Ostfriesland  Sie ist Nazi-Tätern auf der Spur

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 30.12.2025 14:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Miriam Klapproth forscht zu NS-Parteifunktionären in Ostfriesland. Bis 2028 soll die Doktorarbeit fertig sein. Foto: Pia Pentzlin
Miriam Klapproth forscht zu NS-Parteifunktionären in Ostfriesland. Bis 2028 soll die Doktorarbeit fertig sein. Foto: Pia Pentzlin
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Was hat Ostfriesen dazu motiviert, Politik und Propaganda für die Nazis zu machen? Eine ostfriesische Historikerin erforscht diese und weitere Fragen.

Aurich - Sie hießen Heinrich Fisser, Friedrich Denekas, Adam Schoof oder Meint Bünting. Und sie alle hatten eine Gemeinsamkeit: Sie waren Nazis. Denn die Männer haben als Ortsgruppenleiter dafür gesorgt, die Politik der NSDAP in Ostfriesland zu verankern.

Aufgelistet sind diese und weitere Männer in einer Tabelle, die Miriam Klapproth veröffentlicht hat. Die gebürtige Leeranerin ist Historikerin und beschäftigt sich für die Ostfriesische Landschaft mit der NS-Vergangenheit Ostfrieslands. Genauer gesagt: Mit dem NSDAP-Führungskorps in der Region.

Historikerin will wissen, was Täter angetrieben hat

Nach dem Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte hätte für die 32-Jährige eigentlich ein Referendariat auf dem Plan gestanden. Eine Kooperation ihrer Uni – der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg – und der Ostfriesischen Landschaft erfüllt ihr aber nun den Traum, historisch arbeiten zu können. Möglich machen das unter anderem Gelder von der Samson-Charity-Foundation aus der Schweiz und der Gerhard-ten-Doornkaat-Koolman-Stiftung aus Norden.

Haupt-Arbeitsort für Miriam Klapproth ist die Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Foto: Pia Pentzlin
Haupt-Arbeitsort für Miriam Klapproth ist die Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Foto: Pia Pentzlin

Statt einem Referendariat promoviert Klapproth – sie schreibt also eine Doktorarbeit. Darin widmet sie sich dem Thema, das für Ostfriesland nicht unbedeutend ist. Die 32-Jährige möchte wissen, welche Personen die Ortsgruppen der NSDAP in Ostfriesland geleitet haben. Was hat diese Männer dazu bewegt, für die Nazis Politik und Propaganda zu machen? Wie sahen ihre Netzwerke und ihr Umfeld aus? Welche Karrieren haben sie innerhalb der Partei gemacht? Kurz: Was hat die hiesigen Täter angetrieben? Diese und andere Fragen möchte Klapproth wissenschaftlich klären. Vergleichbare Studien gibt es schon für andere Regionen – für Ostfriesland aber noch nicht.

„F. hat sich für die Interessen der NSDAP stark eingesetzt“

Die Leiter der Ortsgruppen – die Klapproth aktuell und in den nächsten Jahren untersucht – waren die Verbindung zwischen dem NS-Regime und der lokalen Bevölkerung. Das betont die Historikerin bei dem Treffen mit der Redaktion. Diese Ortsgruppenleiter seien es gewesen, die die NS-Politik überhaupt erst vor Ort einführen und umsetzen konnten. Die „Ortsgruppen galten daher auch als ‚Fundament der Diktatur‘“, so Klapproth. Im Kreis Aurich waren die Leiter beispielsweise die schon genannten Männer Heinrich Fisser, Friedrich Denekas, Adam Schoof oder Meint Bünting.

Heinrich Fisser etwa war von 1931 bis 1936 Leiter NSDAP-Ortsgruppe in der Stadt Aurich. „F. hat sich für die Interessen der NSDAP stark eingesetzt und betätigt“, steht in einer Stellungnahme des Deutschen Entnazifizierungs-Ausschusses. Fisser gelte als politisch belastet. Die Zulassung seiner Bewerbung, als Leiter eines Lebensmittelgeschäftes zu arbeiten, lehnte der Ausschuss 1947 ab. Einzelheiten zu Fissers Person – etwa, was ihn motivierte, für die NSDAP tätig zu sein und warum er das Amt nur bis 1936 ausübte, ist dem Papier nicht zu entnehmen. Aus diesen Fundstücken und Puzzleteilen ein Gesamtbild zu formen, ist jetzt die Aufgabe von Klapproth.

Nazis haben viele Akten vernichtet

Bevor sie forschen konnte, musste die 32-Jährige erstmal in Archive gehen. „Das ist wichtig, um erstmal zu schauen, welches Material vorhanden ist. Beziehungsweise, ob überhaupt Material vorhanden ist“, erklärt Klapproth. Das nennt man Machbarkeitsstudie. „Kurz vor Kriegsende wurde von Seiten der Nationalsozialisten vieles vernichtet“, erklärt Klapproth. Um zu schauen, ob speziell ihr Projekt umsetzbar ist, hat Klapproth überprüft, welche Personen überhaupt als NS-Parteifunktionäre in Ostfriesland tätig waren. „Da hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass es wirklich viele unterschiedliche Personen waren, die unterschiedliche Funktionen hatten.“ Mit Posten hatten es die Nazis: „Darunter waren zum Beispiel Kreisleiter, Kreisfrauenschaftsleiterinnen, Ortsgruppenleiter, Ortsfrauenschaftsleiterinnen, SA-Standartenführer und Vorsitzende der Kreisgerichte“, so Klapproth.

Da es aber im Rahmen ihrer Doktorarbeit nicht möglich ist, alle diese Posten und die Menschen dahinter genauer zu untersuchen, musste Klapproth einen Fokus setzen. Das Vorhaben, weibliche NS-Täterinnen ins Visier zu nehmen, musste die 32-Jährige wegen fehlender Quellen aufgeben. Stattdessen liegt der Fokus allein auf den Ortsgruppenleitern. Da gibt es die meisten Quellen. Wobei unterschieden werden muss: die Quellenlage ist von Kreis zu Kreis unterschiedlich. So konnten bisher in Leer 77 Orts- und Kreisgruppenleiter ermittelt werden, in Aurich 53 in Wittmund hingegen nur 35. Warum das so ist, kann Klapproth derzeit nicht mit Gewissheit sagen. Die Quellensichtung läuft noch und die Zahlen können sich deshalb noch verändern.

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Historikerin besuchte bundesweit Archive

Direkt im Anschluss an die Machbarkeitsstudie startete dann auch schon die Forschung für die Doktorarbeit. Besonders spannend an dieser Phase der Arbeit: „In der Machbarkeitsstudie habe ich erst mal nur von außen auf die Themen geschaut. Von daher wusste ich nur, dass es zu einem bestimmten Ortsgruppenleiter eine Entnazifizierungsakte gibt, eine Spruchgerichtsakte oder vielleicht noch eine Akte aus der NS-Zeit. Aber wie umfangreich diese Akten sind, wusste ich da noch nicht“, erklärt Klapproth. Deshalb ging es dann in der ersten Zeit der Forschung für die Historikerin in die Archive dieses Landes. Zum Beispiel nach Berlin oder Koblenz zu zwei Standorten des Bundesarchivs. Erst einmal aber in das in Niedersächsische Landesarchiv in Aurich, weil dort die genannten Entnazifizierungsakten liegen. Zur Entnazifizierung muss aber gesagt sein: „In der Forschungsliteratur wird die Entnazifizierung sehr kritisch betrachtet und nicht selten als gescheitert beschrieben“, macht Klapproth deutlich. Anfang 2025 führte es die 32-Jährige dann nach Berlin – um sich die Parteiunterlagen und Personalakten der NSDAP anzuschauen.

Im Bundesarchiv liegen sämtliche Akten zur Deutschen Geschichte. Das Archiv hat zwei Standorte: in Berlin und in Koblenz. Foto: Thomas Frey/dpa
Im Bundesarchiv liegen sämtliche Akten zur Deutschen Geschichte. Das Archiv hat zwei Standorte: in Berlin und in Koblenz. Foto: Thomas Frey/dpa

„Da hat man definitiv einzelne Glücksmomente gehabt, erzählt Klapproth von einem Fund aus Berlin. „Da hatte ich beispielsweise eine Akte vom Obersten Parteigericht der NSDAP auf dem Tisch, wo einzelne Ortsgruppenleiter in komplexere Korruptionsskandale involviert waren. Diese Akten waren wirklich umfangreich - mit teilweise mehr als 300 Seiten“, so Klapproth. Das seien im Verhältnis aber wirklich Ausnahmen gewesen. Nach Berlin führte es die Historikerin dann ins Rheinland, nach Koblenz. Dort liegen im Bundesarchiv die Akten der ehemaligen Spruchgerichte der britischen Zone. Das sind die Gerichte, die für die Entnazifizierung zuständig waren – dort wurden NS-Verbrecher zur Rechenschaft gezogen.

2026 sollen alle Quellen ausgewertet werden

Diese Akten der Spruchgerichte enthalten laut der Historikerin sehr viel wichtiges Material, mitunter auch persönliche Stellungnahmen. „Das war also eine sehr erfreuliche Quellenrecherche“, so die 32-Jährige. Bei den Entnazifizierungsakten aus dem Landesarchiv sei das nicht immer so gewesen. Auch wenn sie mit Abstand den größten Quellenbestand darstellen.

Im weiteren Verlauf der Forschung könnten auch alte Zeitungsausgaben interessant werden. Hier ein Beispiel des ostfriesischen Propaganda-Blattes, das zwischen 1932 und 1945 erschienen ist. Foto: Pia Pentzlin
Im weiteren Verlauf der Forschung könnten auch alte Zeitungsausgaben interessant werden. Hier ein Beispiel des ostfriesischen Propaganda-Blattes, das zwischen 1932 und 1945 erschienen ist. Foto: Pia Pentzlin

In diesem Jahr, 2025, lag der Fokus der Arbeit von Klapproth ganz klar auf der Quellenrecherche. Im kommenden Jahr will die Historikerin die Akten auswerten. Änderungen am Forschungsschwerpunkt sind also noch möglich, weil die 32-Jährige noch nicht den vollständigen Inhalt aller Quellen kennt. Im Sommer 2028 soll die Doktorarbeit dann fertig sein – mit tiefen Einblicken in bisher unbekannte NS-Parteifunktionäre in Ostfriesland. Und was sie motiviert hat, dieses Amt auszuführen.

„Sichtbar machen, was geschehen ist“

Relevant ist diese Forschung nicht nur wegen der Schlüsselrolle der Ortsgruppenleiter in der NS-Politik. Für Klapproth gibt es noch einen anderen Grund: „Vielleicht haben meine Vorfahren neben Funktionären gewohnt, die darüber Bescheid wussten, dass es Vernichtungslager gegeben hat und die wussten, was darin passiert ist“, sagt die Historikerin.

Im Zeitungsarchiv der Ostfriesischen Landschaft lagern tausende Ausgaben von Lokalzeitungen. Foto: Pia Pentzlin
Im Zeitungsarchiv der Ostfriesischen Landschaft lagern tausende Ausgaben von Lokalzeitungen. Foto: Pia Pentzlin

Vielen sei das im Alltag gar nicht so bewusst gewesen – oder sie wollten es schlichtweg nicht wahrhaben. Ein Grund, weshalb es manchen Personen nicht gefallen könnte, dass am Ende auch eine Online-Datenbank mit den Biografien der ermittelten Ortsgruppenleitern veröffentlicht werden soll. „Es ist anzunehmen, dass einige Ostfriesinnen und Ostfriesen ihren Familiennamen nicht unbedingt in so einer Datenbank sehen möchten. Aber es liegt in unserer Verantwortung, sichtbar zu machen, was geschehen ist“, sagt Klapproth.