Osnabrück  Rechtsruck vor Ort: Wie die AfD den Landkreis Osnabrück bei der Wahl 2026 prägen könnte

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 04.01.2026 08:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende Adrian Maxhuni (l.) und AfD-Kreisparteichef Marcel Queckemeyer vor dem Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten in Fürstenau: Von hier aus treibt die AfD ihren Ausbau im Landkreis voran – mit Blick auf die Kommunal- und Landratswahl 2026. Foto: André Havergo
Der stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende Adrian Maxhuni (l.) und AfD-Kreisparteichef Marcel Queckemeyer vor dem Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten in Fürstenau: Von hier aus treibt die AfD ihren Ausbau im Landkreis voran – mit Blick auf die Kommunal- und Landratswahl 2026. Foto: André Havergo
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Bei der Bundestagswahl im Februar hat die AfD ihr Ergebnis im Kreis Osnabrück fast verdreifacht: Was es bedeuten würde, wenn die Rechtspopulisten auch bei der Kommunalwahl 2026 plötzlich drittstärkste Kraft im Landkreis wären oder der AfD-Landratskandidat in die Stichwahl käme.

Die entscheidende Frage für das Osnabrücker Land lautet nicht mehr, ob die AfD politisch relevant ist – sondern was es bedeuten würde, wenn sie auf kommunaler Ebene so stark wird wie bei der Bundestagswahl 2025. Diese Wahl war ein Einschnitt. Sie hat sichtbar gemacht, wie deutlich sich politische Kräfteverhältnisse verschoben haben – und sie wirkt bis in das Wahljahr 2026 hinein.

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte die AfD im Landkreis Osnabrück 18,1 Prozent der Stimmen, während SPD, Grüne und FDP deutliche Verluste hinnehmen mussten. Vier Jahre zuvor, 2021, hatten die Rechtspopulisten nur 6,7 Prozent der Stimmen geholt. Innerhalb nur einer Wahlperiode hat die Partei ihr Ergebnis damit nahezu verdreifacht.

Es war das stärkste AfD-Ergebnis, das es je bei einer Bundestagswahl im Landkreis Osnabrück gegeben hat. Und es war kein Zufall. Die Partei hat sich vor allem im ländlichen Raum eine feste Wählerbasis aufgebaut. Genau dieses Ergebnis ist nun der Maßstab für die Kommunalwahl am 13. September 2026.

Sollte die AfD bei der Kommunalwahl 2026 erneut in die Nähe dieser 18 Prozent kommen, hätte das unmittelbare Folgen für den Kreistag. Zum Vergleich: Bei der Kommunalwahl im September 2021 erzielte die AfD lediglich 2,8 Prozent der Stimmen und erhielt zwei Sitze. Nach internen Zerwürfnissen – Kreistagsmitglied Marcel Queckemeyer zerstritt sich mit seiner damaligen Fraktionskollegin Tanja Bojani – ist er heute sogar das einzige verbliebene AfD-Mitglied im Kreistag. 2021 dominierten CDU und SPD klar, die Grünen stellten elf Sitze. Würde die AfD ihr Rekordergebnis von der Bundestagswahl 2025 auch bei der Kommunalwahl 2026 bestätigen, könnte die Partei drittstärkste Kraft werden – mit mutmaßlich mehr als zwölf Sitzen. Mehrheiten wären dann nicht mehr selbstverständlich ohne die AfD möglich.

Noch brisanter ist ein zweites Szenario. Erstmals tritt die AfD 2026 mit einem eigenen Kandidaten zur Landratswahl an: Jörg Dilge. Der 59-Jährige leitet das Cabrio-Zentrum Osnabrück, begann 1982 als Lehrling beim Autobauer Karmann und machte sich nach dessen Insolvenz im Jahr 2010 selbstständig. Parteipolitisch ist Dilge bislang kaum in Erscheinung getreten. Genau das macht ihn für die AfD so interessant: Er soll der Partei einen bürgerlichen, wirtschaftsnahen Anstrich verleihen.

Bei der Wahl im September 2026 tritt Dilge gegen Amtsinhaberin Anna Kebschull, die „als parteiübergreifende Einzelbewerberin“ ins Rennen geht, sowie gegen den CDU-Kandidaten Thomas Spieker an. Schon ein Einzug des AfD-Kandidaten in die Stichwahl würde die politische Lage verändern: Die Partei könnte sich als reale Machtoption präsentieren – unabhängig davon, wie die Wahl am Ende ausgeht.

Das Jahr 2025 hat nicht nur gezeigt, wie stark die AfD geworden ist, sondern auch, wie sie Politik machen will, wenn sie Aufmerksamkeit erhält. Parteichef Queckemeyer inszeniert sich öffentlich gern als pragmatischer Gestalter. Bei Bürgerdialogen und Veranstaltungen hat er jedoch wiederholt nachweislich falsche oder irreführende Aussagen verbreitet. So behauptete Queckemeyer beim AfD-Bürgerdialog in Badbergen im August, moderne Windkraftanlagen würden „0,4 Hektar Fläche pro Stück versiegeln“ und seien „ein großes Problem für den Wasserhaushalt“. Fachstellen widersprechen dem eindeutig: Die dauerhaft versiegelte Fläche liegt tatsächlich nur zwischen 0,01 und 0,05 Hektar, Auswirkungen auf das Grundwasser sind nicht bekannt. Nach der AfD-Logik soll bei den Zuhörern ohnehin vor allem die große Zahl hängen bleiben – und damit der Eindruck, Windkraft zerstöre in großem Stil die Umwelt.

Noch gravierender sind die Aussagen zur Atomkraft. Queckemeyer erklärte in Badbergen öffentlich, Atommüll sei eigentlich „eine Wertstoffhalde“. Mit den „Wertstoffen“, die „im Moment in der Asse“ lagerten, habe man „Energie für die nächsten 800 Jahre“. Fachbehörden stellen klar: In der Schachtanlage Asse lagern keine wiederverwertbaren Brennstäbe, sondern schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Atommüll ist kein Rohstoff, sondern gefährlicher Abfall. Das Problem liegt nicht nur in diesen Falschbehauptungen selbst, sondern in ihrer Wirkung. Wenn solche Aussagen politisch wirksam werden, beeinflussen sie Entscheidungen über Energieprojekte, Infrastruktur, Umweltpolitik und Investitionen. Kommunalpolitik ist kein abstraktes Feld – hier werden ganz konkrete Weichen gestellt.

Eine AfD, die 2026 an das Bundestagsergebnis von 18,1 Prozent anknüpft, hätte im Kreistag deutlich mehr Redezeit, könnte mehr Anträge stellen, bekäme automatisch mehr öffentliche Aufmerksamkeit und hätte damit auch mehr Möglichkeiten, Debatten zu provozieren und politische Abläufe zu dominieren. Selbst ohne formelle Machtbeteiligung würde sie den Ton verschärfen und den politischen Alltag verändern.

Auffällig ist dabei ein Widerspruch. Die AfD bemüht sich um einen bürgerlichen Auftritt – schottet sich aber zugleich ab. Beim Kreisparteitag im Sommer 2025 ließ der Kreisverband keine Presse zu, obwohl dort Vorstandswahlen stattfanden. Der Parteitag fand schließlich im Fürstenauer Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Marcel Queckemeyer statt, nachdem ein ursprünglich geplanter Veranstaltungsort abgesagt worden war. Gerade für eine Partei, die bundesweit unter Beobachtung steht, wäre Transparenz ein wichtiges Signal gewesen. Stattdessen entschied man sich für Abschottung. Das wirft Fragen auf, wie viel Offenheit und demokratische Kontrolle die AfD tatsächlich zulassen will.

Parallel treibt die AfD ihren strukturellen Ausbau voran. Adrian Maxhuni, stellvertretender Vorsitzender der AfD Osnabrück-Land, wurde Ende 2025 zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der neu gegründeten Jugendorganisation „Generation Deutschland“ gewählt. Der 29-Jährige aus Gehrde kündigte an, zügig neue Landes- und Kreisverbände aufzubauen – auch im Osnabrücker Land, mutmaßlich zunächst im Nordkreis, wo die AfD seit Jahren besonders stark abschneidet.

Die AfD plant nicht kurzfristig, sondern auf Dauer. Damit wächst die Gefahr, dass kommunale Politik künftig nicht nur mit populistischen Forderungen konfrontiert wird, sondern mit einem organisierten Apparat, der Kampagnen durchzieht: mobilisieren, provozieren, polarisieren – und dabei die Grenze dessen verschieben, was „sagbar“ ist.

Dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage in Deutschland seit Anfang 2025 nicht verbessert hat und der Landkreis Osnabrück zugleich mit einem Defizit von rund 40 Millionen Euro für den Haushalt 2026 plant, bildet den Hintergrund, vor dem einfache Antworten besonders leicht verfangen. Genau davon könnte die AfD profitieren. Die Bundestagswahl 2025 hat gezeigt, wie stark die AfD im Landkreis Osnabrück geworden ist. Die Kommunalwahl am 13. September 2026 entscheidet, ob daraus reale politische Macht wird. Nicht abstrakt, nicht irgendwo – sondern direkt vor Ort. Und mit Folgen, die weit über den Wahlabend hinausreichen.

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