonende die Chance auf den Aufstieg haben, wollen wir ihn mit aller Macht schaffen. Auch der Einzug in den DFB-Pokal war ein Ziel und das geht nur noch, wenn wir mindestens Vierter werden.

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