Osnabrück  „Fast immer teurer“: Was die Medizinhochschule Osnabrück aus Brandenburg lernen kann

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 29.12.2025 11:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der geplante Aufbau der Medizinischen Hochschule Osnabrück soll dem Ärztemangel entgegenwirken – doch Erfahrungen der Medizinischen Hochschule Brandenburg zeigen, dass Genehmigung, Forschung und Personal deutlich höhere Kosten verursachen können als zunächst geplant. Foto: Imago/Zoonar.com/Markus Mainka
Der geplante Aufbau der Medizinischen Hochschule Osnabrück soll dem Ärztemangel entgegenwirken – doch Erfahrungen der Medizinischen Hochschule Brandenburg zeigen, dass Genehmigung, Forschung und Personal deutlich höhere Kosten verursachen können als zunächst geplant. Foto: Imago/Zoonar.com/Markus Mainka
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Zehn Millionen Euro sollen für den Aufbau der Medizinischen Hochschule Osnabrück reichen. Doch Erfahrungen aus Brandenburg zeigen: Akkreditierung, Forschung und Personal treiben die Kosten weit über frühe Planungen hinaus.

Mit der geplanten privaten Medizinischen Hochschule Osnabrück wollen Stadt und Landkreis dem Ärztemangel in der Region begegnen. Rund zehn Millionen Euro sollen bis zum Hochlauf der Hochschule mit perspektivisch 500 Studierenden investiert werden. Doch reicht dieser Betrag aus, um einen Medizinstudiengang dauerhaft und erfolgreich zu etablieren? Ein Vergleich mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) zeigt, dass der Aufbau deutlich komplexer – und teurer – ist, als es frühe Planungen oft vermuten lassen.

Die MHB wurde vor elf Jahren gegründet und staatlich anerkannt. Sie ist eine private Hochschule in kommunaler und gemeinnütziger Trägerschaft und arbeitet heute an vier Campusstandorten im Land Brandenburg: in Neuruppin, Brandenburg an der Havel, Bernau bei Berlin sowie in der Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin. Bei der Planung ähnlicher Hochschulprojekte wird die MHB häufig zum Vergleich herangezogen.

Der Gründungsdekan der MHB, Professor Dieter Nürnberg, hat den Aufbau der Hochschule von Beginn an begleitet und ordnet die Osnabrücker Planungen vor diesem Hintergrund ein. Wichtig seien zunächst zwei formale Voraussetzungen: „Die beiden entscheidenden Schritte für jede neue medizinische Hochschule sind die Anerkennung durch das Land und die Zertifizierung durch den Wissenschaftsrat. Diese Dinge sind langfristig unbedingte Voraussetzung für einen erfolgreichen Studiengang“, sagt Nürnberg.

In Osnabrück stehen diese beiden Schritte noch an. Nach den bisherigen Planungen sollen zunächst die inhaltlichen und strukturellen Grundlagen für den Studiengang geschaffen werden. Dazu zählen das Studienkonzept, die notwendigen Ordnungen sowie die Vorbereitung der Antragsunterlagen. Erst auf dieser Basis sollen die Verfahren zur staatlichen Anerkennung durch das Land Niedersachsen und zur wissenschaftlichen Begutachtung eingeleitet werden. Beide Schritte sind damit Teil der nächsten Projektphase, die ab 2026 beginnen soll.

In Brandenburg hat der Weg von der politischen Willensbekundung bis zur staatlichen Anerkennung gut zwei Jahre gedauert. Nürnberg erklärt: „Erst wenn diese Anerkennung vorliegt, ergibt die Gründung wirklich Sinn, weil dann auch die Berufung der Gründungsprofessoren möglich ist.“ Für Osnabrück bedeutet das: Selbst bei einem reibungslosen Verfahren ist Zeit ein kritischer Faktor.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Wissenschaftsrat. „Der Wissenschaftsrat kommt im Verfahren häufig mit Nachforderungen – etwa bei Professuren oder Personalstrukturen“, berichtet Nürnberg. Diese Anforderungen seien fachlich nachvollziehbar, würden aber in frühen Kostenkalkulationen meist nicht vollständig berücksichtigt. Bei der MHB hatte das konkrete Konsequenzen. „Wir bekamen die Auflage, mit der Psychologie einen zweiten Studiengang zu schaffen. Ein Studiengang ausschließlich für Humanmedizin wäre nicht ausreichend gewesen“, so Nürnberg. Der zusätzliche Studiengang brachte weitere Professuren, mehr Personal und höhere Kosten mit sich.

Hier setzt Nürnbergs grundsätzliche Kritik an. „Um die Träger überhaupt zu motivieren, ein solches Projekt anzugehen, müssen die Kosten zunächst möglichst gering gehalten werden“, sagt er. In der Praxis zeige sich dann fast immer, dass es teurer werde – „so war es jedenfalls bei uns. Spätestens wenn der Wissenschaftsrat zusätzliche Professuren oder Strukturen verlangt, steigen die Kosten. Das ist ein systemisches Unterschätzen“. Die MHB habe niedrige Zahlen präsentieren müssen: „Man ist gezwungen, am Anfang immer zu erklären, dass es nicht viel kostet – und später wird es dann teurer. Das ist Politik“, so Nürnberg. Aus der damaligen Sicht seien die Annahmen der MHB aber „realitätsnah“ gewesen. Im Laufe der Zeit hätten sie sich dann als unzureichend erwiesen.

Besonders deutlich wird Nürnberg bei der Frage der Zulassungspraxis. „Wir hätten die Zulassung nicht bekommen, wenn wir im Antrag zur Anerkennung des Studiengangs geschrieben hätten, dass wir staatliche Mittel brauchen oder wie hoch die tatsächlichen Kosten sind“, sagt er. Die MHB habe zusichern müssen, ohne öffentliche Finanzierung auszukommen. Erst nach der Zulassung habe man sich um Unterstützung bemüht. „Hätten wir von Anfang an die wahren Kosten offengelegt, hätte die MHB keine Zulassung bekommen“, sagt Nürnberg rückblickend.

Ein wesentlicher Kostentreiber, der in frühen Planungen häufig unterschätzt werde, sei die Forschung. „Die Lehre kann man grundsätzlich selbst stemmen, die Forschung nicht“, sagt Nürnberg. Für einen ernsthaften Forschungsbetrieb brauche es zusätzliche Geldgeber, etwa das Land, dauerhaft eingeworbene Drittmittel oder einen starken Großsponsor.

Die Entwicklung der MHB verdeutlicht diese Dynamik. Im zehnten Jahr ihres Bestehens liegt der jährliche Gesamtetat der Hochschule laut Nürnberg bei rund 27 Millionen Euro. Der überwiegende Teil werde über Studiengebühren finanziert, da die MHB inzwischen etwa 1200 Studierende habe. Gleichzeitig ist die Forschung zu einem gewichtigen Kostenblock geworden. „Die Forschung macht mittlerweile etwa ein Drittel des Gesamtetats aus“, erklärt Nürnberg. Pro Jahr stehen dafür rund zehn Millionen Euro zur Verfügung. Diese Summe wird zur Hälfte durch eingeworbene Drittmittel und zur anderen Hälfte durch Landesförderung gedeckt. Aktuell erhält die MHB rund fünf Millionen Euro pro Jahr vom Land. In den Jahren zuvor waren es 6,6 Millionen Euro, diese Mittel sind jedoch gekürzt worden. „Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass das Land die Forschung unterstützt“, betont Nürnberg. Ohne diese Mittel wäre der erfolgreiche Betrieb und die Rezertifizierung der Hochschule seinen Angaben zufolge „nicht zu gewährleisten“.

Auch die Trägerstruktur der MHB unterscheidet sich von vielen privaten Hochschulmodellen. „Die beiden Hauptträger, die zusammen mehr als zwei Drittel der Anteile halten, sind der Landkreis Ostprignitz-Ruppin mit seinem Klinikum sowie die Stadt Brandenburg an der Havel“, sagt Nürnberg. Hinzu kommen kommunale Stadtwerke, eine Sparkasse und ein gemeinnütziger kirchlicher Träger. „Einen finanzstarken Großkonzern im Hintergrund haben wir nicht“, so Nürnberg.

Was bedeutet all das für Osnabrück? Der Vergleich mit Brandenburg zeigt: Zehn Millionen Euro können ein wichtiges Startsignal sein. Fraglich bleibt jedoch, ob dieser Betrag die tatsächlichen Anforderungen vollständig abbildet. Genehmigung, Akkreditierung, Forschung, Personal und der lange zeitliche Vorlauf könnten die Kosten deutlich über frühe Annahmen hinaus treiben.

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