Osnabrück Alles Schrott: Was sich in Alexander Thießens Osnabrücker „Rage Room“ angesammelt hat
Die Zeit „zwischen den Jahren“ hat Alexander Thießen genutzt, um Osnabrücker zum Müll abladen zu bewegen – für seinen Rage Room in der Johannisstraße. Wir waren beim Tag der offenen Tür dabei.
Die Gegend rund um die ehemalige Osnabrücker Filmpassage zwischen Johannis- und Kommenderiestraße kennt Alexander Thießen gut. Nur zwei Straßenreihen stadteinwärts von diesem Areal entfernt lebt der gebürtige Hildesheimer – und ärgert sich darüber, dass in der Nachbarschaft immer wieder Müll mitten auf der Straße „entsorgt“ wird. Lieber sollten sich ausgemusterte Möbelstücke oder Elektrogeräte bei ihm ansammeln – nicht zu Hause, sondern im „Geschäft“: Für seinen „Rage Room“ hat er die früheren Kinosäle 1 und 2 angemietet.
Dafür hat er am Samstag zwischen Weihnachten und Neujahr erstmals dessen Türen geöffnet. Denn für sein „SmashN’Paint“-Projekt braucht er genau solches Material. Wenn rund ein Jahr nach der ersten Besichtigung der Räumlichkeiten alle bürokratischen Hürden beseitigt sind, sollen dort ab Ende Januar oder Anfang Februar Osnabrücker die Möglichkeit bekommen, Dampf abzulassen, indem sie auf alte, nicht mehr gebrauchte Gegenstände einschlagen. Zum Beispiel auf einen Röhrenfernseher, den eine Familie per Bollerwagen vorbeigebracht hat.
Auch eine Flachbild-Variante ist unter den Dingen, die sich im Laufe des ersten öffentlichen Entsorgungstages angesammelt haben. Sie gesellt sich zu alten Druckern, Monitoren oder Mikrowellen, die im provisorischen Lager auf ihren letzten Verwendungszweck warten. Auch Porzellan darf zerschlagen werden – für alle, die mal wieder nicht zum Polterabend eingeladen worden sind.
Wer hingegen seinen Bürofrust rauslassen möchte, kann in Zukunft eine „Bildschirmzeit“ der etwas anderen Art buchen. In der Regel dauere eine „Session“ rund 60 Minuten, erklärt Thießen – bis eben „alles kaputt“ sei. Schutzkleidung sowie Schlaginstrumente wie Hammer oder Baseballschläger werden nach einer kurzen Sicherheitseinweisung zur Verfügung gestellt. Und auf Wunsch auch ein Stativ, um sich beim kontrollierten Aggressionsabbau selbst filmen zu können.
Wo man es sich früher im Kinosessel gemütlich gemacht hat, um Action auf der Leinwand zu sehen, kann man demnächst also für je nach „Ausstattung“ 60 bis 100 Euro pro Stunde selbst draufhauen – allein oder in der Gruppe. Die Anmeldeliste ist schon recht lang, verrät Thießen – und auch, dass die Frauen in der Überzahl sind. Insbesondere für Kinder und Schulklassen soll es neben drei Rage- auch zwei „Paint Rooms“ geben mit Lein- und anderen Wänden zum kreativen Bemalen.
Das Material für die Wut-Räume (deutsch für „Rage“) für Erwachsene bezieht Thießen nicht nur von Spendern, sondern sozusagen auch aus eigener „Produktion“. Denn parallel betreibt er ein Entrümpelungsunternehmen, das sich unter anderem um Haushaltsauflösungen kümmert. „Es ergänzt sich gegenseitig“, beschreibt er die selbstgemachte Win-win-Situation.
Auch der Mülldeponie am Piesberg arbeitet er quasi zu, indem er mindestens jeden zweiten Tag mit dem Firmen-Bulli dort das bereits manuell durch seine Kunden vorgeschredderte Entsorgungs- oder Recycling-Material vorbeibringen wird. Nicht alles wird er aber zum Zerschlagen anbieten. Großgeräte mit Gefahrenstoffen wie ein Herd oder ein Kühlschrank zum Beispiel eignen sich nicht für einen Rage Room, erklärt Thießen.
Und auch bei antiken Stücken wie einer alten Standuhr, die er vor Kurzem aus dem Nachlass eines aufgelösten Haushalts mitgebracht hat, zieht der Entrümpeler und Aggressionsabbauhelfer eine Grenze: Die wäre viel zu schade und wahrscheinlich auch viel zu wertvoll, um zerschlagen zu werden, und bleibe deshalb „heile“, versichert Thießen. Im Gegensatz zur modernen, scheußlichen Stehlampe. Die kann nicht nur weg, sondern auch kaputt gehen.